Die letzten Zivis hinterlassen Lücken

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David Sonnleitner ist einer der letzten Zivis

Waldkraiburg - Sie gehören zu einer aussterbenden Art: die letzten Zivis. Aufgrund der Abschaffung des Wehrdienstes verschwindet auch der Zivildienst.

Wie gehen Einrichtungen wie Altenheime damit um, dass sie nun auf die Hilfe der jungen Männer verzichten müssen? Die Lücke zu füllen stellt sie vor Probleme. Soziale Wärme zu bezahlen ist nicht wirtschaftlich.

David Sonnleitner ist 19 und noch bis Ende März als Zivi im Adalbert-Stifter-Heim tätig. Für ihn kam Bundeswehr nicht in Frage, wie er erzählt. "Ich wollte etwas machen, von dem ich auch persönlich was mitnehme." Als die Oma des Mühldorfers ihre letzten Wochen und Tage im Stifter-Heim verbrachte, reifte in ihm die Entscheidung, seinen Zivildienst auch hier abzuleisten. Freiwillig verlängerte er von sechs auf neun Monate.

"Ich merkte, dass ich gebraucht werde und es war auch keine Übergangslösung für einen Nachfolger in Sicht", berichtet der junge Mann. Jetzt gibt es einen, einen 58-Jährigen Quereinsteiger, der die Lücke in einer 35-Stunden-Woche füllen soll. "Diese Kraft ist wesentlich teurer als ein Zivi", sagt Heimleiter Hubert Forster - ganz ohne Wertung, wie er betont. Damit sich die Stelle des neuen Allrounders trägt, will das Stifterheim ihn in externen, begleiteten Fahrdiensten einsetzen. "Das ist ein Angebot für alle Senioren in der Stadt, die einen Freizeit-Fahrdienst mit Begleitung brauchen, etwa zum Arzt oder ins Theater - gegen den Unkostenbeitrag", so Forster. Der Neue übernimmt einen Großteil der Aufgaben, die der Zivi vorher erledigte - aber sicher nicht alle. Vor allem nicht spontane Hilfe, wo sie gerade gebraucht wird, etwa sich schnell um den Papierkram einer Einweisung zu kümmern, wenn keine Angehörigen da sind. Auch das Pflegepersonal wird mehr Arbeitsaufwand abbekommen - auf Kosten der Zeit für die Bewohner. "Die zwischenmenschliche Zeit wird den Bewohnern fehlen, sie sorgen sich auch deswegen", sagt Hubert Forster ernst. Meist gab es vier Zivildienstleistende im Stifter-Heim gleichzeitig, was die Senioren sehr genossen hätten.

Das was Zivis in Altenheimen leisten, sei unbezahlbar, sagt Andrea Schmidt, Leitung der sozialen Bewohnerbetreuung. Sie spricht nicht nur von den vielen kleinen sponaten helfenden Handgriffen und Diensten, wie etwa rasch ein Rezept abzuholen, technische Probleme zu beheben oder den Senioren eine Lupe zum Lesen zu bringen. Sie spricht von sozialer Wärme. Diese zu bezahlen sei nicht wirtschaftlich. David fährt die älteren Herrschaften schon mal zur Toilette, hilft ihnen beim Essen, geht mit ihnen spazieren oder spielt für sie Gitarre.

"Die Berührungsängste haben sich schnell gelegt", erinnert sich David Sonnleitner an den Anfang seiner Dienstzeit. "David organisiert sich gut selbst", freut sich Schmidt und bedauert gleichzeitig den Verlust seiner Unterstützung.

"Die Bundeswehrreform ist schlecht für die Einrichtungen. Die Lücken aufzufangen, bedeutet draufzuzahlen", sagt der Einrichtungsleiter. Auf den Bundesfreiwilligendienst, der den Wegfall der Zivis einigermaßen kompensieren soll, blickt er noch sehr skeptisch. Bisher habe es leider keine einzige Anfrage gegeben.

Von einem ideellen Verlust durch des Ende des Zivildienstes spricht Tanja Hipp, Leiterin des AWO-Seniorenheims. Das frische und junge Engagement im Haus werde den Mitarbeitern wie den Bewohnern fehlen.

Ulli Wunder ist noch bis Ende April als Zivi in der Haustechnik und für Besorgungen beschäftigt. "Ulli, der Letzte", nennt ihn seine Chefin scherzhaft, denn er ist tatsächlich der letzte Zivi, der seinen Dienst im AWO-Heim tun wird.

Ist der 18-jährige Mühldorfer dann weg, sind auch die "Give-Aways", die man den Heimbewohnern gerne bot, weg. "Alle Dinge, die nicht mehr von den Kostenträgern refinanziert werden, können wir dann nicht mehr anbieten", so Hipp. Etwa Arzt- oder Laborfahrten, Rezepte und Medikamente besorgen - das muss dann über die Angehörigen organisiert werden. Die technischen Arbeiten wird der Hausmeister künftig alleine verrichten.

Und die Zeit zwischendurch, für zwischenmenschliche Dinge? Die wird immer knapper, schließlich hat das verbleibende Personal nicht zusätzliche Zeit übrig.

Hipp bedauert, dass durch den Wegfall des Zivildienstes bundesweit junge Männer keinen Einblick mehr in den sozialen Bereich bekommen. "Bisher konnten sie in einem geschützten Rahmen soziale Arbeit als sinnerfüllend kennenlernen, auch ihr Rollenverständnis wurde geprägt." Sie lernten nach ihren Worten "Soft Skills" wie Zuverlässigkeit und Verantwortung.

Da Zivildienststellen arbeitsmarktneutral waren - sie durften also keinen regulären Arbeitsplatz verdrängen - sieht Hipp den Verlust hauptsächlich im zwischenmenschlichen Bereich und bei den vielen "Bienchendiensten", die die jungen Männer übernahmen. Schnell mal etwas holen, auffüllen, auswechseln.

Tanja Hipp setzt auf den Bundesfreiwilligendienst, über den sich auch junge Frauen engagieren können. Und sie hofft auf soziales Engagement aus den Reihen des doppelten Abiturjahrganges. Auf der Homepage www. awo.freiwilligendienste-bayern.de gibt es weitere Infos.

Kein allzugroßes Problem für seine Altenheime durch die Bundeswehrreform sieht Robert Geisberger, Geschäftsführer der Einrichtungen in der Reichenberger Straße und "Berliner Bär". Er habe zu oft schlechte Erfahrungen mit der Einstellung von Zivildienstleistenden gemacht. "Für den Pflegebereich wollte sich eh keiner hergeben", so Geisberger.

Derzeit gebe es noch Mario, der für beide Heime in der Haustechnik eingesetzt und noch bis Ende Mai verfügbar sei. Mit ihm sei er voll zufrieden.

Das Ende der Zivi-Ära aus sozialer Sicht sieht er gelassen. "Wer Erfahrungen in diesem Bereich will, hat nach wie vor genügend Möglichkeiten, etwa durch FSJ oder Praktikum", so Geisberger.

Grundsätzliche habe das Ganze finanzielle Folgen. Wenn Heime künftig mehr 400-Euro-Jobber oder Festangestellte bezahlen müssen, sei das natürlich eine finanzielle Mehrbelastung und gehe zu Lasten des Pflegesatzes.

Darüber sorgen sich viele Senioren. Aber mehr noch, dass ein bisschen Lebensfreude wegfällt. Dass weniger Zeit für nette Gespräche bleibt, dass künftig der Kostenkatalog die Tagesstruktur noch stärker regelt. Rudolf Krause aus dem AWO-Heim, 82-jähriger Bewohner, bringt es auf den Punkt. "Die Zivis werden überall fehlen."

kla/Mühldorfer Anzeiger

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