Schlafen ist etwas Abstraktes

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"Bei Nacht" heißt das Stück von Johannes Härtl. Liegend erklärt er den Workshop-Teilnehmern, wie man Schlafpositionen miteinander verbindet.

Waldkraiburg - Zeitgenössischer Bühnentanz ist nicht alltäglich und greifbar. Diese Erfahrung machten auch 15 Jugendliche, die bei Johannes Härtls Workshop am Wochenende erlebten, wie aus Improvisation ein Gefühl entsteht.

Und wie man dieses Gefühl auf der Bühne darstellt. In einer Aufführung am Sonntagabend präsentierten sie die Ergebnisse - zusammen mit professionellen Tänzern.

"Das ist total schwierig", sagt Andreas Hufnagl. Der 19-jährige Kraiburger tanzt bei der Narrengilde. Doch Tanz ist nicht gleich Tanz. Er nimmt zusammen mit 14 weiteren Jugendlichen aus der Umgebung am zeitgenössischen Tanzprojekt von Johannes Härtl teil. Ein Wochenende war Zeit, um Rahmenbedingungen für die Tänzer aus Härtls Produktion "Bei Nacht", die am 14. Oktober Premiere feiert, zu ertanzen.

Der 32-jährige Härtl ist zeitgenössischer Tänzer und Choreograph. Nach seiner Ausbildung zum Bühnentänzer an der Iwanson-Schule in München debütierte er erfolgreich mit "Ego.fertig,los!". Am 16. Oktober ist in München Premiere von "Bei Nacht", seinem neuesten Stück, das noch im Fertigentstehen ist, wie er es formuliert.

15 Jugendliche aus der näheren Umgebung machten bei Härtls Workshop mit. Bei einer Aufführung am Sonntagabend bei den Kulturtagen verflechteten sie das Erlernte mit den Tanzsequenzen, die Härtls Team zeigte. Das Stück "Bei Nacht" ist ein "Work in Progress", also noch im Fertigentstehen.

Anlässlich der Kulturtage kam er nach Waldkraiburg. "Es war interessant, nicht einfach ein Stück zu zeigen, sondern mit jungen Leuten zu arbeiten", so Härtl während des zweitägigen Workshops. Die 15 Teilnehmer hatten verschiedenste bis gar keine Tanzerfahrungen. Was im Jazz- oder Gardetanz oder etwa beim Rock "n Roll klar an Schritten und Bewegungsabläufen vorgegeben ist, muss hier erst erarbeitet werden - vor allem durch Improvisation. Eine abstrakte Situation für die jungen Teilnehmer. Im Ballettsaal erarbeiten sie mit Härtl ein Begegnen auf der Straße, eine nonverbale Kommunikation, ausgedrückt durch harte und weiche Bewegungen, durch lautes Ausatmen, durch Hände, die auf Arme klatschen. Die Musik kommt aus der Elektro-Ecke, minimalistisch, basslastig, manchmal auch fast sphärisch.

Bei den Teilnehmern herrscht bis zur Aufführung große Verunsicherung, auch wenn es allen sichtlich großen Spaß macht, ihr Bewegungsvokabular zu erweitern und Teil eines Experimentes zu sein.

Ausdrucksstark: Die Dänin Marie-Sol Sandberg ist professionelle Tänzerin.

Weil bei der Aufführung Teile aus "Bei Nacht" zu sehen waren, war Schlafen im Workshop ein Thema. Nach dem Prinzip Pose-Verbindung-Pose-Verbindung lässt er die jungen Leute selbst ausprobieren, verschiedene Schlafpositionen miteinander zu verbinden. "Versucht das Ganze auch zu fühlen. Seid ruhig und versucht, bei euch zu sein", gibt er ihnen mit auf den Weg. Auf der Bühne bildeten sie dann unter anderem als Schlafende den Rahmen für die Performance der vier Profi-Tänzer Marie Preußler, Michael Tang, Marie-Sol Sandberg und Amanda Billberg.

Grundsätzliches wird besprochen: Körperspannung, Ausdruck, Bühnenpräsenz. Wie wirke ich stark, was will ich darstellen? Härtl, der Erfahrungen mit Jugendarbeit hat - auch in der Drogenszene - genießt die Arbeit mit dieser Gruppe. "Alle sind voll motiviert und haben eine gute Disziplin", lobt Härtl. Und alle hätten eine Bewegungsbegabung, Tanzen sei eben global verwendbar.

Und zeitgenössischer Tanz sei ein ständiges Wechselspiel aus Spannung und Entspannung - im Gegenteil zum klassischen Tanz, der sehr gehalten und sehr gespannt sei, so Härtl. Sophia Oberhauser aus Kraiburg gefällt diese Art zu tanzen. Die 13-Jährige macht Ballett. "Ich tu mich nicht schwer, die weichen Bewegungen lernen wir auch im Ballett", sagt sie beim Proben.

Am Abend der Aufführung sind alle ein wenig aufgeregt. Johannes Härtl führt die Zuschauer - leider waren im kleinen Saal im Haus der Kultur nur zwei Reihen gefüllt - in "seine Nacht" ein. Er erklärt, was alles im Dunkeln passiert, "Schlafen und abstrakte Dinge" und spricht von einem "Wechselbad zwischen den Jugendlichen und den Tänzern des Stückes.

Bei seiner Produktion hat Härtl ein Gespür für gefühlvolle Duette, intensive Umarmungen, einfach das Zwischenmenschliche. Die eine Tänzerin exponiert dabei ihre geliebten Beine und Füße, die andere lässt die weichsten Winkel der Extremitäten tanzen. Alles ist möglich.

"Bei Nacht" passieren auch bedrohliche Dinge. Die Meute umkreist den Tänzer Michael Tang, immer wieder wird er von der großen Gruppe auf der Bühne zu Boden gebracht. Diese Szene empfanden die jungen Teilnehmer schon bei den Proben als verstörend.

Ob Härtl damit sein Publikum verstören will? "Es soll ein kurzer Moment des Erdrücktwerdens sein, damit man hinterher entspannen kann", sagt Härtl über diesen Punkt. Dann kommt die Schlafszene, etwas sehr Gegenteiliges.

Das Publikum verfolgt die Bewegungen auf der Bühne und das Aufblühen der Jugendlichen. "Richtig, richtig gut gemacht", sagt Härtl im Anschluss zu seinen Schützlingen. Manche von ihnen wollen das Erlebte mitnehmen. Wie etwa Julia Kreutzer. Die 18-jährige Waldkraiburgerin tanzt beim TSC Weißblau. "Mich hat die Improvisation fasziniert und dass man so dem Ganzen seinen persönlichen Touch geben kann." Auch wenn das Kreativsein auf Fingerschnippen schwierig sei. Sophie Kebinger aus Reichertsheim, ebenfalls beim TSC, findet es toll, was in nur zwei Tagen auf die Beine gestellt wurde.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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