Katholische Jugend packt "heiße Eisen" an

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Waldkraiburg - Homosexualität, Verhütung, Sex vor der Ehe. In der Podiumsdiskussion beim Aktionstag der katholischen Jugend wurden "heiße Eisen" angepackt.

Kontrovers werden sie in der Kirche diskutiert. Auch an diesem Abend, bei dem überzeugte Anhänger der amtlichen katholischen Sexualmoral mit Vertretern einer ethischen Position aufeinandertrafen, die die Eigenverantwortung der Menschen betont.

Kirchliche Gebote seien nicht da, um Menschen zu gängeln, sondern eine Richtschnur, damit sie ihr Glück finden. "Wollen Sie eine Kirche, die das vertritt, was die Mehrheit will?" Die Frage, die Elisabeth Wunder aus dem Publikum mit kritischem Unterton gegen Ende der Veranstaltung an mehrere Podiumsteilnehmer richtete, brachte die Diskussion noch einmal in Fahrt und den Kern der Auseinandersetzung auf den Punkt.

Er wolle nicht, dass die Kirche Patentrezepte für ein Leben ausgibt, das dafür zu vielfältig sei, sagte Pfarrer Martin Garmaier (54). Gebote seien ein Geländer, "damit wir nicht runterfallen". Das Wesentliche aber sei die Treppe: Nächsten- und Gottesliebe. Nicht zur Beliebigkeit, aber zur Freiheit habe Gott befreit, zitierte der Priester den Apostel Paulus. Die Kirche müsse alles tun für eine freie Entscheidung der Menschen in Verantwortung für sich und den Partner.

Auf dieser theologischen Grundlage kritisierte der Pfarrer einseitige Stellungnahmen der Kirche, die künstliche Empfängnisverhütung kategorisch verbieten. Familienplanung sei Verantwortung der Eheleute. Auf die Eigenverantwortung der Gläubigen hätten auch die deutschen Bischöfe verwiesen, als Papst Paul VI. in der Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 die künstliche Verhütung verworfen hatte.

Inge Schauberger (72) sieht das Pillen-Verbot der Enzyklika als "Machtspiel der Kirche bis ins Schlafzimmer hinein". Sie habe es nicht akzeptieren können. "Ich selbst muss mein Leben leben" und mit dem Partner entscheiden. "Wir könnten heute zehn oder 15 Kinder haben", so die vierfache Mutter und ehemalige Religionslehrerin.

Martin Ringhof (35), Pfarrvikar in der Stadtkirche Mühldorf, möchte "die Gebote auf das Leben hin auslegen". Sexualität müsse auf die Zeugung von Kindern hin offen sein, teilt er die lehramtliche Position. Keinesfalls unterstütze er, dass ein 14-jähriges Mädchen Sex hat, betonte er. Aber wenn ein Paar, das in einer festen Beziehung lebt, "vor dem Trautermin miteinander schläft, dann glaube ich nicht, dass der liebe Gott einen Herzinfarkt kriegt". Er mache die Erfahrung, dass er zum Thema Sexualität als Priester von den Gläubigen nicht mehr angefragt wird.

Genau darin sieht Christian Agi (24), Vorsitzender des Diözesanausschusses des Bundes der katholischen Jugend (BDKJ), das Problem. Agi ist überzeugt, dass die Kirche "viel zu bieten hat, was mir in der Pubertät geholfen hat und vielen anderen Jugendlichen für ihr Leben etwas bringt". Doch wenn junge Leute fragen, wollen sie nicht auf den Katechismus verwiesen werden, sondern "dass Kirche angemessen auf sie eingeht". Die Zukunft der Kirche hänge davon ab, wie glaubwürdig sie damit umgeht.

Sex sei ein Grundbedürfnis des Menschen. Als einvernehmliche Entscheidung und Handlung zweier selbstbestimmter Menschen könne er die Menschenwürde nicht verletzen. Viel eher sei das Verbot von vorehelichem Sex ein Verstoß gegen die Würde des Menschen.

Viel wichtiger als die Frage, ob die Kirche Recht oder nicht Recht hat, sei ihr ein "ehrliches, echtes Gespräch", damit Jugendliche, die Werte, die Kirche vermittelt, entdecken können, so Schwester Erika Wimmer (47). Sie stellte klar, dass nach kirchlicher Lehre zwar der Kinderwunsch im Vordergrund stehe, der Geschlechtsakt aber zugleich in seiner Bedeutung als Ausdruck der Liebe und zur Festigung der Beziehung gesehen werde.

Die Garser Missionsschwester über ihre Lebensform: "Es ist möglich, ehelos, jungfräulich zu leben. Und man kann sogar glücklich leben."

Christiane Lambrecht (45), die sich als Vorstandsmitglied bei der CDL (Christdemokraten für das Leben) engagiert, stellte sich hinter die kirchliche Sexualmoral, die nur die natürliche Empfängnisregelung erlaubt. Die Mutter von drei Kindern sieht in den kirchlichen Verhütungsregeln einen Weg, die Würde der Frau zu achten, und spricht sich auch aus gesundheitlichen Gründen gegen die Pille aus: "Warum soll sich eine junge Frau Hormone einwerfen? Warum soll immer die Frau die Verantwortung tragen?" Von der Pille profitiere vor allem die Pharmaindustrie. Die dreifache Mutter sprach sich dafür aus, junge Mädchen zu bestärken, "dass sie das Selbstbewusstsein haben, nein zu sagen".

Verkommt die Frau durch die Pille nicht zum Lustobjekt? Fragen wie diese wurden aus dem Publikum eingeworfen. Überzeugte Anhänger der amtlichen kirchlichen Sexualmoral vertraten die Meinung, die Liebe und Hingabe sei eingeschränkt, "wo die Fortpflanzung ausgeklammert wird". Jugendliche sollten enthaltsam leben, solange kein endgültiges Ja-Wort gesprochen ist.

"Es lohnt sich, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten", meinte Marina, eine junge Frau, die Christiane Lambrecht zu der Diskussion begleitet hatte. Sie sehne sich "nach Liebe, die Dauer hat, die sich hingibt und verbindlich ist". Das bedeute zwar Verzicht in einer Beziehung, so Marina. "Aber ich glaube, die Liebe ist geduldig."

Respekt vor dieser Haltung äußerte Julia Dotzauer (20), Jugenddelegierte des BDKJ im Zukunftsforum der Erzdiözese. Doch Sex vor der Ehe verstoße nicht gegen die Würde des Menschen, wenn gegenseitiger Respekt da ist und nicht der eine den anderen ausnutzt.

Aus der Warte der Sozialpädagogin, die in der Schwangerschaftsberatung im Gesundheitsamt arbeitet, näherte sich Carola John-Hofmann (49) dem Thema an. Verhütung bewahre nicht nur vor ungewünschter Schwangerschaft, sondern auch vor negativen gesundheitlichen Folgen. "Wenn ich verhüte, übernehme ich Verantwortung für den anderen." Die Jugend, so ihre Erfahrung, sei "bei weitem nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird". Viele junge Leute leben christliche Werte. Liebe und Treue sei ihnen "wichtiger denn je". Die Kirche gehe aber sehr starr mit dem Thema um". Ihre Sexuallehre spiele deshalb für Jugendliche "keine Rolle".

Für eine kontroverse Diskussion sorgte auch die lehramtliche Position zur Homosexualität. Homosexuelle Handlungen seien in keinem Fall zu billigen, heißt es im Katechismus. Der homosexuelle Geschlechsakt sei nicht mit dem heterosexuellen zu vergleichen, meinte Christiane Lambrecht. Homosexualität entspreche nicht der biblischen Schöpfungsordnung.

Dagegen wandten andere Teilnehmer der Podiumsdiskussion ein, dass Homosexualität nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen im Menschen angelegt, also Gottes Wille sei. "Deshalb müssen Homosexuelle auch das Recht haben, sich ihre Liebe zu zeigen", meinte etwa Pfarrer Garmaier. Und ein Vertreter der "Schwusos", des SPD-Arbeitskreises Lesben und Schwule, betonte, auch Homosexuelle könnten am Leben in der Kirche teilhaben. "Ich lebe katholisch. Ich bin katholisch."

Nach zwei Stunden "engagierter und respektvoller Diskussion" schloss Moderatorin Regina Egglhammer-Schwabl die Veranstaltung. Die aufgrund heftiger Proteste im Vorfeld befürchtete Eskalation war ausgeblieben.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

Rubriklistenbild: © pa

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