"Leute sind zu lasch in Sachen Zecken"

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Seit einem Zeckenbiss ist Erwin Geigolath auf seinen motorisierten Rollstuhl angewiesen. Er leidet an Borreliose und muss gegen die Schmerzen ein Fentanylpflaster tragen. Seine Warnung: "Einen Zeckenbiss muss man unbedingt ernst nehmen."

Waldkraiburg - Erwin Geigolath hat sich vor vielen Jahren einen Zeckenbiss eingefangen und sitzt seit nunmehr 14 Jahren im Rollstuhl. Er leidet an Borreliose und will andere aufklären:

Er hat starke Schmerzen, die mit einem Fentanylpflaster behandelt werden. Verbittert ist der Frührentner nicht. Aber er will die Leute aufklären und wachrütteln, denn viele gehen mit dem Zeckenproblem "zu lasch" um.

"Jeder sollte sich gegen Zecken impfen lassen", ist Erwin Geigolath überzeugt. Die Impfung helfe zwar nur gegen FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis, also Hirnhautentzündung). "Aber ich habe auch gesehen, was FSME anrichten kann", sagt der 53-jährige Waldkraiburger - der selbst an Borreliose leidet - und berichtet von einem fünfjährigen Mädchen, das nach einer zeckenbedingten Hirnhautentzündung "ein schwerbehinderter Pflegefall" sei.

Krankheit sehr spät festgestellt

Auch mit Borreliose ist nicht zu spaßen. Erwin Geigolath, der wegen dieser Erkrankung seit 14 Jahren im Rollstuhl sitzt, berichtet von seinem Leidensweg. Der ehemalige Dachdecker hat starke Schmerzen in Muskeln und Gelenken und muss ein Fentanylpflaster tragen, um sie überhaupt zu ertragen. Das Schmerzmittel gelangt so über seine Haut in den Körper und wird alle drei Tage gewechselt.

Nach einem Waldaufenthalt sollte man sich nach Zecken absuchen.

"Die Krankheit wurde bei mir so spät festgestellt, weil die Ärzte die Symptome nicht richtig deuteten", erzählt der 53-Jährige. Er ging schlapp und müde und mit Muskelschmerzen in Sprechstunden und wurde heimgeschickt mit der Aussage "Das kommt vom schweren Arbeiten". Als die Schmerzen nicht nachließen, begab er sich in die Neurologische Abteilung im Klinikum Gabersee. Das war das vierte Krankenhaus, das er abklapperte, wie er sagt und da habe er Gewissheit bekommen. Das Gift der Zecke sei aber schon jahrelang in seinem Körper gewesen. Da hat Antibiotika nicht mehr geholfen. Nun ist Geigolath auf seinen elektrischen Rollstuhl angewiesen. Den habe zum Glück die Krankenkasse übernommen. Die Kraft, einen normalen "Rolli" selbst anzuschieben, habe er nicht. "Ich kann auf Krücken noch etwa 100 Meter gehen, dann klappe ich zusammen".

"Wenn die Ärzte das früher gemerkt hätten, wäre es nicht so weit gekommen", sagt der Betroffene, der weiß, dass Borreliose oft nicht erkannt werde.

Arbeiten kann Erwin Geigolath nicht mehr. Als Frührentner befinde er sich in einer schlechten finanziellen Situation und lebe von etwa 620 Euro monatlich. Seine 20-jährige Tochter wohnt noch bei ihm, die Auszubildende hilft ihm im Haushalt und etwa morgens aufzustehen. Ohne fremde Hilfe kommt er nicht mehr aus dem Bett, so sehr hat sich seine Muskulatur zurück gebildet.

Zustand verschlechter sich zunehmend

Verbittert sei er nicht, auch wenn sich sein Zustand zunehmend verschlechtere. So versucht er sich mit positivem Denken hochzuziehen. "Ich darf mich nicht hängen lassen. Meine Enkerl brauchen mich, das gibt mir Kraft", so der Waldkraiburger. Ein großes Anliegen hat er: Er will die Leute wachrütteln. Zeckenbisse werden stark unterschätzt, die Leute gehen "zu lasch" damit um.

"Wer eine Zecke an sich entdeckt und keine Zange dafür hat, soll sofort zum Arzt gehen, nicht selber hantieren, denn wenn das Vieh gequetscht wird und der Kopf abreißt, gelangt das Gift vielleicht so erst in den Körper." Er wünscht sich mehr Aufklärung an den Schulen für beide Zecken-Leiden. Man müsse mit der Thematik "gleich an die Kinder rangehen, dass sie von sich aus eine Impfung wollen".

Mit einer Zeckenzange lässt sich der Parasit entfernen. Auf keinen Fall mit Öl oder gar Sekundenkleber experimentieren.

Laut Umweltminister Dr. Marcel Huber ist Bayern ein Risikogebiet für die von Zecken übertragenen FSME- und Borreliose-Erreger. "Mit Ausnahme des westlichen Oberbayerns und Schwabens ist der Freistaat gefährdet", so Huber, der sich bei einer Pressekonferenz im Ministerium kürzlich gegen FSME impfen ließ. Im Jahr 2011 gab es 177 registrierte FSME-Fälle. Für Borreliose-Infektionen schwebt Huber vor, eine Meldepflicht einzuführen. Wissenschaftler der Uni Würzburg gehen davon aus, dass sich jährlich rund 10000 Menschen - auch harmlose Verläufe eingerechnet - mit Borreliose infizieren.

Eine Impfung gegen die Infektionskrankheit gibt es noch nicht. "Borreliose ist aber mit Antibiotika gut behandelbar", erklärt Apotheker Dr. Johannes Huber, Pressesprecher der Apotheker im Landkreis Mühldorf.

Die FSME-Impfung sollte seinem Rat nach jeder machen lassen, der sich viel in der Natur aufhält - auch in Österreich, Tschechien, Ungarn, Polen, Schweden oder der Schweiz. Auch Kinder sollten geimpft werden, so der Apotheker. Der Impfstoff sei heute verträglicher geworden.

Die Kosten tragen die Krankenkassen, dreimal innerhalb eines Jahres muss man sich dafür pieksen lassen. Zur Vorbeugung kann man bei einem Spaziergang im Wald weiße Kleidung tragen, da sieht man die Tierchen nämlich gleich. Lange Ärmel sind ratsam, und am besten die Hose in die Socken stecken, so der Apotheker-Sprecher. Eine Zecke kann man mit einer Zeckenzange entfernen. Wer sich das nicht zutraut, geht am besten gleich zum Arzt.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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