"Du machst uns den Russen"

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Ein amerikanischer GI in Waldkraiburg: Peter Schreiber (im Bild rechts) spielte als Statist im Kinofilm "Verspätung in Marienborn" mit.

Waldkraiburg - Kurz vor der deutsch-deutschen Grenze springt ein junger Mann auf einen amerikanischen Militärzug auf. Er will aus der DDR fliehen: Szenen eines Films, bei dem einige Waldkraiburger als Statisten dabei waren.

Die Szene stammt aus dem 1963 gedrehten Film "Verspätung in Marienborn". Der junge Mann war Sean Flynn, der Zug stand in Waldkraiburg am alten Bahnhof. Einige Waldkraiburger waren als Statisten hautnah dabei.

"Ich fuhr einen russischen Jeep und musste an der Grenze einem Flüchtling nachjagen", erinnert sich Adi Schott an seine Statistenrolle im Kinofilm "Verspätung in Marienborn", den das Studiokino im Rahmen des Jubiläumsprogramms der Stadt am 4. Mai um 20.15 Uhr zeigt.

Der 72-Jährige ist ein Waldkraiburger Original, ein Ureinwohner, also "ein Indianer", wie er sagt. Er kam 1946 in die Stadt. Als das Filmteam um Regisseur Rolf Hädrich 1963 in Waldkraiburg war, fuhr ein Fernsehwagen mit Megaphon durch die Stadt, um Statisten anzuwerben.

Sie waren die Russen. Adi Schott (Zweiter von rechts) bekam 20 Mark pro Nacht und einen Eintopf mit Würstel um Mitternacht für seine Mitwirkung.

Adi Schott war einer von ihnen. Damals war er 24 Jahre alt. Ans Wetter könne er sich nicht mehr erinnern. Er trug eine dicke, warme "Russenmontur" und verdiente sich bei dem rund zweiwöchigen Dreh 20 Mark pro Nacht und einen warmen Eintopf um Mitternacht. "Schlecht war der nicht", berichtet er schmunzelnd. Gedreht wurde meist bei Nacht. Oft dauerte es lange, bis die Szenen abgedreht waren, in den Wartezeiten spielte Schott Karten mit den Schauspielern.

Erol Flynns Sohn Sean, der den Flüchtling mimte, der sich im Zug versteckt hat, soll öfter rangemusst haben, bis die Szene im Kasten war, erinnert sich der 72-Jährige. Flynn war später als Fotojournalist in Vietnam und gilt als verschollen.

Bekam am Set von Sean Flynn ein Autogramm: Peter Schreiber.

Im vergangenen Jahr hat Schott, der früher mit Metzgereibedarf handelte, als Zeitzeuge für den Bayerischen Rundfunk bei einem Beitrag zu "Unter unserem Himmel" mitgewirkt. "Da musste mir mein Bruder die Haare abschneiden, wo ich doch eh schon keine mehr hab", berichtet er augenzwinkernd.

Erinnert sich gern an seine Statistenrolle als Russe in Marienborn: Adi Schott.

Ebenfalls Statistenerfahrung ist Peter Schreiber. Der 68-jährige Waldkraiburger war knapp 20, als er dem Ruf des Megaphons zum "Weißen Hirschen" folgte. Dort trafen sich alle Interessenten und wurden eingeteilt. "Du machst uns den Russen, du machst einen Ami", hieß es da am Set. Man schnitt ihm seine Haare, die Seiten wurden ausrasiert, eine sogenannte Bürste am Oberkopf blieb stehen, dazu eine US-Uniform. Fertig war der GI.

"Das hat richtig Spaß gemacht", erzählt Schreiber. Seine Augen funkeln dabei und stolz zieht er ein Autogramm von Sean Flynn aus seiner Brieftasche.

Er bekam ein Gewehr in die Hand gedrückt und wartete die meiste Zeit im Zug. Auf Kommando kam er raus und lief mit seiner Waffe durch das Bild. Das Filmteam habe den Zug von der Bahn gemietet, allein die Lok soll 100 Mark Miete in der Stunde gekostet haben.

Beim alten Bahnhof hatte das Fernsehteam eigens eine Holzbaracke aufgebaut, in der die "Wehrmachtskommentatur" untergebracht war.

Beim Dreh habe Schreiber Sean Flynn hautnah erlebt. Als GI war er auf der Seite des Flüchtlings, der letztendlich den Russen entwischte und weiter in dem Zug mitfahren konnte.

Für seine Mitwirkung als Statist hatte er Zeit, da er als Eilpostzusteller ab Mittag frei hatte. Zum Schlafen sei er allerdings in den zwei Wochen nicht viel gekommen. Bis 3 Uhr wurde gedreht und um 5 Uhr musste er schon wieder in die Arbeit.

Die Mühldorferin Ingrid Lux hat kein Erinnerungsfoto mehr vom Dreh. Sie wirkte eine Nacht als Statistin im Zug mit. Damals war sie 21. "Ich saß im Zug und wir fuhren die Strecke ständig auf und ab", erinnert sie sich lachend.

Am Dienstag, 4. Mai, gibt es im Studiokino Gelegenheit, zu schauen, welchen Waldkraiburger man noch wieder erkennt. Der Streifen gilt als politischer Film ohne Scheuklappen, als sachliches Ost-West-Drama gegen alle Regeln der Propaganda.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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