"School of Hope": Rapper unterrichtet Schüler

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Rapper "Coco" (rechts) nahm die Jugendlichen unter seine Fittiche. Er möchte junge Menschen mit Musik auf den richtigen Weg bringen.

Waldkraiburg - An einem ungewöhnlichen Projekt haben Waldkraiburger Mittelschüler teilgenommen. Im Rahmen von "School of Hope" nahm der Rapper "Coco" die Jugendlichen unter seine Fittiche.

"You are out of time, break", sagt "Coco" im Studio des Kreisjugendrings zu dem 16-jährigen Schüler Tobi. Tobi nimmt teil am Workshop "School of Hope", den "Coco" alias Christian Miler ins Leben gerufen hat. Rückenwind gibt es von Klaus Nessler, Schulleiter der Franz-Liszt-Mittelschule, der dem Rap-Projekt fünf volle Schultage zur Verfügung gestellt hat.

"Coco" ist 38, lebt von Hartz IV, weil er nichts gelernt hat wie er sagt. Er hat eine kriminelle Vergangenheit. So saß der Mann im Gefängnis wegen Drogen- und Raubdelikten, flüchtete vor der Justiz nach Kroatien, wo er 1993 den Krieg erlebte. Der Waldkraiburger ist in Deutschland geboren, spricht von seinen Sinto-Wurzeln und erzählt aus seinem Leben, dem sozialen Abgrund und der Spirale nach unten.

Projekt "School of Hope": Mittelschüler rappen

Das will er seinen Schützlingen ersparen, denn er hat aus seinen Fehlern gelernt und das Label "Soulfood Music" ins Leben gerufen. Aus einer Idee wird langsam mehr. Junge Menschen mit Musik auf den richtigen Weg bringen ist die Vision. "School of Hope" heißt das erste offizielle Projekt.

"Coco" bezeichnet sich als eine Art Streetworker - "von der Straße für die Straße". Er ist kein ausgebildeter Sozialpädagoge - aber der gute Draht zu seinen Projekt-Teilnehmern ist unübersehbar, wie auch der positive Einfluss. Sie rappen und jammen gemeinsam und jetzt produzieren sie mit "School of Hope" (Englisch für "Schule der Hoffnung", Anm. d. Red.) eine CD mit selbstgeschriebenen Texten, abgesegnet von Schulleiter Nessler.

Nessler und Lehrer Kränzlein seien ein mutiges Team, das Vorschussvertrauen rechne er ihnen hoch an. Mit einer neunten Klasse entstanden drei Songs, die die Schüler zusammen mit „Coco“ geschrieben haben. Darin geht es um Amokläufe an Schulen und darum, eine Lehre zu machen, um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.

Waldkraiburg-Song bei Abschiedsfeier

„Und ein Song handelt von Waldkraiburg und soll am Freitag bei der Abschiedsfeier der neunten Klassen uraufgeführt werden“, so der Schulleiter. Diese Art von Musik – Rap und Hip-Hop – sei die Kultur der jungen Leute.

„Coco“ habe die ganze Klasse mit einbezogen bei der Gestaltung der Songs. „Leute, die sich nie was trauen, gingen plötzlich ans Mikrofon.“ So bringe das Projekt auch dem Einzelnen was. Sie erfahren, wie man mit Texten persönliche Probleme verarbeiten kann und lernen etwa den Beruf des Tontechnikers kennen, weil sie auch im Studio des Kreisjugendrings (KJR) arbeiten dürfen und die Songs aufnehmen.

„Unsere Schüler haben es nicht immer so leicht, sie müssen teilweise härter kämpfen, als andere, die bessere Startchancen haben“, erklärt Nessler.

Klassleiter Markus Kränzlein hat das Musikprojekt eine Woche lang begleitet. „Coco“ sei bei den Schülern anerkannt und beliebt und habe eine gewisse Vorbildfunktion. „Die Schüler müssen aber auch kapieren, dass man nicht vorbestraft sein muss, um ein Vorbild zu sein“, so der Mathelehrer, der als echter Pädagoge kritisch bleibt – aber aufgeschlossen. Für ihn war es ein positive Überraschung, auch die Introvertierten aufblühen zu sehen. Alles in allem sei „School of Hope“ eine schöne Geschichte.

Darüber drehen die jungen Leute mit kleinen Kameras ein „Making-of“, Basti und Erol sind eifrig dabei. Der 16-jährige Tobi darf jetzt ans Mikro in der Gesangskabine des KJR. Tontechniker Bernhard Fischer – mit 23 Jahren ein „fresher Typ“, unterstützt ihn mit Tipps. Tobi berichtet, er habe schon Kontakt mit Gangstern gehabt und hing auf der Straße rum. Er erzählt von seinem schulischen Abstieg vom Gymnasium zur Hauptschule, von Drogen, die seine Freunde verändert haben.

„Coco“: Die Musik muss dir was geben

Bei der Frage, ob er jetzt weg sei von der Szene, wird sein Gesicht hart. „Dazu sag ich nix.“ Gerappt hat der Jugendliche schon öfter. Es komme bei dem Sprechgesang auf die richtige Atemtechnik an. Was er singt, macht Mut: „Pack es an und du wirst sehen, es wird für dich vorwärts gehen.“

Die Mädchen Isabell und Emilia, beide 15, sollen den „Background“ singen, rappen können sie nicht. Die lockere Art des ungewöhnlichen Musiklehrers „Coco“ gefällt ihnen. Er erklärt alles, was sie nicht verstehen, sagt den Beteiligten auch, wo sie der Stimme mehr Druck verleihen sollen. Und das mit viel Geduld.

Die Musik muss einem was geben, ist ihr Mentor überzeugt. Und mit ihr will er „eine positive Message“ vermitteln. „Ich lag dem Staat jahrelang auf der Tasche und hatte in dieser Phase Zeit, mich zu entwickeln, ein Mensch mit Herz und Verstand zu werden“, so der 38-Jährige.

Auf diesem Weg will er der Gesellschaft was zurückgeben und etwas für die Jugend tun. Meist sind es Teenager aus Scheidungsfamilien, mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Schichten, die im Leben zu straucheln drohen, so seine Einschätzung.

„Jeder Jugendliche, der verloren geht, wird jemand werden, den die Gesellschaft mittragen muss“, ist er überzeugt. Als Kind habe er lange Jahre im Heim gelebt, er hat selbst drei Kinder, die bei der Mutter wohnen.

„Wer Kinder hat und einigermaßen normal tickt, wünscht ihnen nur das Beste“, sagt er. Damit sie nicht kriminell werden, müsse man ihnen Chancen aufzeigen, Bildung ermöglichen. Man müsse Kids für politische Prozesse und die Demokratie sensibilisieren.

Vom bösen Buben zum Geläuterten? Er habe das Leben studiert und sei durch die Musik therapiert worden. Dabei wende er sich von „negativem Gangsterrap“ ab, denn der sei frauenverachtend und oft gewaltverherrlichend.

Um das Projekt „School of Hope“ und überhaupt diese Art von Jugendarbeit auf eine breitere Basis zu stellen, hat „Coco“ mit Bürgermeister Siegfried Klika und dem Landratsamt Kontakt aufgenommen sowie mit dem Verein „Erde und Mensch e.V.“, der im Chiemgau sitzt und sich etwa bei vergleichbaren Musikprojekten engagiert.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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