Sie startet durch im Männerberuf

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Schweißtreibende Arbeit: Beim Saitenaufspannen zeigt Claudia Sohnemann ihre Muckis.

Taufkirchen - Sehen: Manchmal geht es um zehntel Millimeter. Fühlen: Tastenhöhenunterschiede bemerken. Hören: Töne erkennen. Riechen: zahlreiche Lacke auseinanderhalten.

"Sinne spielen eine große Rolle in meinem Beruf. Schätzen lernen und richtig einsetzen muss man sie", erzählt Claudia Sohnemann und strahlt dabei über beide Ohren.

Als eine von wenigen Frauen Deutschlands fasste die gebürtige Hamburgerin Fuß in einer Männerdomäne - dem Klavierbau. Das reichte ihr bei Weitem nicht und sie bildete sich zur Meisterin weiter. Ihr Ehrgeiz und der ständige Drang, sich weiterzuentwickeln, führten sie in die Selbstständigkeit, wo sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen kann.

"Ich habe die Chance gepackt", sagt sie und vergleicht ihren Sprung ins Ungewisse, in die Selbstständigkeit, mit einem Apfel, der zunächst grün ist und reifen muss, und schließlich rot wird und gepflückt werden möchte.

Am Ende ihrer Gymnasialzeit hatte sie von all den Büchern die "Schnauze voll" und für sie stand damals schon fest, dass ihr zukünftiger Beruf ein Mix aus "etwas Künstlerischem und Handwerklichem" sein müsse. "Klavierbaumeisterin, das ist der Job, den ich mir immer vorgestellt habe!"

Körperliche Anstrengungen wie Saitenaufspannen, Reparatur und Wartungsarbeiten stehen genauso auf ihrer Tagesordnung wie Polieren, Regulation der Dynamik und des Klangs, Service und Beratung. Die vielen abwechslungsreichen Tätigkeiten halten sie auf Trab und lassen ihren Alltag niemals langweilig werden.

"Hausbesuche mache ich besonders gerne. Man trifft dabei ungewöhnliche, künstlerische und sehr interessante Menschen, die mich allesamt inspirieren." Bei einem dieser Hausbesuche stellte sie am Klavier fest, dass alle 88 Bänder, die im Inneren des Instruments mit den Tasten verbunden sind, präzise abgetrennt wurden. Sie und die Besitzer wunderten sich darüber. Zufällig fand sie ein Bänderknäuel, das im Klaviergehäuse versteckt war. Als Haus diente es einer kleinen Maus, die es sich dort gemütlich gemacht hatte. Die Bekannschaft mit dieser Maus wird sie wohl nie vergessen.

Sie lernte bei "Steinway & Sons"

Ihre dreieinhalbjährige Ausbildung zur Klavierbauerin absolvierte sie bei der renommierten Firma "Steinway & Sons" in Hamburg. Ihr war bewusst, dass sie insgesamt sechsmal für jeweils sechs Wochen Blockunterricht nach Ludwigsburg bei Stuttgart musste. Denn dort gibt es die bundesweit einmalige Berufsschule für Orgel- und Klavierbau, die "Oscar-Walcker-Schule". Den weiten Weg in den Süden Deutschlands nahm sie für ihren Traumberuf gerne in Kauf.

Ihre Eltern haben ihre exotische Berufswahl akzeptiert und sie immer persönlich sowie finanziell unterstützt. Als sie ihre Ausbildung im Alter von 25 beendete und niemand übernommen wurde, erinnerte sie sich wieder an einen Bekannten, der, als sie noch ein Kind war, regelmäßig zu ihr nach Hause zum Klavierstimmen kam.

Er beherrschte ein spezielles Polierverfahren, das sie sich auch aneignen wollte. Gut, dass sie nie auf ihn gehört hatte, denn er behauptete immer: "Brauchst dich gar nicht bewerben als Klavierbauerin, Frauen werden sowieso nicht genommen!" Eines Besseren wurde er belehrt. Zusätzlich zu ihrer gut bestandenden Aubildung, erlernte sie danach das zeitaufwendige Polierverfahren mit Schellack, das nur noch Wenige beherrschen. "Flügel und antike Möbel würde ich nur mit Schellack restaurieren." Irgendeinen anderen Lack zu verwenden, das sei wie wenn man einem stilvoll gekleideten alten Herrn auf einmal eine Jeans anziehe und eine coole Sonnenbrille aufsetze, scherzt sie. Und bringt damit ihre Abneigung gengenüber neuen Polierverfahren, wie zum Beispiel mit Polyesterlacken, zum Ausdruck. Deswegen entschied sie sich auch ihr erlerntes Handwerk zu perfektionieren und wandte es bei ihrem eigenen 40.000 Euro teuren "Steinway & Sons-Flügel", den sie von einer Bekannten geerbt hatte, an. "Ganze 250 Stunden habe ich gebraucht, um die Oberfläche meines Flügels mit Schellack zu polieren", erzählt sie stolz.

Nachdem sie aufgrund eines Jobangebotes mit ihrem Freund von Hamburg ins tiefste Oberbayern, nach Altenmarkt, zog, hatte sie anfangs mit Schwierigkeiten zu kämpfen. "Das erste Jahr in Bayern, da fühlte ich mich wie im Ausland", gibt sie zu. Aber nicht nur der Dialekt machte ihr zu schaffen, auch das Arbeitsumfeld. Persönliche Unstimmigkeiten mit ihrem ehemaligen Chef in Altenmarkt brachten sie fast soweit, ihren Beruf zu wechseln. "Ich war mit den Nerven am Ende."

Eigene Werkstatt in Zeiling

Doch das Schicksal wollte es anders mit der Powerfrau und sie bekam einen Job im "Haus der Musik" in Traunreut, wo sie bis Ende März dieses Jahres arbeitete. "Die neuen Chefs, die Komlevs, waren wie Vater und Mutter für mich."

Privat ging es auch bergauf. Als Pferdeliebhaberin knüpfte sie auf einem Reiterhof schnell Freundschaften. Der Tapetenwechsel wurde vollständig, als sie nach Zeiling bei Taufkirchen in ein Bauernhaus zog, wo sie sich ihre eigene Werkstatt einrichtete und nun hofft, dass ihrer Selbstständigkeit nichts mehr im Wege steht. "Ich genieße die Ruhe hier auf dem Land, freue mich dennoch auf meine Hausbesuche", sagt sie, während sie auf ihrem Flügel ein Lied von Elton John zum Besten gibt.

bos/Waldkraiburger Nachrichten

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