Sein neuer Job: Medaillenschmied

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Nicht nur seine Erfahrung als Trainer, sondern auch sein Know-how als Schlittenbauer stellt Willi Schneider der russischen Olympia-Mannschaft in seinem neuen Vollzeitjob zur Verfügung. Foto hg

Waldkraiburg - Medaillen und Siege bei WM und Weltcup für das kanadische und das US-Skeleton-Team - das allein war sein Verdienst. In diesem Jahr wollte Willi Schneider eigentlich kürzer treten...

Zu Gold bei Olympia, vielen Medaillen und Siegen bei WM und Weltcup hatte er die kanadischen Skeletonfahrer geführt, dann das US-Team betreut. Heuer wollte Willi Schneider kürzer treten. Dann kam der Anruf eines russischen Sportfunktionärs, und der 49-Jährige hat es sich anders überlegt. Sein neuer Job: Medaillenschmied. Als Trainer und Schlittenbauer soll er Russland Gold bei den Heimspielen in Sotschi bescheren.

Nach den Erfolgen bei Olympia in Turin 2006 und in Vancouver 2010 mit den kanadischen Athleten stellte sich Willi Schneider dem amerikanischen Verband zuletzt nur noch aushilfsweise für einige Weltcupwochen zur Verfügung. Stressige Jahre lagen hinter ihm. Immer schwieriger wurde es, den Trainerjob in der Wintersaison, seine Arbeit als Zeichner bei der SGF und die Familie miteinander zu vereinbaren. Wenn er daheim war, arbeitete er sein Pensum in der Firma nach. "Auf Dauer hätte das nicht mehr funktioniert", sagt er.

Die Anfrage aus Russland, die "völlig überraschend" für ihn kam, eröffnete plötzlich eine ganz neue Perspektive. "Können wir uns übermorgen treffen?", wollte der Verbandspräsident von Schneider wissen, und weil der die Frage bejahte, ließ er den Waldkraiburger kurzerhand nach Monaco einfliegen.

Seit Oktober ist der 49-Jährige nun Cheftrainer der russischen Skeleton-Nationalmannschaft. Mit einem Team von sechs bis sieben Betreuern, Trainern, Medizinern soll er die Besten aus dem insgesamt rund 20-köpfigen Perspektivkader in gut einem Jahr zu olympischem Edelmetall führen. Zumindest in einem der beiden Einzelwettbewerbe für Damen und Herren soll die Medaille golden glänzen. Nicht nur die Dienste des erfahrenen Trainers, sondern auch des versierten Schlittenbauers Willi Schneider hat sich der Verband gesichert. Seit wenigen Monaten betreibt Willi Schneider Skeleton als Vollzeitjob. Er hat seine Stelle aufgegeben und sich selbstständig gemacht.

Auf eine andere Konstellation hätte sich der Waldkraiburger allerdings auch nicht eingelassen. "Ich hätte die Stelle nicht angenommen, wenn ich mich beim Material auf andere verlassen müsste." Und er ist ebenso wenig bereit, Know-how nach draußen zu geben. Schon während seiner aktiven Karriere, in der er einen Weltmeistertitel (1998) und Weltcup-Gesamtsiege feierte und 2002 an Olympia teilnahm, baute Schneider an den Schlitten mit.

In den vergangenen Jahren hat er diese Arbeit perfektioniert. Er entwickelt die Sportgeräte nicht nur selbst, er fräst, schweißt, montiert die Schlitten auch in einer kleinen Werkstatt in Waldkraiburg. Heute zählen sie zum Besten, was in diesem Sport durch die Eiskanäle rast. "Meine Schlitten sind die dünnsten der Welt", sagt er stolz. Das sei ein ganz großer Vorteil. Gut möglich also, dass Schneider im Sinne des Wortes zum Medaillenschmied wird und 2014 ein Schlitten mit dem Prädikat "made in Waldkraiburg" Gold gewinnt.

Die russischen Sportler zeigten in der vergangenen Saison zwar Schwächen und drohten den Anschluss an die absolute Weltspitze zu verlieren. "Sie hatten ein gewisses Defizit, was Technik und Material angeht", sagt ihr Trainer. Aber er ist dabei, das zu ändern und sie "auf höheres Niveau zu trimmen". Die gesamte Mannschaft sei auf das neue Material umgestellt.

Bei den Herren haben sich schon die ersten Erfolge eingestellt. Alexander Tretjakow, der im vergangenen Jahr bei der WM in Lake Placid hinterherfuhr, schaffte es heuer beim Weltcup auf derselben Bahn immerhin schon aufs Podium. Mehrere Top-Drei-Platzierungen folgten. Tretjakow ist Zweiter im Gesamtweltcup. Die Damen sind "noch nicht so in Schuss" wie sich Willi Schneider das vorstellt. Immerhin hat Elena Nikitina vor Kurzem die Junioren-WM gewonnen.

Die Verständigung funktioniert gut. Ein Dolmetscher hilft, einige Athleten können Englisch. Der Trainer wird nicht nur verstanden, er wird auch gehört. Er habe deutlich mehr disziplinarische Möglichkeiten und Handlungsfreiheit als bei der Arbeit mit den Nordamerikanern, erzählt der 49-Jährige. In Kanada habe er die Athleten überzeugen müssen, "in Russland wird gemacht, was der Trainer sagt".

Die Trainingsbedingungen in Sotschi sind "zum Teil sogar besser als in Kanada. Damit hatte ich so nicht gerechnet." Schneider hat mit seinen Sportlern eineinhalb Stunden von Sotschi entfernt eine exklusive Anlage vorgefunden, mit Bahn, Stadion, Hotel, medizinischer Versorgung, Labors und allem, was für Ausstattung für Auswertung und Analysen gebraucht wird. Der Öffentlichkeit und anderen Nationen ist dieses Zentrum nicht zugänglich.

Für ein paar Tage hat der Cheftrainer die Saison zwischen den Jahren unterbrochen, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern. Das Telefon stand trotzdem nicht still. Gespräche mit Ausrüstern waren zu führen, organisatorische Fragen zu klären und vieles mehr. Am Neujahrstag muss er "wieder antreten". Die Vorbereitung auf den ersten Saisonhöhepunkt, die Europameisterschaft in Igls am 19. Januar, läuft, zwei Wochen später ist WM in St. Moritz, dann Weltcup in Sotschi. Erst Ende März ist die Saison zu Ende. Drei bis vier Wochen hat die Mannschaft dann frei, ehe Anfang Mai mit dem ersten Trainingslager der Countdown für Olympia läuft...

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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