"Nobelpreis für eine von uns"

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Damals in Nitzkydorf: Ein Klassenfoto der 8. Klasse zeigt die Nobelpreisträgerin Herta Müller (ganz vorne links) und ihren Klassenkameraden Alfred Stuiber (vorletzte Reihe, Dritter von rechts).

Waldkraiburg - "Die Siebenbürger Sachsen haben ihren Peter Maffay. Wir Banater haben Herta Müller." Alfred Stuiber aus Waldkraiburg ist stolz auf die Schriftstellerin, die heute in Stockholm den Nobelpreis für Literatur erhält. **Video auf innsalzach24.de**

Der 56-Jährige kennt Müller aus gemeinsamen Kindertagen. Acht Jahre drückte er mit ihr die Schulbank in Nitzkydorf im Banat.

Video auf innsalzach24.de

Die Konkurrenz war groß in diesem Bücherherbst. Neue Titel der Bestsellerautoren Frank Schätzing und Dan Brown kamen auf den Markt. Doch in Waldkraiburg "hat Herta Müller alles getoppt", sagt Georg Herzog. Der Buchhändler berichtet von einer "enormen Nachfrage" nach Müller-Werken, weit höher als in Nachbarstädten wie Wasserburg oder Mühldorf, seit im Oktober bekannt geworden war, dass die Schriftstellerin den Nobelpreis erhalten würde.

Bücher wie der Roman "Atemschaukel" fanden großes Interesse, nicht nur bei den literarisch interessierten Kreisen, sondern in diesem Fall auch bei vielen, die nicht zur Stammkundschaft gehören. Und viele kamen mit dem guten Gefühl in die Buchhandlung: "Eine von uns hat den Nobelpreis gewonnen."

Eine von uns. Wie Herta Müller stammen zahlreiche Waldkraiburger aus dem Banat, jener über viele Jahrhunderte deutsch geprägten Region in Rumänien. Mehrere Waldkraiburger Familien kommen aus Nitzkydorf, dem Ort, in dem die Nobelpreisträgerin 1953 geboren wurde, aufwuchs und zur Schule ging, unter anderen mit Alfred Stuiber.

Alfred Stuiber heute.

"Man hat sich gekannt, wie sich in einem Dorf jeder kennt." Acht Jahre drückte der 56-Jährige, dessen Frau Katharina damals in derselben Straße wie die Schriftstellerin wohnte, mit Herta die Schulbank, vier Jahre davon war sie in der Volksschule seine Banknachbarin. Schon den Kindergarten hatten sie gemeinsam besucht. "Wir waren in jeder Klasse die Kleinsten", erinnert er sich. Zahlreiche Fotos aus jener Zeit hat er am Wohnzimmertisch vor sich ausgebreitet, dazu Zeitungsartikel über die Nobelpreisträgerin. "Sie war die beste Schülerin, in allen acht Klassen. Dass sie gescheit ist, hat man schon gesehen." Schon in der sechsten, siebten Klasse habe sie erste Gedichte geschrieben, "die wir aber nicht verstanden haben", sagt Alfred Stuiber.

Nach der Volksschule trennten sich die Wege. Herta Müller ging aufs Lyzeum und zog in die Stadt. Der Kontakt riss ab. Auch in der Bundesrepublik wurde er nicht mehr geknüpft. Weder bei den regelmäßigen Treffen der Nitzkydorfer noch bei den Klassentreffen gab es ein Wiedersehen. "Sie führt ein anderes Leben", sagt Katharina Stuiber. Die berühmte Schriftstellerin habe natürlich viele Verpflichtungen und Termine.

Aus den Augen verloren haben die Stuibers ihre berühmte Landsfrau nicht. Noch in Rumänien habe sie deren erstes Buch "Niederungen" gelesen, erzählt Katharina Stuiber, im Banat ein umstrittenes Werk. In 16 Prosastücken schildert die Autorin Erlebnisse mit den Menschen und der Umwelt ihrer Kindheit. Viele Banater fanden sich in diesen Geschichten nicht wieder, manche empfanden das Buch als "Nestbeschmutzung".

Davon ist im Nitzkydorfer Heimatbuch zu lesen, aber auch: "Ein Nitzkydorfer Leser kann aus ihren Büchern viel ,Heimat' erfahren und empfinden."

Diese Erfahrung machten die Stuibers mit dem erst kürzlich erschienenen Hörbuch "Die Nacht ist aus Tinte gemacht", in dem Müller über ihre Kindheit im Banat erzählt. Mit der Geschichte ihrer Familie finden sich die Stuibers wie viele andere Banater im Roman "Atemschaukel" wieder. Darin zeichnet die Autorin die Deportation eines jungen Mannes in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager nach. Es steht exemplarisch für das Schicksal der deutschen Bevölkerung im Banat wie in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg. "Das halbe Dorf war verschleppt", sagt Katharina Stuiber, die Folge eines Wiedergutmachingsabkommens zwischen der Sowjetunion und dem komunistisch regierten Rumänien.

Auch die Familie von Georg Ledig war betroffen, ein Großvater wurde fünf Jahre nach Russland deportiert. Der Kreisvorsitzende der Banater Schwaben und stellvertretende Landes- und Bundesvorsitzende der Landsmannschaft hält den Roman für ein "sehr wichtiges Buch", weil er diesen Teil der Geschichte in Deutschland überhaupt erst bekannt mache und ins öffentliche Bewusstsein bringe.

Der Nobelpreis für eine Banaterin werde in der Landsmannschaft natürlich als "große Ehre" angesehen, sagt Ledig. "Wir sind sehr stolz darauf." Der Vorsitzende der Banater kennt Müller nicht persönlich, ist von ihrem "bescheidenen Auftreten" bei Interviews und Veranstaltungen beeindruckt.

Doch das Verhältnis zwischen der Banater Landsmannschaft und der berühmten Banaterin ist allerdings "schwierig". Ledig: "Wir haben keinen offenen Streit."

Müller, die 1987 aus Rumänien ausgereist war, hatte nach Einsicht ihrer Securitate-Akten in einem Artikel der Wochenzeitschift "Die Zeit" im Juli 2009 ehemalige hochrangige Funktionäre der Landsmannschaft beschuldigt, dass sie informelle Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate waren.

Es habe sicher auch Spitzel unter Banatern gegeben, so Ledig. Die Landsmannschaft habe sich mit dem Thema auseinandergesetzt und eine Aktion gestartet: Über 90 Prozent der amtierenden Funktionäre haben nach seinen Worten in Ehrenerklärungen bestätigt, nicht als informelle Mitarbeiter für den Geheimdienst tätig gewesen zu sein.

Der Bundesvorsitzende habe kürzlich das Gespräch mit Herta Müller gesucht, ihr gratuliert. Und Ledig würde sich wünschen, dass sich das Verhältnis entspannt, "dass sie Lesungen bei unseren Kreisverbänden halten würde". In jedem Fall wird er wie viele Banater heute die Berichte von der Preisübergabe in Stockholm verfolgen, wo die erste Nobelpreisträgerin aus dem Banat ausgezeichnet wird. hg

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