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Waldkraiburg - "In jenen Tagen..." - So beginnt das Weihnachtsevangelium nach Lukas. Hören Sie es hier einmal anders: in den beiden Dialekten Siebenbürgen und Isergebirge.

Das Lukasevangelium im Siebenbürgen-Dialekt:

 „In jenen Tagen...“ Die biblische Geschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem, die christliche Botschaft vom Hoffnungsträger für die Menschen wird in Gottesdiensten und Familienfeiern auf dem ganzen Globus gelesen und gehört. In zahllose Sprachen ist die Weihnachtsgeschichte nach Lukas übersetzt. Einige Waldkraiburgerinnen und Waldkraiburger haben sie für die Zeitung in Dialekte ihrer alten Heimat übertragen.

Die große Vielfalt, der Reichtum an Regionalsprachen ist eine einzigartige Besonderheit der deutschen Sprache. Dabei werden oft jene Dialekte vergessen, die über Jahrhunderte in deutsch geprägten Siedlungsgebieten, blühenden Kulturlandschaften in Mittel- und Osteuropa gepflegt wurden. Dialekte aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern, die heute zu Polen, beziehungsweise Russland gehören, aus dem Sudetenland vom Böhmerwald bis nach Mähren (Tschechien), von der Wolga und der Krim (Russland und Ukraine), aus Siebenbürgen und dem Banat (Rumänien). Mit der Zerschlagung geschlossener Siedlungsgebiete in der Sowjetunion, mit Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Spätaussiedlung in den folgenden Jahrzehnten ging die Bindung dieser Regionalsprachen an die Heimatregionen weitgehend verloren, wurde und wird der alte Dialekt meist nur noch in Familien und landsmannschaftlichen Gruppen gesprochen.

Als die Idee entstand, für die Weihnachtsausgabe der Zeitung die Weihnachtsgeschichte in einigen dieser Dialekte niederschreiben zu lassen, fiel der Blick natürlich sofort auf Waldkraiburg. Die 24 000-Einwohner-Stadt ist aufgrund ihrer Geschichte wie keine andere Kommune im Verbreitungsgebiet des Oberbayerischen Volksblattes prädestiniert für diese Spurensuche. Vor genau 60 Jahren wurde die Gemeinde von Vertriebenen vorwiegend aus dem Sudetenland gegründet, vor 50 Jahren zur Stadt erhoben. Ihre Bevölkerung setzt sich nicht nur aus etwa 70 verschiedenen Nationalitäten zusammen, sondern aus mehr als 40 deutschen Volksgruppen.

Die mit Abstand größte stellen längst die gebürtigen Bayern, aber nirgendwo in der Region haben sich Traditionen und Kulturgut aus der ehemaligen Heimat in ähnlichem Maße erhalten lassen. Wichtige Träger dieser Traditionen sind bis heute die Heimatgruppen und Landsmannschaften, die das Projekt „Weihnachtsgeschichte im Dialekt“ tatkräftig unterstützten. Aus ihren Reihen kommen auch die Autoren der Weihnachtsgeschichten im Dialekt. Die Beiträge stehen selbstverständlich nur stellvertretend für einzelne Regionen. „Jedes Dorf hatte Eigenheiten“, weist Hilda Pischel auf einen Umstand hin, der auch vom Bairischen bekannt ist. Die 86-Jährige stammt aus dem Adlergebirge, das – neben dem Böhmerwald, dem Egerland und dem Isergebirge – das Sudetenland vertritt, aus dem die meisten Gründerväter und -mütter Waldkraiburgs kamen.

Das Lukasevangelium im Isergebirge-Dialekt:

Bei dieser Auswahl kam es darauf an, dass sich auch für Leser, die der Dialekte nicht kundig sind, erkennbare Unterschiede ergeben. Johanna Juppe aus dem Isergebirge war Ende 20, als sie ihre Heimat verlassen musste. Sie schöpft noch aus der von frühester Kindheit an gesprochenen paurischen Mundart. Der 76-jährige Klaus Ertelt, der in der oberschlesischen Kleinstadt Neustadt groß wurde, geht sprachlich als Vorzeigebayer durch. Nach der Flucht wurde in Zaisering im Landkreis Rosenheim „aus dem schlesischen Stadtjungen ein boarischer Bauernbua“, wie er gerne erzählt. Ertelt hat sich den Dialekt erst nachträglich „durchs Lesen angeeignet“.

So leicht fiel es nicht, Vertreter der Dialekte zu finden, die die Weihnachtsgeschichte niederschreiben können. Für manches bedeutende Siedlungsgebiet sah sich niemand mehr zu einer „Übersetzung“ in der Lage. Während Dialekte wie das Bairische allen Prognosen vom raschen Ab- und Aussterben zum Trotz sich als sehr robust und lebensfähig erweisen, ist im Blick auf die Mundarten aus dem ehemaligen deutschen Osten diese Sorge mehr als berechtigt. Selbst dem Banat-Schwäbischen und dem Sächsischen der Siebenbürger Sachsen droht diese Entwicklung. Sie lebten im Gegensatz zu vielen anderen Spätaussiedlern aus dem Osten in geschlossenen Sprachgebieten. Erst als der Eiserne Vorhang fiel, änderte sich dies mit dem Exodus in den Westen.

In seiner Familie, auch in der Landsmannschaft spreche er noch Dialekt, sagt Georg Ledig. Mit seinen Kindern kann er sich noch in der Mundart unterhalten. Bei den Enkeln sei das schon anders. „Mit dem nächsten Generationswechsel geht die Sprache verloren“, befürchtet der 53-jährige Vorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Die Weihnachtsgeschichten, die Sie in der Weihnachtsbeilage des OVB finden, sind also gewissermaßen auch eine kleine Schatztruhe, in der Sprachschätze, die aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verloren gehen werden, aufbewahrt sind. Zwei Versionen der niedergeschriebenen Übersetzungen können Sie in den beiden Videos oben anhören.

hg

Rubriklistenbild: © Anette Mrugala

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