Mehr Mut zu Veränderungen

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"Die Kirche braucht den Mut, rauszugehen, dorthin, wo die Menschen sind", sagt Martin Garmaier und wirbt für mehr Mut zur Offenheit, Freiheit und Veränderungen. Er habe als Seelsorger die Erfahrung gemacht: "Das Interesse an Kirche und Glaube ist da."

Waldkraiburg - Er ist für ein offenes Wort in und außerhalb der Kirche bekannt: Pfarrer Martin Garmaier, der seit 2000 den Pfarrverband Waldkraiburg leitet.

Am kommenden Sonntag feiert der 52-Jährige sein silbernes Priesterjubiläum. Anlass für das folgende Gespräch über Gott und die Welt, Kirche, Priestersein, Zölibat, Waldkraiburg, die Freiheit und den Geist des Konzils.

Nach 25 Jahren Erfahrung als Priester: Was ist das Schöne an dieser Aufgabe?

Nach allen Krisen, die es auch gab, unterm Strich kann ich nur sagen: Ich würde es sofort wieder machen. Wichtig ist mir, Menschen begegnen zu können, in den Höhen und Tiefen des Lebens. Die Arbeit als Priester erlebe ich als sehr intensiv, früher bei den Auslandseinsätzen wie heute in Waldkraiburg, sei es als Notfallseelsorger oder zum Beispiel bei einem Beerdigungsgespräch. Die Offenheit, die mir da oft entgegen gebracht wird, erlebe ich als sehr bereichernd. Ich habe an Lebenserfahrungen anderer teil. Gerade als junger unerfahrener Kaplan habe ich mir in solchen Gesprächen gedacht: Hör zu und halt selbst den Mund! Gleichzeitig ist es schön, etwas vom Positiven des Glaubens weiter zu geben. Das ist ja viel mehr als bloßer Moralismus.

Zu den Schattenseiten: Was belastet Sie in der Arbeit als Pfarrer?

Sehr große Erwartungen, mit denen ich als Priester immer wieder konfrontiert werde. Manchmal könnte ich mich regelrecht zerreißen. Diskussionen um Gottesdienstzeiten, die sich um die Frage drehen: Was ist wichtiger, Ausschlafen oder Zeit zum Kochen? Das können doch nicht die entscheidenden Argumente sein. Belastend sind auch Verwaltungsarbeiten, die immer umfangreicher werden. Dabei geht es vielen Pfarrern in dieser Beziehung schlechter als mir. Mir nimmt Herr Köhler sehr viel Verwaltungsarbeit ab. Wenn ich nicht so gute Mitarbeiter hätte, wäre es um den Pfarrverband schlecht bestellt.

Der Zölibat? Viele Menschen, auch Christen sehen ihn als das größte Problem an.

Wichtig ist mir, dass Menschen mit mir auf dem Weg sind, dass ich Freunde gewinne. Hätte ich das nicht, wäre der Zölibat problematisch. Ich bin deshalb auch froh, dass unser Pfarrhaus so voll ist. Es gibt Argumente für die Ehelosigkeit des Priesters, aber ich bin gegen den Pflichtzölibat. Dafür sollte sich jeder frei entscheiden. Dann würde dies auch als bewusste Entscheidung für eine Lebensform wahrgenommen. Heute sieht es immer so aus, als würde sich der Priester gegen etwas, nämlich eine Familie entscheiden. Die Frage nach dem Zölibat habe ich als junger Mann auch Erzbischof Joseph Ratzinger bei einer Jugendkorbinianswallfahrt gestellt. Seine Antwort war damals: über den Zölibat entscheide Rom. Die Frage würde ich ihm heute gerne wieder stellen.

Ihre Entscheidung zum Priesterberuf ist in einer Zeit gereift, als in der katholischen Kirche noch immer eine Aufbruchsstimmung vom II. Vatikanischen Konzil und von der Synode her zu spüren war. Wie sehen Sie im Vergleich dazu die Entwicklung der Kirche im vergangenen Vierteljahrhundert?

Kritisch. Ich habe das Gefühl, wir zitieren zwar die Beschlüsse des Konzils, aber die einstige Freiheit, der Mut, neue Wege zu gehen, ist verschwunden. Heute verschanzen wir uns, auch die Priester, oft hinter Gesetzen, achten vor allem auf deren Einhaltung. Das ist übrigens nicht nur eine kirchliche, sondern eine gesellschaftliche Erscheinung. Da habe ich auch oft das Gefühl, dass man nach einem starken Mann ruft, weil viele ein Problem haben, mit der eigenen Freiheit umzugehen, weil sie ein Problem mit der Demokratie haben.

Was sagen Sie zur aktuellen Diskussion um die Piusbruderschaft?

Die Diskussion um die Piusbruderschaft sehe ich sehr problematisch. Ich unterstelle dem Papst und seinen Mitarbeitern gute Motive, aber ich glaube, dass der Versuch der Annäherung keine Probleme löst, sondern neue schafft.

Die Kirchen leeren sich. Die Zahl der Christen und ihr Einfluss in der Gesellschaft sinkt. Was kann die Kirche dagegen tun?

Ich glaube, unser Problem ist, dass wir viel zu viel machen wollen. Wir müssten wieder viel mehr sein. Die Kirche müsste viel mehr Wegbegleiter der Menschen sein. Wir brauchen den Mut, raus zu gehen, dorthin, wo die Menschen sind. Ich erwarte nicht, dass deshalb gleich die Gottesdienste voller werden, aber die Leute machen dadurch die Erfahrung: Kirche hat etwas mitzugeben. Die Gestaltung von Gottesdiensten und Sakramenten ist wichtig. Mir ist die Liturgie ein sehr großes Anliegen. Aber noch wichtiger ist es, an die Menschen heran zu kommen. Ich erlebe jedenfalls, zum Beispiel bei der Feuerwehr: Das Interesse an Kirche und Glaube ist da. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die Entwicklung zur Ganztagesschule als Chance für die Kirche, Wegbegleiter von Schülern und Lehrern zu sein.

Die Strukturdebatte im Erzbistum ist in vollem Gange und weckt ängste und Vorbehalte bei Christen. Die kirchlichen Einheiten sollen vergrößert werden. Welche Erfahrungen machen Sie mit einer sehr großen Einheit wie dem Pfarrverband Waldkraiburg?

Die kleinen Einheiten, die Gemeinden müssen bleiben. Da sind die Leute daheim, kennen sich, treffen sich zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen. Ich sehe aber gleichzeitig die Notwendigkeit, enger zusammen zu rücken. Das ist auch eine Chance. Wir können lernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Wir müssen uns bei diesem Prozess fragen: Was ist mir Gemeinde wert, was ist mir Gottesdienst wert, was das Wort Gottes? Aus ängstlichkeit alles zu bewahren, was wir haben, ist nicht der richtige Weg. Keine Pfarrei kann sagen: Hauptsache wir haben unseren Pfarrer und unsere Messe. Für problematisch halte ich es, die Strukturdiskussion auf die Priester eng zu führen. Wir haben auch Pastoral- und Gemeindereferenten. Jede Gemeinde hat ihre Besonderheiten, die sie einbringen kann. Ich denke, wir praktizieren im Pfarrverband Waldkraiburg das Modell Stadtkirche, von dem so oft gesprochen wird, schon recht gut.

Sie arbeiten gerne als Seelsorger in Waldkraiburg, wie Sie immer wieder feststellen. Warum?

Es ist spannend, hier zu arbeiten. Das liegt an der interessanten Geschichte Waldkraiburgs. Mein Anliegen ist es, den Menschen den Rücken zu stärken, dass sie Ja sagen können zu dieser Geschichte. Oft tut es mir weh, wenn ich merke, dass die Waldkraiburger glauben, sich nach außen immer verteidigen zu müssen. Dabei hätten sie doch bei allem, was sie aufgebaut haben, Grund zu sagen: Mia san mia und schreibn uns uns! Einerseits ist es noch immer schwierig, dass sich Waldkraiburg als Einheit erfährt, gleichzeitig erlebe ich die Stadt und die Leute als unheimlich offen für Neubürger und Ausländer und eine Vielfalt, die sehr schön ist.

Sie sind jetzt seit dem Jahr 2000 in Waldkraiburg. Wie lange bleiben Sie dem Pfarrverband noch erhalten?

Als ich kam, habe ich gesagt, zehn bis 15 Jahre bleibe ich. Heute denke ich, nach zehn Jahren wäre der Abschied zu früh, und sage lieber: 15 Jahre und keinen Tag länger! Ich glaube schon, im Pfarrverband etwas bewegt zu haben. Das geht nicht ohne Konflikte und konstruktive Auseinandersetzung. Aber irgendwann ist vielleicht nicht mehr die Kraft da, etwas zu gestalten. Lieber gehe ich schweren Herzens und die Leute sagen: Bleib doch noch!

Gesetzt den Fall, Sie hätten zum Priesterjubiläum drei Wünsche an Ihre Kirche frei. Wie würden diese Wünsche lauten?

Dass wieder mehr der Geist des Konzils Einzug hält. Die Betonung liegt auf Geist, nicht auf Buchstabe. Ein großer Wunsch wäre auch, dass es in puncto ökumene weitergeht, bis hin zum gemeinsamen Abendmahl. Und dass die Kirche wieder offener wird, mehr Mut zu Veränderungen hat, zum Beispiel den Zölibat freistellt und Frauen anerkennt bis hin zur Frauen-ordination.

hg/Mühldorfer Anzeiger

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