Interview mit Politik-Professor

"Ein Brexit wäre für die Briten ein Verlust"

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Mit Spannung verfolgt der Kontinent die Brexit-Abstimmung in Großbritannien.

London - Am Donnerstag stimmt Großbritannen über den Brexit und vielleicht auch die Zukunft Europas ab. Wir sprachen mit einem Politik-Professor über die Bedeutung und mögliche Folgen.

Update vom 23. Juni 2016: Sollten die Briten für den Brexit stimmen, hätte das auch Konsequenzen für David Cameron - was auf ihn zukommen könnte, haben wir hier für Sie zusammengefasst. Damit Sie sofort wissen, wie die Abstimmung ausgegangen ist: Wir berichten die ganze Nacht über den Brexit-Ausgang im Live-Ticker.

Heftige Gewitter sind in London und anderen Teilen Großbritanniens für den heutigen Tag des Referendums über eine weitere Mitgliedschaft in der EU oder den befürchteten Brexit vorhergesagt. Eine adäquate Begleitmusik für das Donnerwetter und die Einschläge, die im Fall eines Sieges der „Vote Leave“-Kampagne vorhergesagt werden. Am Dienstagabend legten sich Vertreter beider Seiten in der Wembley Arena noch einmal für ihre jeweilige Sache ins Zeug: Premier David Cameron überließ seinen Platz dem neuen Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Der 45-jährge Labour-Politiker warf seinem Vorgänger Boris Johnson vor, er setze aus persönlichen Motiven die Zukunft der Insel aufs Spiel und spalte dafür das Land. Die tz bat den amerikanischen Professor James W. Davis, der in St. Gallen Internationale Politik lehrt, nach seiner Einschätzung.

Herr Professor Davis, wie würde ein Brexit die Position Großbritanniens international verändern?

Prof. James W. Davis, Institut für Politikwissenschaften, St. Gallen: Ein Brexit würde für die Briten einen Verlust an Einfluss bringen. Großbritannien ist nicht mehr die Weltmacht, die es im 19. und frühen 20. Jahrhundert war. Es ist eine mittelgroße Macht, die nur im Verbund mit anderen weltpolitische Entwicklungen mitgestalten kann.

Die Briten sehen sich traditionell als besonderer Partner der USA. Sieht Washington das auch so?

Wir Amerikaner verstehen die Engländer gut – wir sprechen die gleiche Sprache und sind ein Ableger Großbritanniens mit dem gleichen Rechtssystem. Deshalb können wir den Frust der Briten mit Europa nachvollziehen. Gleichwohl dürfte es klar sein: Wenn ein US-Präsident die Wahl zwischen einer Kooperation mit der EU-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien usw. – und Großbritannien hat, wird er sich zuerst mit der EU befassen, bevor er sich mit Großbritannien beschäftigt, das im Alleingang unterwegs ist.

Präsident Obama hat gesagt, die Briten müssten sich nach einem Brexit hinten anstellen. Das kam nicht gut an…

Natürlich nicht, weil die Wahrheit manchmal schmerzt.

Wie geschwächt wäre die Rest-EU durch einen Wegfall der Briten?

Großbritannien ist ein sehr wichtiges Mitglied der EU. Wegen seiner Tradition, die aus der Kolonialzeit kommt, hat es immer auch Weltsicht bewiesen. Es ist kein Land, das nur Nabelschau betreibt. Und die angelsächsische Wirtschaftstradition ist ein bedeutendes Gegengewicht zu zentralistisch gesteuerten Markttendenzen, etwa in Frankreich.

Wäre ein Brexit der Anfang vom Ende der Europäischen Union?

Die EU wird sich mit oder ohne Brexit mit der Frage beschäftigen müssen, was ihre Kernaufgaben sind. Es kann nicht sein, dass die EU nur dazu da ist, in die Mitgliedsländer hineinzuregieren.

Was sind die wichtigsten Aufgaben?

Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik – sei es gegenüber Russland, sei es in Bezug auf die Flüchtlingskrise. Und die EU muss darauf pochen, dass in der internationalen Politik gewisse Standards herrschen – in Fragen des Außenhandels oder der Menschenrechte.

Sehen Sie bei Figuren wie Boris Johnson Ähnlichkeiten mit Trump und dessen Aussagen, die oft keiner Faktenüberprüfung standhalten?

Ich würde den Kreis erweitern. Wir sehen ähnliche Figuren in Holland, Frankreich, auch in Deutschland. Sie zeugen von einer neuen Art der Polarisierung in der Politik – zwischen denen, die glauben, von der Globalisierung zu profitieren, und denen die das Gefühl haben, sie verlieren dadurch. Die Verlierer reagieren mit nationalistischen Parolen. Dabei kann die Antwort auf die Verschiebungen durch die Globalisierung nur eine internationale sein.

Wie wird es heute ausgehen?

Ich hoffe, dass die Briten dabeibleiben. Bei den Umfragen, die jetzt ein knappes Ergebnis vorhersagen, werden junge Menschen oft nicht gut erfasst – diejenigen, die die größten Gewinner der EU sind, weil sie die Freizügigkeit genießen können, weil sie durch Programme wie Erasmus überall studieren können. Ich wäre froh, wenn wir am Ende positiv überrascht würden.

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