"Dieser Beruf hat nichts Mystisches"

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Er war früher Lkw-Fahrer und arbeitet heute als Bestatter: Heiner Gooß. Der Agnostiker pflegt einen respektvollen Umgang mit seinem Beruf und allem was dazugehört.

Waldkraiburg - Seit zwei Jahren übt Heiner Gooß einen nicht alltäglichen Beruf aus. Der ehemalige Lkw-Fahrer wechselte ins Fach der Bestatter. Ein Job, der für ihn überhaupt nichts Mystisches hat.

Eigentlich war es ein Zufall, der Heiner Gooß ins Bestattungsunternehmen Reisegast verschlug. Er wollte sich umorientieren und las ein entsprechendes Stellenangebot in der Zeitung. "Es klang interessant und bis dato habe ich den Schritt nicht betreut", sagt der ruhige 39-Jährige, der dunkel gekleidet ist und eine Krawatte trägt.

Bestatter ist ein Ausbildungsberuf - Bestattungsfachkraft. Das Ausbildungszentrum befindet sich in Münnerstadt, wo es auch einen Lehrfriedhof gibt. Dort finden alle Seminare, Lehrgänge und Weiterbildungen statt. Quereinsteiger Gooß hat dort alles gelernt, was für sein Metier wichtig ist.

Und das ist ein umfangreiches Wissen. Zu seinem Aufgabenbereich gehört das Abholen des Verstorbenen, die hygienische Versorgung, das Einsargen und auch kosmetische Handlungen - etwa für den Fall, dass ein Sarg offen aufgebahrt wird. Er kümmert sich auch um die Organisation und Leitung von Beerdigungen, klärt logistische Fragen und passt auf, dass keine Fehler passieren, weder im Ablauf, noch beim Verhalten des beteiligten Personals. "Der Tag soll für die Angehörigen trotz all der Trauer keine unangenehme Erinnerung hinterlassen", so der Waldkraiburger. Die Kunst sei, pietätvoll vorzugehen. Die Hinterbliebenen sollen nicht wahrnehmen, wieviel Aufwand dahinter steckt.

Gelegentlich kümmert sich Gooß auch um Überführungen im In- und Ausland - auch zu Krematorien. Ebenso ist er zuständig für Administratives und die Pflege des Fuhrparks.

Soweit zur Theorie. Wer aber ist nun eigentlich geeignet für diesen Beruf?

"Man muss gut mit Menschen umgehen können", so Gooß. Sensibiltät sei sehr wichtig. Er habe keine Berührungsängste vor dem Tod. Die Arbeit habe nichts Mystisches an sich.

Das psychische Kostüm sollte stabil sein. "Mitgefühl ist in Ordnung, aber nicht mitleiden." Je jünger der Verstorbene sei, umso problematischer sei die Situation auch für ihn als Bestatter. Schlimm ist, wenn Babys und Kinder sterben oder junge Leute bei einem Autounfall umkommen. Es dauert ein paar Tage, bis ihn das Gesehene wieder loslässt. Bis er vergessen kann, wen er da für ein Begräbnis vorbereitet hat. Seine Familie fängt ihn dann auf, gibt ihm aber auch den Freiraum, sich zurückzuziehen.

Mit ihr gehe er offen um, wenn es um die Arbeit geht. Seine Frau und seine siebenjährige Tochter seien "sehr interessiert", die Kleine habe auch schon mal eine Aufbahrung gesehen. Abscheu gebe es von beiden Seiten keine.

Allerdings hätten einige Bekannte etwas seltsam reagiert, als er vor zwei Jahren bei Reisegast anfing. Anfangs zogen sie sich zurück, was sich aber wieder eingerenkt habe. "Ich konnte ihnen vermitteln, dass wir Bestatter auf hohem Standard arbeiten und zum eigenen Schutz sehr auf Hygiene achten." Auch an Toten gebe es eine Vielzahl von Keimen oder Bakterien, die ansteckend sein könnten. Infektiöse Patienten, die sterben, sind eine gewisse Zeit nach dem Tod noch ansteckend.

Daher trägt Gooß Schutzkleidung, Handschuhe und Mundschutz, wenn er die Leichen wäscht, desinfiziert und die Körperöffnungen vorschriftsmäßig verschließt.

Hygienische Standards seien unumgänglich, auch zum Schutz der Angehörigen, die am offenen Sarg Abschied nehmen wollen. In den USA gibt es den Beruf des Tanatopraktikers, der sich um Rekonstruierungen etwa bei Unfallopfern, Konservierung und das Schminken des Verstorbenen kümmert.

Wenn er die Toten für ihre letzte Reise vorbereitet, will Heiner Gooß keine Hektik aufkommen lassen. Angespannt ist er nur, weil er alles ordentlich machen will. Die Atmosphäre ist ruhig, Furcht kennt er nicht. "Vor den Toten muss man sich nicht fürchten, vor den Lebenden soll man sich in Acht nehmen", zitiert er ein Sprichwort.

Mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt sich der Konfessionslose nicht. Sich selbst bezeichnet er als Agnostiker, lehnt also den Glauben an eine höhere Macht nicht ab, beantwortet aber die Frage, ob es Gott gibt, mit "Ich weiß es nicht".

Über das Tabuthema Sterben spricht er ganz offen. Ihn stört, dass viele Menschen seinen Beruf mit Angst und Schrecken betrachten, denn "der Tod gehört zum Leben dazu", so Gooß. Seit er als Bestatter arbeitet, sieht er viele Dinge anders. Er fragt sich, was wirklich wichtig ist im Leben, lebt intensiver. Weil er weiß, wie schnell alles vorbei sein kann.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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