Mit Steuergeldern: EU will Urlauber im Winter ans Meer locken

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Mit Steuergeldern will die Europäische Union Urlauber auch im Winter ans Meer locken.

München - Die EU will Steuergelder dafür ausgeben, dass Urlauber auch im November ans Mittelmeer reisen - wenn die Strände nass und leer und die meisten Restaurants, Bars und Cafés geschlossen sind.

Die Europäische Union nimmt ein neues Betätigungsfeld ins Visier: den Tourismus. Wie der MÜNCHNER MERKUR in seiner morgigen (Mittwochs-)Ausgabe berichtet, ist das Ziel unter anderem, die Infrastruktur der Tourismusregionen und das dort arbeitende Personal besser zu nutzen und auszulasten. Auf Deutsch: Man will Steuergelder dafür ausgeben, Urlauber grenzüberschreitend auch zu jenen Zeiten in Tourismusregionen zu locken, wenn dort niemand hin will. Also beispielsweise im November an die Mittelmeerstrände, wenn sie nass und leer und die meisten Restaurants, Bars und Cafés geschlossen sind. Das geht aus einer Mitteilung der EU-Kommission hervor, in der sie ihre Vorstellungen für einen neuen Rahmen des europäischen Tourismus darlegt. Seit Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags hat die EU nämlich auch hier Kompetenz und darf die Tourismuspolitik der Mitgliedstaaten „ergänzen“. Ob diese über die neuen Pläne jubeln werden, bleibt abzuwarten.

Ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes „freiwilliges“ Austauschprogramm soll es „Schlüsselgruppen“ wie Jugendlichen bis 30 Jahre, Senioren ab 65 Jahre, Menschen mit Behinderungen und einkommensschwachen Familien ermöglichen, in der Nebensaison in Tourismusziele anderer Mitgliedstaaten zu verreisen. Die Kommission glaubt, dass sich das auszahlt – durch höheres Wachstum und höhere Beschäftigung. Zudem möchte Brüssel die Mitgliedstaaten anregen, die Schulferien besser zu koordinieren.

Im Centrum für Europäische Politik (cep), einer gemeinnützigen europapolitischen „Denkfabrik“ mit Sitz in Freiburg, deren Kuratorium unter anderen der frühere Bundespräsident Roman Herzog oder Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer angehören, schüttelt man den Kopf. In einer Analyse, die unserer Zeitung vorliegt, lehnen die Autoren diesen Teil des Brüsseler Konzepts strikt ab. Begründung: „Die Kommission ignoriert die – vollauf funktionierenden – Marktmechanismen, die eine zeitliche Streckung von Urlaubsreisen bereits aus sich heraus bewirken, wie etwa deutlich niedrigere Preise in der Nebensaison.“ Und weiter: „Die Ballungen in den Sommermonaten treten nicht auf, weil der Markt „versagte“, sondern wegen der behördlich vorgegebenen Schulferien und wegen der klimatischen Bedingungen an den Urlaubsorten.“ Gerade Senioren und Jugendliche, die nicht von Schulferien abhingen, könnten doch bereits heute in der Nebensaison Urlaub machen. So sie dies nicht tun, wollen sie es offenbar nicht, heißt es.

Auch ein zweiter Punkt ist den Freiburger Ordnungspolitikern ein Dorn im Auge. Die Kommission will einen „nachhaltigen und verantwortungsvollen Qualitätstourismis fördern“ – mit einer Sensibilisierungskampagne, die Einfluss unter anderem auf die Wahl des Reiseziels und der Beförderungsart nehmen will. Ein „Gütesiegel für Qualitätstourismus“ soll „professionelle Vorgehensweise“ auszeichnen und so das Vertrauen der Verbraucher stärken. Die Sorge: Diese Maßnahmen verzerrten massiv den Wettbewerb zwischen den Reisezielen und den Verkehrsträgern. Dem mündigen Verbraucher sei zuzutrauen, selbst zu entscheiden, welches Reiseziel und welche Beförderungsart seinen individuellen Vorstellenungen entspreche.

Es gibt auch positive Gesichtspunkte in dem Konzept. Zwar war die Europäische Union 2008 laut Welttourismusorganisation mit 370 Millionen Besuchern und 40 Prozent aller Touristen die meistbesuchte Reiseregion der Welt. Doch die Konkurrenz – vor allem durch Schwellenländer – wächst. Zudem hat die Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 bereits zu einem Rückgang der Besucherzahlen in der EU um 5,6 Prozent geführt. Hier will die Kommission die Außenwirkung der EU verbessern durch mehr Werbung, insbesondere in den USA, Japan, China, Russland, Indien und Brasilien. Zugleich soll der „kulturelle und natürliche Reichtum“ Europas stärker herausgestellt und transnationale Tourismusprojekte wie Europäische Radfahrwege oder etwa der Jakobsweg präsentiert werden.

Die Mitteilung, so betont eine Sprecherin der Kommission in München, ist bisher nur ein erster Schritt. Wie die Umsetzung der Pläne – insbesondere in finanzieller Hinsicht mit EU-Geldern – stattfinden soll, ist noch nicht entschieden. Auf dem Europäischen Tourismusforum im November sollen die Mitgliedsstaaten, Tourismusanbieter und Kommissionsvertreter darüber diskutieren.

mm

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