Amnesty International klagt an

Gefangen in Syrien: Dies ist ein Brief aus der Hölle

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In Syrien durchleiden die Gefangenen Höllenqualen.

Saydnaya - Gefangene in Syrien durchleben die Hölle. Darauf macht nun Amnesty International aufmerksam. Die Menschenrechtsorganisation veröffentlicht einen Brief eines Häftlings.

Es ist ein "Katalog von Horrorgeschichten": Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International prangert in einem erschütternden Bericht die Zustände in syrischen Gefängnissen an. Mindestens 18.000 Menschen seien in Assads Gefängnissen ums Leben gekommen - verhungert, zu Tode gefoltert oder totgeprügelt. Den Häftlingen würden die Fingernägel herausgerissen, sie würden mit Elektroschocks gequält, müssten in völlig überfüllten Zellen neben Leichen schlafen. Amnesty wertete für den Bericht die Aussagen von 65 früheren Häftlingen in syrischen Gefängnissen aus. Eingesperrt und gefoltert werde jeder, der unter dem Verdacht stehe, gegen die Regierung Assad zu sein, so Amnesty Nahost-Direktor Philip Luther. Die tz veröffentlicht in Auszügen einen Brief eines Gefangenen, der 20 Monate lang in Saydnaya festgehalten wurde, einem der brutalsten Gefängnisse Syriens.

Brief eines Gefangenen

"Es gibt keine Worte, die unsere tägliche Hölle beschreiben können. Eine Hölle, die täglich damit endet, dass einer von uns stirbt, in ein Tuch gewickelt. Und in der wir die Wahl haben zwischen einem schnellen Tod durch die Hand eines Vernehmungsbeamten, dem unsere Aussage nicht gefällt, und einem langsamen Tod in einem Käfig, der unsere Körper langsam aufzehrt.

Luftaufnahme von Saydnaya.

Die Angst bleibt auch nach der Entlassung aus dem Gefängnis unser ständiger Begleiter. Angst, nach Saydnaya zurück zu müssen. Angst um die, die dort hinmüssen und um Freundinnen und Freunde, die noch dort sind. Angst vor dem Klang der Metallgitter und vor den Schreien, die mich bis zum Einschlafen verfolgen. Angst vor dem Weg zum Gericht. Angst vor Kälte, Krankheit und einem Hunger, der mit keiner anderen Art von Hunger zu vergleichen ist. Zum Überleben essen wir Eierschalen, mit Glück Orangenschalen, selbst Erde.

Wir haben die schlimmste Form von Hunger erlebt. Lebensmittel werden uns hingeworfen, wir können aber nichts nehmen, nicht einmal einen Brotkrumen. Wir wagen es nicht, denn die Bestrafung hängt von der Laune des Gefängniswärters ab.

Wir haben Durst erlebt, bis unsere Lippen so fest zusammenklebten, dass wir sie nicht mehr auseinanderbekamen. Und dann erlebten wir, wie man stirbt, wenn man sich über eine Krankheit beklagt oder um Medikamente bittet.

Unsere Körper siechen dahin und können sich nicht gegen Krankheiten wehren. Wer keine Tuberkulose bekommt, muss Durchfall, Krätze oder Abszesse fürchten.

Wir mussten uns von vielen Freundinnen und Freunden verabschieden und waren immer darauf vorbereitet, dass es uns als Nächstes trifft. Manchmal wünschten wir uns den Tod, weil wir in ihm das Ende sahen.

All dies durchlebten wir, ohne dass jemand da draußen wusste, wo wir waren, und dass wir in den kalten Nächten von Saydnaya dahinsiechten. Niemand hörte unsere Schreie unter den flammenden Peitschenhieben, die auf unsere Körper niedergingen.

Die Verlegung aus Saydnaya in ein anderes Gefängnis bedeutet eine neue Lebenschance für mich. Deshalb bitte ich euch – in meinem Namen und im Namen meiner inhaftierten Freundinnen und Freunde –, alle nur möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um alle Inhaftierten zu retten und dieses kriminelle Regime aufzuhalten, das uns und unsere Freundinnen und Freunde auch nach fünf Jahren noch unter Schmerzen gefangen hält, die sich nicht beschreiben lassen.

Schmerzen, die sich niemals lindern lassen."

Ein Gefangener

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