"Die gesamte Gemeinde im Blick"

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So vielseitig kann Kirchenvorstandsarbeit sein. In über 40 Jahren im KV brachte Adalbert Schneck vor allem seine Kompetenz in Finanz-, Bau- und Personalfragen ein. Manchmal waren aber auch ganz praktisches und handwerkliches Engagement gefragt.

Waldkraiburg - Erstmals seit über 40 Jahren stellt sich Adalbert Schneck, Vertrauensmann des KV, nicht zur Wahl, wenn am Sonntag die Leitungsgremien der Kirchengemeinden gewählt werden.

Am Sonntag, 21. Oktober, wählen die evangelischen Christen in Bayern die Leitungsgremien der Kirchengemeinden. In Waldkraiburg werden acht Frauen und Männer in den Kirchenvorstand (KV) gewählt. Erstmals seit über 40 Jahren stellt sich Adalbert Schneck, Vertrauensmann des KV, nicht mehr zur Wahl. "Es kommen kompetente Leute nach", sagt er im Blick auf 18 Kandidaten.

"Evangelisch in Waldkraiburg hat keinen schlechten Klang", glaubt Adalbert Schneck. Unverkennbar: Er ist stolz darauf, freut sich darüber, dazu beigetragen zu haben, neben und mit den Pfarrern der Gemeinde und vielen engagierten Christen, die sich seit Ende der 40er-Jahre in und für die evangelische Kirche in Waldkraiburg einsetzten. Als Pfarrer Georg Heckel 1970 junge Leute für den Kirchenvorstand suchte und Adalbert Schneck erstmals kandidierte, hatte er "null Chancen" gegen erfahrene Persönlichkeiten, die sich seit Jahrzehnten engagierten. "Wir haben aufgeschaut zu Leuten wie von Chamier. Als junger Kerl konnte ich da nur zuhören."

Adalbert Schneck wurde in das Gremium nachberufen und so oft wiedergewählt, dass er heute auf 42 Jahre im KV zurückschaut. Davon war er 27 Jahre Vertrauensmann des Kirchenvorstands, der die Gemeinde neben dem Pfarrer repräsentiert und "Mittler zum Pfarrer hin ist und manches auch ausgleichen muss". Fünf Pfarrer hat er in dieser Zeit erlebt: Nach Heckel kam Eckehard Oursin, dann Herbert Wirth, nach dessen Tod seine Frau Hanna und vor drei Jahren die Eheleute Peiser.

Wichtige Weichenstellungen erfolgten in diesen Jahrzehnten. Adalbert Schneck nennt für den diakonischen Bereich etwa die bedarfsgerechte Entwicklung der Kindertagesstätten, die der evangelischen Gemeinde sehr früh ein Anliegen war. Er nennt die erfolgreichen Bemühungen um die Ökumene. Zwischen katholischen und evangelischen Christen in Waldkraiburg gibt es heute einen sehr guten Draht. Und auch zur islamischen Gemeinde pflegt man Kontakt. "Kirche für die Stadt" zu sein, dieses Anliegen, das sich im Leitbild widerspiegelte, war Schneck besonders wichtig. Es zeigt, "dass wir uns einmischen wollen, Verantwortung nicht nur für die Gemeinde tragen wollen".

Schneck, der eigentlich Theologie studieren sollte, aber Bänker wurde, weil das Geld für das Studium nicht reichte, konnte im Kirchenvorstand seine beruflichen Kompetenzen und seine Fähigkeiten gut einbringen. Das Haushaltswesen war sein Schwerpunkt, im Bau- und Finanzauschuss, auch im Personalausschuss wirkte er bei wichtigen Entscheidungen mit. Die evangelische Kirchengemeinde ist mit 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den meisten im Bereich der Kinderbetreuung, und einem Zwei-Millionen-Haushalt ein gestandenes mittelständisches Unternehmen. "Wir sind finanziell nicht schlecht gestellt", sagt Schneck. "Wir haben eisern gespart."

So wichtig finanzielle Fragen sind, so wenig erschöpft sich in diesen Themen die Arbeit des Gremiums. Da geht es um die Gottesdienstgestaltung, um Kinderbetreuung und Jugendarbeit, um die Sorge für die Senioren, um die Mission und Solidarität mit den Christen in aller Welt und vieles mehr.

All das liegt in der Verantwortung des Kirchenvorstands, dem in der evangelischen Kirche weit mehr Kompetenzen zukommen als etwa einem Pfarrgemeinderat in der katholischen Kirche. Sogar bei der Besetzung der Pfarrerstellen hat der KV ein gewichtiges Wort mitzureden. Im Wechsel mit der Landeskirche entscheidet er über jede zweite Besetzung der Stelle. Schneck: "Wir haben auch schon einmal einen Kandidaten abgelehnt."

Am Kirchenvorstand vorbei können Pfarrer oder Pfarrerin nichts entscheiden. Sie sind die Hauptamtlichen, die theologischen Fachleute, die - so wie jedes andere Mitglied des KV - das ehrenamtliche Kollegium für ihre Ideen und Projekte gewinnen und überzeugen müssen.

Im Kirchenvorstand gibt es "keinen Fraktionszwang", sagt Adalbert Schneck. Da urteile jeder nach seinem Verstand. In der Regel seien die Beschlüsse einstimmig gefallen. "Wir haben oft so lange diskutiert, bis alle es mittragen konnten." Konflikte sind nicht ausgeblieben. Ein Beispiel war im vergangenen Jahr die Entscheidung, Prädikanten in Waldkraiburg anders als in den meisten anderen Gemeinden im Dekanat nicht zur Einsetzung des Abendmahls zuzulassen. Diese Diskussionen habe man sich nicht immer leicht gemacht und nach den Sitzungen "bei einem Bier aufgearbeitet". Schneck: "Es war ein gutes Miteinander."

Für die Arbeit eines Kirchenvorstands ist das unabdingbar. "Der Kreis der Gewählten muss miteinander können." Was braucht es noch? Alle Glaubensrichtungen müssen Platz haben, "die 150-Prozentigen und die, die Neuerungen wollen". Die Mitglieder müssen "offen, tolerant, teamfähig, geduldig sein. Sie sollen die gesamte Gemeinde im Blick haben." Und natürlich braucht es möglichst viele unterschiediche Talente in diesem Gremium.

Der KV steht vor einem großen personellen Umbruch. Mit Schneck hören fünf weitere Mitglieder auf, darunter Ulrike Marczynski, Hermann Tischler und Hans-Gerhard Mühlstedt. Jahrzehnte engagierten sie sich in vielfältiger Weise und hoch kompetent in der Gemeinde.

Doch dem künftigen Ruheständler ist nicht bange. 18 Kandidaten aus den verschiedensten Lebens- und beruflichen Erfahrungsbereichen stellen sich zur Wahl. Andere Gemeinden tun sich schwerer bei der Kandidatensuche. Ein Wermutstropfen: Ganz junge Leute stehen nicht auf dieser Liste. Nur eine Kandidatin ist knapp unter 40 Jahren, das Durchschnittsalter liegt bei über 53 Jahren. Nicht nur die evangelische Kirche macht die Erfahrung, dass sie nur wenige junge Leute nach der Konfirmation erreicht und die wenigen, die sich im Jugendbereich engagieren, nach dem Abitur die Stadt verlassen.

Ein neuer KV braucht gerade bei einem solchen Umbruch Legitimation. Die Wahlbeteiligung kann nicht hoch genug sein. Zwölf bis 15 Prozent sollten es werden, so Schneck. Das zeuge von Vertrauen und Interesse der Christen und stärke den KV.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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