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Wer hat den Burkini erfunden? Worum dreht sich der Streit?

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Die Burkini-Debatte erhitzt die Gemüter.

Das französische Oberverwaltungsgericht stoppte am Freitag das Burkini-Verbot mehrerer französischer Kommunen. Wir erklären die Hintergründe und beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie müssen und wie dürfen sich muslimische Frauen im freien Europa kleiden? In Deutschland wird derzeitig hitzig über ein Burka-Verbot diskutiert. Laut dem ARD-Deutschlandtrend ist jeder zweite Deutsche (51 Prozent) für ein generelles Burka-Verbot, jeder Dritte (30 Prozent) für ein Teil-Verbot, etwa im öffentlichen Dienst und in Schulen. In Frankreich, wo Gesichtsschleier schon seit 2010 verboten sind, stoppte das französische Oberverwaltungsgericht am Freitag das Burkini-Verbot mehrerer französischer Kommunen. Die tz erklärt die Hintergründe und stellt die Argumente pro und contra vor.

Worum dreht sich der Burkini-Streit?

Mehr als 30 Gemeinden, darunter Cannes und Nizza an der Côte d’Azur, hatten Kleidervorschriften für den Strand erlassen, die auf muslimische Frauen zielen. Strand-Besucher, die „keine korrekte Kleidung tragen, die die guten Sitten und die Laizität respektiert sowie die Hygiene- und Sicherheitsregeln beim Baden achtet“, müssen Bußgeld zahlen – in Cannes beispielsweise 38 Euro. Das zielt zwar auf den muslimischen Ganzkörperbadeanzug ab, der nur Gesicht, Hände und Füße der Frauen unbedeckt lässt. Zugleich lässt es viel Raum für Interpretationen. Tatsächlich wurden bislang vor allem Frauen belangt, die gar keinen Burkini trugen, sondern mit langer Kleidung und Kopftuch am Strand waren.

Wie hat das französische Oberste Verwaltungsgericht entschieden?

Das Burkini-Verbot in der südfranzösischen Gemeinde Villeneuve-Loubet wurde für ungültig erklärt, denn es stelle „eine ernsthafte und illegale Verletzung von Grundfreiheiten“ dar, urteilte das Verwaltungsgericht in Paris. Für ein solches Verbot müsse es „erwiesene Risiken“ für die öffentliche Ordnung geben. Die unter anderem durch den Anschlag von Nizza ausgelösten „Emotionen und Sorgen“ alleine könnten keine Rechtfertigung sein, so die Richter.

Wer hat den Burkini erfunden?

Der Burkini wurde 2004 von der libanesischstämmigen Australierin Aheda Zanetti erfunden, um den islamischen Frauen mehr Freiheit und Teilhabe am Leben zu ermöglichen: Vorher durften gläubige Frauen nämlich nach den islamischen Kleiderregeln nur mit Baumwollhose und T-Shirt zum Strand. Anfangs hatte Zanetti vor allem mit Widerständen strenggläubiger Muslime gegen den Schwimmanzug zu kämpfen. Doch inzwischen ist der Bade-Zweiteiler mit angenähtem Hijood (Wortspiel aus „Hidschab“ = Kopftuch und „Hood“ = Haube) ein weltweiter Verkaufsschlager.

Wie sieht die Burkini-Erfinderin die Debatte?

„Sie sollen unsere Kleidung nicht für ihre politischen Zwecke nutzen“, so Zanetti. „Ich bin damit rausgekommen, damit wir uns leichter in Australien integrieren können. Der Körper einer Muslimin wird immer politisiert. Egal, ob er bedeckt ist oder nicht.“

Welche Argumente bringen die Befürworter eines Verbots vor?

Die konservativen Bürgermeister begründeten ihre Burkini-Verbote mit der nach den islamistischen Anschlägen in Frankreich angespannten Stimmung. Muslimische Badebekleidung wird als Symbol eines fundamentalistischen Islam angesehen – das Tragen von Burkinis könne daher als Provokation empfunden werden und zu Störungen der öffentlichen Ordnung führen. Burkini-Gegner halten den Ganzkörperbadeanzug zudem für eine Form der Unterdrückung der muslimischen Frau, unvereinbar mit den freiheitlich-demokratischen Werten Frankreichs. Sowohl der sozialistische Premier Manuel Valls als auch der konservative Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy stehen hinter den Burkini-Verboten.

Was sind die Argumente der Gegner der Burkini-Verbote?

Kritiker sehen die Burkini-Verbote als einen unzulässigen Eingriff in die Grundrechte, etwa die Religionsfreiheit. Sie befürchten zudem, die Verbote könnten muslimfeindliche Stimmungen schüren und Muslime ausgrenzen – und so wiederum gerade junge Muslime in die Arme von Extremisten treiben. In der islamischen Welt hatten Fotos für Empörung gesorgt, auf denen eine ältere Frau am Strand von Nizza von französischen Polizisten offenbar gezwungen wurde, ihr langärmliges Oberteil auszuziehen.

KR

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