Die Asche meines Vaters

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Die Urne im Wohnzimmerschrank. Diese Form der Liberalisierung des Bestattungsgesetzes bereitet vielen Unbehagen.

Waldkraiburg - Darf ein Mann sich die Asche seines Vaters ins Wohnzimmer stellen? Die Rufe nach einem liberalen Bestattungsgesetz werden lauter.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus den Waldkraiburger Nachrichten:

Die Urne im Wohnzimmerschrank?

Mit dem Fall eines Waldkraiburgers, der sich die Urne seines Vaters widerrechtlich vom Waldfriedhof holte, wird auch die Forderung nach einem liberaleren Bestattungsgesetz laut.

Doch eine Lockerung birgt Gefahren, warnt etwa Bestattungsunternehmer Michael Reisegast. "Urnen, die zu Hause aufbewahrt werden, könnten sich nach 15 oder 20 Jahren auf dem Sperrmüll finden."

Weil er nicht das Geld für eine Verlängerung der Urnennische hat, einer anonymen Beisetzung der Urne des 1980 verstorbenen Vaters nach dem Auslaufen des Nutzungsrechts aber nicht zustimmen wollte, holte sich ein Waldkraiburger Frührentner die Asche kurzerhand vom Friedhof und versteckte sie. Deshalb wird gegen ihn wegen Störung der Totenruhe ermittelt.

"Ein Unding", meinen Bürger, die sich in den Online-Foren des OVB-Medienhauses zu Wort meldeten. Nicht nur dort löste das Tun des 46-Jährigen kontroverse Debatten aus. In der Redaktion meldeten sich mehrere Leser, die sein Verhalten verstehen können, die es billigen oder finanzielle Hilfe anboten, damit er die 180 Euro Gebühr für eine fünfjährige Verlängerung der Urnennische aufbringen kann. Freilich meldeten sich auch andere, die ebenso deutlich Kritik an ihm übten, an überzogenen Ansprüchen an den Sozialstaat und daran, dass er gegen geltendes Recht verstoßen hat.

Von den konkreten Umständen abgesehen, wirft dieser Fall die generelle Frage nach einer Liberalisierung des Bestattungsrechts auf. "Warum kann eine Urne nicht Zuhause stehen? Weil zu wenig Leute daran verdienen", fragt ein Bürger in einem Kommentar im Internet und fordert, "das System in Deutschland grundsätzlich" zu überdenken.

In dieser Frage spricht sich ein grundlegender Wandel im Umgang mit den letzten Dingen aus, der seit einigen Jahren bundesweit beobachtet wird. Während bis vor kurzem völlig außer Frage stand, dass ein Toter in einem Friedhof zu beerdigen ist, wächst der Wunsch nach alternativen Bestattungsformen. Da gibt es so genannte Friedwälder, wo am Stamm von Bäumen beigesetzt wird. Da wächst - vor allem in Großstädten - die Zahl der anonymen Bestattungen. Da steigt die Zahl der Bestattungen auf See. Da bieten Bestatter in Deutschland sogar die Möglichkeit an, die Asche zu einem Diamanten zu pressen, und vieles andere mehr.

"Diese Trends sind da", bestätigt Michael Reisegast. Der Waldkraiburger Bestattungsunternehmer ist erst vor kurzem auf einer Fachmesse in Österreich damit konfrontiert worden. Schon deshalb weil es sich um relativ teuere Bestattungsformen handle, zweifelt Reisegast allerdings, ob sich der Trend verstärkt.

Nicht regelmäßig, aber immer öfter wird er in Waldkraiburg, wo etwa die Hälfte der Verstorbenen feuerbestatet werden, mit dem Wunsch von Angehörigen konfrontiert, die Urne mit nach Hause nehmen zu dürfen. Wirtschaftliche Gründe geben dafür nach Einschätzung von Reisegast den Ausschlag.

Nach dem geltenden Bayerischen Bestattungsgesetz ist dies nicht erlaubt. Nur in seltenen Ausnahmefällen lässt es eine Beisetzung außerhalb von Friedhöfen zu. Im Landkreis Mühldorf hatte das Landratsamt vor gut drei Jahren im Fall der Schauspielerin Bruni Löbel eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Einem Waldkraiburger, der aus diesem Anlass damals für sich und seine Frau eine Urnenbeisetzung ebenfalls auf seinem Privatgrundstück beantragte, wurde die Genehmigung verweigert.

Zweierlei Maß für Promis und Normalsterbliche anzulegen, das findet Michael Reisegast "unfair". Er ist skeptisch im Hinblick auf eine generelle Lockerung des Bestattungsrechts. Sehr kontrovers wird derzeit in der Branche darüber diskutiert, dass in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Asche an die Angehörigen ausgehändigt werden darf.

Beide Bundesländer bleiben bei der Friedhofspflicht. Die Praxis in vielen europäischen Ländern wie Holland geht weit darüber hinaus. Dort ist die Bestattungspflicht bereits weggefallen, werden die sterblichen Überreste den Angehörigen ausgehändigt und können daheim aufbewahrt oder auch verstreut werden.

Reisegast hält diese Praxis für "sehr problematisch". Um einen pietätvollen Umgang zu sichern, müsste der Gesetzgeber klare Regelungen treffen. Ausgeschlossen wäre aber auch damit nicht, dass sich die Urne eines Verstorbenen eines Tages "auf dem Dachboden wiederfindet". Oder im Extremfall nach 15, 20 Jahren im Sperrmüll.

Dies ist auch ein Einwand, den Bürgermeister Siegfried Klika vorbringt. "Dann müssten wieder die Verwaltungen damit zurecht kommen." Nicht alle Menschen gehen verantwortlich damit um, so seine Befürchtung. Mit der Erlaubnis der Seebestattung gebe es in Bayern bereits eine gewisse Liberalisierung. Eine generelle Überlassung der Urnen an Angehörige "sollte es nicht geben". Eine weitere Lockerung kann er sich nur mit eng gefassten gesetzlichen Regelungen vorstellen.

Sie werfe viele offene Fragen auf. Was passiert, wenn bei einem Umzug eine Urne zurückbleibt? Was geschieht mit einer privaten Grabstätte bei einem Verkauf des Grundstücks? Was ist mit Angehörigen, die bei einer Privatisierung der Trauer keine Möglichkeit mehr haben, "am Grab" zu trauern, weil sie nicht aufs Grundstück dürfen?

"Im Prinzip" kann sich Xaver Loibl, der als Diakon über tausend Beerdigungen begleitet hat, mehr Freiheit in diesem Bereich wohl vorstellen. Doch auch er hat die Befürchtung, mit sterblichen Überresten könnte Unfug getrieben werden.

Auf einen ganz anderen Gesichtspunkt lenkt Norbert Meindl, Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung, den Blick: das Thema des Abscheidnehmens. Das Bestattungsritual im Friedhof habe für das Loslassen eine große Bedeutung. Geht das Leben weiter, ist das ein Neubeginn, wenn der Verstorbene durch seine Urne im Wohnzimmer präsent bleibt?

"Eher reserviert" steht Pfarrer Martin Garmaier, der Leiter des katholischen Pfarrverbands Waldkraiburg dem Gedanken gegenüber, Urnen privat aufzubewahren. "Ich kann mir nicht vorstellen, meine Großmutter in einer Urne auf dem Kaminsims stehen zu haben. Das kommt mir schon recht eigen vor."

Theologische Gründe, die gegen eine Lockerung des Gesetzes sprechen, sieht er zwar nicht. " Wichtig ist mir, dass die Pietät gewahrt wird." Und noch ein Argument hat er für die Beibehaltung der gewachsenen Bestattungskultur. Er findet gerade in der heutigen Zeit eines ausgeprägten Individualismus "schön, dass es Friedhöfe gibt, damit die Menschen nicht auch noch im Tod vereinzelt sind".

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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