"Klimafreundliche Kohle" sorgt in Cancún für Ärger

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Berlin - In Cancún gibt es Zoff: Das umstrittene Verfahren zur Abscheidung und unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid soll anerkannt werden als Klimaschutzmaßnahme.

Einige Umweltschützer sind außer sich, was da beim UN-Klimagipfel im mexikanischen Cancún ausgeheckt wird. Die unterirdische Verpressung von klimaschädlichem Co2, das bei der Kohleverbrennung frei wird, soll als zu fördernde Klimaschutzmaßnahme anerkannt werden. “Auf die globalen Extremwetter-Ereignisse der letzten Jahre folgt nun bei den Klimaverhandlungen ein extremer und beschämender Selbstbetrug der verhandelnden Industriestaaten“, sagt Greenpeace-Experte Martin Kaiser. Der Gipfel richte sein Augenmerk zu sehr darauf, “der schmutzigen Kohle- und Ölindustrie ein “Weiterso“ ihrer zerstörerischen Geschäfte zu ermöglichen“.

Kaiser fordert von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), dass er bei der nun beginnenden Ministerrunde in Cancún den Plan stoppt, die sogenannte CCS-Technik (Carbon Capture and Storage) für Entwicklungsländer als Maßnahme anzuerkennen, die dem Klimaschutz dient und deshalb mit internationalen Geldern gefördert wird. Das ganze sei eine Pervertierung des Klimaschutzgedankens. Es müsse darum gehen, den Kohlendioxidausstoß sofort und massiv abzusenken, statt ihn in die Erde zu verlagern - es gibt Sorgen, dass Lecks zu großen Gefahren führen. “Die Öl- und Kohleindustrie verdient genug Geld, um nicht noch Geld von den armen und ärmsten Staaten der Welt zu stehlen, was der Vorschlag im Klartext bedeutet“, sagt Kaiser.

Nun ist es aber ausgerechnet die deutsche Bundesregierung, die das CCS-Projekt forciert und als Hoffnungsträger sieht: Dabei wird bei der Verbrennung von Kohle zur Stromerzeugung das Kohlendioxid abgetrennt und über Pipelines tief in der Erde verpresst. Die Regierung will die Technologie bis 2017 erproben lassen. Die zwei bis drei unterirdischen Lager sollen auf eine Speicherkapazität von maximal je 3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr beschränkt werden. Aber die Umsetzung eines Gesetzes hakt seit Wochen - es gibt noch Beratungsbedarf bei den Ländern. Gegen CO2-Lager in der Erde gibt es besonders in Brandenburg und Schleswig-Holstein massive Widerstände. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) betont, CCS dürfe nicht so zerredet werden, wie die Transrapid-Technologie.

Angesichts des weiter hohen Anteils von Kohlestrom in der Welt könne die Technik zum Exportschlager werden. Vor diesem Hintergrund könnte es sicher interessant sein, mit CCS die Klimaschutzbemühungen in Entwicklungsländern zu unterstützen. Eine Anerkennung als solche CDM-(Clean Development Mechanism)- Maßnahme in Cancún würde CCS einen Schub geben. Die EU fördert die Technologie bereits mit hunderten Millionen Euro. Aber das Verfahren ist teuer. Bei Vattenfall, das CCS bisher als einziges Unternehmen in einer Pilotanlage am Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg testet, wird betont, dass sich CCS nur rechnet, wenn die beim Emissionshandel zu kaufenden Verschmutzungsrechte pro Tonne CO2 die Summe von 30 Euro übersteigen. Derzeit liegen sie bei der Hälfte. Für die Zerlegung der Luft beim Abtrennverfahren wird zudem viel Energie, also mehr Kohle, gebraucht.

Für drei Kohlekraftwerke mit CCS-Technologie brauche man praktisch ein viertes Kraftwerk, das nur die Energie für die CO2-Abtrennung liefert, sagen die Umweltschützer vom BUND. Die Regierung betont, CCS brauche man, wenn es bis 2050 rund 80 Prozent weniger Emissionen geben soll. Auch für die Stahl-, Kalk- oder Zementindustrie könne das Verfahren ein Segen sein. Selbst die Umweltverbände sind sich aber uneinig. Während Greenpeace CCS verdammt, meint die Umweltstiftung WWF, dass man der Technologie zur Verminderung der Treibhausgase eine Chance geben soll. Schließlich ist klar, dass es keinen schnellen Kohleausstieg geben wird. In Deutschland etwa wird der Strom noch zu 40 Prozent aus Kohle produziert, die Atomenergie hat nur einen Anteil von knapp 25 Prozent. CCS soll daher zu einem kleinen Klimaretter werden.

dpa

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