Ein großer Tag für den Föhrenwinkel

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Großes Gedränge im Föhrenwinkel. Erstmals nach der Sanierung des Falkenrings war das historische Ensemble öffentlich zugänglich. Führungen, eindrucksvolles Geschichtstheater mit Eva Bay und Laura Mitzkus (Bild unten von rechts), und ein Blick in den Dachstuhl des Saalgebäudes wurden den Besuchern am "Tag des offenen Denkmals" geboten.

Waldkraiburg - Erstmals seit Beginn der Sanierung des Falkenrings vor fünf Jahren war am Sonntag beim "Tag des Denkmals" das historische Ensemble im Föhrenwinkel öffentlich zugänglich.

Die Resonanz übertraf alle Erwartungen. Schon um 10 Uhr bildeten sich Schlangen vor dem frisch restaurierten Gebäude, warteten Besucher am ehemaligen Pförtnerhäuschen auf die ersten Führungen.

Sie nutzten die Gelegenheit, in die Vor- und Frühgeschichte Waldkraiburgs einzutauchen, die sich im Föhrenwinkel widerspiegelt. Hier stand das so genannte Frauenlager, in dem dienstverpflichtete deutsche und westeuropäische Frauen lebten, die im benachbarten Rüstungswerk arbeiten mussen. Während die Wohngebäude aus der Lagerzeit nicht mehr existieren, sind die Häuser, in denen die Infrastruktur, Verwaltung und Dienstleistungseinrichtungen, das Saalgebäude und der Falkenring bis heute erhalten geblieben.

Die Stadt hat sie vor über 20 Jahren erworben und zunächst das Saalgebäude restauriert, wo sich seitdem die Zentrale der Stadtbau GmbH und der Stadtwerke GmbH befanden. In den vergangenen fünf Jahren haben die Stadtwerke als Bauherr und künftiger Nutzer für insgesamt rund drei Millionen Euro in Abstimmung mit dem Denkmalschutz nun auch den Falkenring herausgeputzt. Erstmals präsentierte er sich zum Abschluss der Arbeiten der Öffentlichkeit.

Von einem "ganz besonderen Tag für den Föhrenwinkel" sprach deshalb Bürgermeister Siegfried Klika. Der Stadtteil, dem einst ein zweifelhafter Ruf vorausging, hat sich - nicht zuletzt dank der Sanierungsmaßnahmen der Stadt - zu einem Vorzeigeviertel entwickelt. Das dokumentiert auch ein Film der Filmemacher Johannes Hauser und Katja Lehmann mit dem bezeichnenden Titel "Unser Föhrenwinkel - Vom Glasscherbenviertel zum Grünwald Waldkraiburgs", der gestern Premiere feierte.

Zeitzeugen aus dem Stadtteil erinnern sich in Einspielungen an Erlebnisse, Erfahrungen und Entbehrungen, an die Ankunft ihrer Familien am Bahnhof Kraiburg, der für manche wie ein Schock war. Nach dem Krieg war das Frauenlager vorübergehend Zufluchtsort für "displaced persons" gewesen, entwurzelte Menschen aus Polen, später osteuropäische Juden, die sich auf die Ausreise nach Israel vorbereiteten, dann Ukrainer, ehe Vertriebene aus dem Osten eingewiesen wurden.

Jahrzehnte später zogen Obdachlose in das ehemalige Frauenlager. Das Saalgebäude nutzten bis Ende der 80er-Jahre Firmen. Danach stand das Ensemble vor dem Abriss, bis die Stadt es übernahm.

Auch die optimistischen unter den eingesessenen Föhrenwinklern hatten die positive Entwicklung des Ortsteils kaum für möglich gehalten. Brigitte Dörner, eine von ihnen, brachte bei der gestrigen Veranstaltung ihre Gefühlslage kurz und knapp auf den Punkt: "Super!" Hanni Stecher, auch sie eine der Zeitzeuginnen, zeigte sich nach dem Film sichtlich gerührt.

Die Stadt hatte - unter Federführung der Stadtbau um Geschäftsführer Hermann Karosser und in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Theorie und Didaktik der Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt - ein vielseitiges und interessantes Programm auf die Beine gestellt. Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls und Studentinnen führten die Besucher sachkundig über das Gelände, auch eigene Führungen für Kinder wurden angeboten.

Im imposanten Dachstuhl des Saalgebäudes richtete die Stadtbau eine provisorische Bühne ein. Die Schauspielerinnen Eva Bay und Laura Mitzkus zeigten dort in einer eindrucksvollen Inszenierung von Katja Lehmann, basierend auf historischen Ereignissen und Zeugnissen, Szenen aus der Vor- und Frühgeschichte Waldkraiburgs. Das Geschichts-Theater erinnert etwa an das Schicksal der ukrainischen Zwangsarbeiterin Maria K., die ins KZ Ravensbrück eingeliefert wurde, weil sie auf Plakaten dagegen protestierte, dass den Arbeiterinnen ihre Kinder weggenommen wurden. In einem Kinderheim in Gendorf starben über 150 Säuglinge an Kälte, Hunger und Unterernährung. Ebenso lassen die Schauspielerinnen das Los der Vertreibung am Beispiel der Anna Kosterschitz lebendig werden: die Angst, die die russischen Soldaten am Kriegsende verbreiten, die Ausweisung mit 50 Kilo Gepäck, die Sammellager und der Transport in Viehwaggons in den Westen bis zur Endstation am Bahnhof Kraiburg. Lebensgeschichten aus Waldkraiburg, Geschichten aus dem Föhrenwinkel...

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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