Ein Experte erklärt

Das bedeutet "Aussage gegen Aussage" wirklich

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Am Waldkraiburger Bahnhof soll es vor gut zwei Wochen zu einer Vergewaltigung gekommen sein
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Am Waldkraiburger Bahnhof soll es vor gut zwei Wochen zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Nach Darstellung des Verdächtigen geschah jedoch alles einvernehmlich. Die Ermittler - und im Falle einer Anklage das Gericht - stellt diese Konstellation vor eine Herausforderung

Waldkraiburg - Wem soll die Polizei glauben, wenn es "Aussage gegen Aussage" steht? Ein Experte erklärt, was einen Zeugen glaubwürdig macht - und was unglaubwürdig.

Vor zwei Wochen erschütterte die Meldung über eine angezeigte Vergewaltigung die Menschen in Waldkraiburg. Die öffentliche Suche nach dem mutmaßlichen Täter war ein voller Erfolg, der 24-Jährige stellte sich selbst. Allerdings bestreitet der junge Mann die Tat und spricht von einvernehmlichen Sex. Damit sind die Aussagen des mutmaßlichen Opfers und des mutmaßlichen Täters völlig gegensätzlich. Die Polizei – und eventuell später ein Gericht – muss herausfinden, was in der Toilette am Bahnhof wirklich passiert ist. Im Gespräch mit innsalzach24.de erklärt Professor Holm Putzke von der Universität Passau, ein Experte für Strafrecht, der selbst als Strafverteidiger arbeitet, was es für die Ermittler und das Gericht bedeutet, wenn gegensätzliche Aussagen vorliegen.

Verurteilung bei "Aussage gegen Aussage" möglich

Eine Konstellation "Aussage-gegen-Aussage" bedeutet Putzke zufolge keinesfalls eine unauflösbare Patt-Situation. "Bei einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation kann ein Gericht ohne weiteres verurteilen, wenn es die Überzeugung gewonnen hat, dass die belastende Aussage glaubhaft ist", erklärt der Jurist. "Der Entscheidung, welchen Angaben das Gericht folgt, muss jedoch eine Gesamtwürdigung aller Indizien zugrunde liegen."

Was macht eine Aussage glaubhaft?

Professor Holm Putzke

Wie Putzke erläutert, werden bei einer Aussageanalyse besonders der Inhalt der Aussage, aber auch die Aussageentstehung und Aussageentwicklung im Laufe des Verfahrens unter die Lupe genommen. "Es gibt zahlreiche Glaubhaftigkeitsmerkmale, die sich etwa beziehen auf Detaillierung der Darstellung, Komplexität, Folgerichtigkeit und Logik, Verknüpfung mit emotionalen Momenten, Aussagestil oder das Fehlen von einseitigen Berichtigungstendenzen", führt Putzke aus. Deutlich hervorgetretener Belastungseifer eines Zeugen, ein erkennbares Motiv für eine mögliche Falschbelastung, nachgewiesene Falschbelastung, oder widersprüchliches Aussageverhalten (innerhalb der Aussage oder auch mit Blick auf andere Beweisergebnisse) sprächen dagegen gegen die Glaubhaftigkeit einer Aussage.

Sollte der Angeklagte schweigen?

Bei einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation hält es der Strafverteidiger in der Regel für ratsam, dass der Beschuldigte (beziehungsweise der Angeklagte) von seinem Schweigerecht Gebrauch macht. Ob dies sinnvoll sei, hänge allerdings vom Einzelfall ab und müsse sorgfältig abgewogen werden. "Lässt sich ein Beschuldiger oder Angeklagter zur Sache ein, gelten für ihn die gleichen Kriterien für die Aussageanalyse wie für einen Zeugen."

Eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation kann durchaus bis zur Hauptverhandlung vor Gericht Bestand haben. Dass einer der Beteiligten im Laufe der Ermittlungen seine Aussage revidiert, ist, nach Putzkes Erfahrungen als Strafverteidiger, eher selten – "es sei denn der Angeklagte lässt sich auf eine sogenannte Verständigung ein, legt also etwa aus taktischen Gründen ein Geständnis ab".

Wann gilt "in dubio pro reo"?

Steht in einer Gerichtsverhandlung Aussage gegen Aussage, kann der Angeklagte nicht unbedingt damit rechnen, dass er "in dubio pro reo" – also "im Zweifel für den Angeklagten" – freigesprochen wird. "Für eine Verurteilung genügt es, wenn das Gericht von der Schuld überzeugt ist", erklärt Putzke. "Nach der Rechtsprechung genügt für die richterliche Überzeugung 'ein nach der Lebenserfahrung ausreichendes Maß an Sicherheit, das vernünftige und nicht bloß auf denktheoretische Möglichkeiten gegründete Zweifel nicht mehr zulässt'."

Ist das Gericht allerdings – nach abgeschlossener Gesamtwürdigung aller Tatsachen und Beweisergebnisse – nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugt, hat es also Zweifel daran, muss es "in dubio pro reo" freisprechen.

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Alexander Belyamna

Alexander Belyamna

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