Glück: „Unsere Art zu leben hat hohen Preis“

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Zukunftsfähigkeit heißt Leitbilder mit ökonomischem Können und sozialer Verantwortung miteinander zu verbinden, sagte Alois Glück (Zweiter von links) in seiner Rede beim Neujahrsempfang. Bürgermeister Siegfried Klika (links) sowie Manuela Keller (IGW) und Karl Burkhard (IVM) bedankten sich.

Waldkraiburg - Hoher Besuch beim Neujahrsempfang der Industriegemeinschaft Waldkraiburg und Aschau: Der ehemalige Landtagspräsident Alois Glück sprach über Werte, Leitbilder und Fortschritt.

Beim Neujahrsempfang der Industriegemeinschaft Waldkraiburg und Aschau (IGW) und des Industrie- und Wirtschaftsverbundes Mühldorf sprach der ehemalige Landtagspräsident Alois Glück über Werte, Leitbilder und Fortschritt.

"Der Reparaturbedarf für unsere Art zu leben wird immer größer", sagte Alois Glück in seiner Festrede zum Thema "Fortschritt wofür? Blockieren wir uns auf dem Weg in die Zukunft?"

IGW-Vorsitzende Manuela Keller übernahm im Haus der Kultur die einleitenden Worte. "Fortschritt - was ist das?", fragte sie und sprach die Ausmaße der Entwicklungen des Fortschritts an, benannte die beherrschende Eigendynamik und den Kontrollverlust gewisser Entwicklungen, etwa der anhaltenden Banken- und Eurokrise, Großprojekte, die Milliarden an Steuergeldern kosten, etwa das Endlager Gorleben für die Atomindustrie oder "Stuttgart 21" und die große Schlichtung. Man wolle Fortschritt, aber doch nicht um jeden Preis!

"Ein Unternehmer könnte sich so etwas nicht erlauben"

Als Ursache für die Bankenkrise nannte sie die Gier nach immer höheren Profiten und die Entkopplung des Bankensektors vom Wirtschaftssektor. Das habe dazu geführt, dass der Mittelstand keine Kredite mehr bekomme. "Erstaunlicherweise dürfen Banken immer noch neuartige Finanz-Derivate auf den Markt bringen", so Keller. Das Handeln bleibe konsequenzenlos. Ein Unternehmer könne es sich dagegen nicht leisten, sich bei einem negativen Ergebnis auch noch zu belohnen.

Ziemlich mutig von Manuela Keller, so pointiert zu sprechen, sind doch die Sparkasse, die Commerzbank, die Vereinsbank und die VR-Bank vor Ort Sponsoren des jährlich stattfindenden Empfangs der Wirtschaftsverbände.

Ihr Fazit: Bei Groß-Banken brauchen wir kein Glücksrittertum, sondern Menschen mit gesundem Risikobewusstsein. Des Weiteren wünscht sie sich vorausschauende Planung, persönliche Verwantwortung und etwa Sanktionen gegen Fehlverhalten.

Wirtschaftsempfang Waldkraiburg

Bürgermeister Siegfried Klika sprach in seinem Grußwort eine TV-Umfrage von Maybritt Illner an. Demnach können sich 70 Prozent der Westdeutschen vorstellen, in einem sozialistischen System zu leben, wenn dadurch der Arbeitsplatz gesichert wäre. "Das lässt mich aufhorchen, denn das ist ein tiefer Ausdruck der Angst um den Wohlstand." Vor einer entsprechenden ängstlichen Grundstimmung in der Bevökerung warnte er.

Landrat Georg Huber sagte, die Zukunftsfähigkeit hänge von anderen Werten ab, als vom Profit auf Kosten der Menschlichkeit. "Unser Leitbild sollte wieder die soziale Marktwirtschaft sein", so der Landrat.

Als Alois Glück, ehemaliger Landtagspräsident und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, seinen Vortrag begann, wurde es sehr still im Saal. Er redete davon, dass sich der Mensch nicht gern ändere und sein Gespür für die Zeichen der Zeit verliere.

Derzeit erlebe man widersprüchliche Entwicklungen. Einerseits boome die Wirtschaft, andererseits habe man einen dramatischen Anstieg der Staatsschulden. Die demografische Entwicklung - die lange absehbar gewesen sei - mache uns zu schaffen. "Wir haben's erfolgreich verdrängt", so Glück.

Zwar gebe es derzeit eine positive Entwicklung und der Optimismus sei gut. Er dürfe aber nicht den Blick verdecken auf das, was jetzt zu tun sei. Es bestehe die Gefahr, weil es ja nach der Krise jetzt wieder besser läuft, dass man nichts verändere in Wirtschaft und Politik.

Er spricht das Wort "Wutbürger" an im Hinblick auf "Stuttgart 21" und etwa die Castortransporte. Qualifizierte Bürgerinitiativen seien immer wichtig gewesen für die Entwicklungen. Aber wie könne man das positiv gestalten - mit der gegenwärtigen politischen Kultur, wo es teils nur noch darum gehe, wer gegen wen ist?

Es brauche Transparenz und politische Verantwortliche mit einem Rechenschaftsbewusstsein. Die allumfassende Vertrauenskrise in Politik, Wirtschaft und auch Kirchen habe viele Gründe und sie habe alle gesellschaftlichen Schichten erreicht. Vertrauen könne man nicht verordnen, man müsse es zurückgewinnen. Durch Transparenz und der Übereinstimmung von Darstellung und Wirklichkeit. Alois Glück fragte sich, ob die Demokratie überhaupt in der Lage ist, das zu meistern. Er zielte im Vortrag ab auf soziale Konflikte durch Armut und Spreizung des Einkommens, durch Angst vor Überfremdung durch die Zuwanderung. Die Situation werde immer nervöser.

Zwar gebe es postive Wirtschaftsnachrichten, andererseits sei bekannt geworden, dass die häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frührente psychische Erkrankungen seien. Immer mehr Menschen seien durch die Schnelllebigkeit der Zeit überfordert. Er monierte die Forderung nach immer mehr Mobilität und Flexibilität und die damit verbundene Entwurzelung, die vorprogrammierte Altersarmut durch schlechte Arbeitsverhältnisse, die miesen Job-Bedingungen für junge Leute, etwa die Ausnutzung von Hochschulabsolventen durch Praktikumsverhältnisse. "Wie sollen diese jungen Leute da eine Familie gründen?"

"Unsere Art zu leben hat einen hohen Preis und fordert einen immer höheren Reparaturbedarf", meinte Glück. Die Finanzdebatte habe auch eine Wertedebatte ausgelöst. Bei der Ursachenforschung für die Krise müsse man sich nach den Wertvorstellungen fragen. Wenn der Maßstab ein möglichst schneller Wohlstandszuwachs sei, dürfe man den Kapitalmarkt nicht zu stark regulieren. Energie dürfe dann nicht verteuert werden. Also müsste es weiterhin riskante Tiefseebohrungen geben und Öl- und Gasförderungen in den hintersten Winkeln der Welt.

Es reiche aber nicht, Werte und Moral zu beschwören. Das Problem sei, es gebe keine Übereinstimmung an gemeinsamen Überzeugungen mehr. Materielles Wachstum allein sei nicht Lebensqualität.

"Wir brauchen eine neu belebte Kultur der Verantwortung. Schon Kinder müssen befähigt werden, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten", fordert Glück, ebenso wie Verantwortung für andere und das Gemeinwohl zu übernehmen und auch für die Nachkommen. Eine große Herausforerung, denn die Gesellschaft hätte keinen Nutzen, sondern nur die Aufgabe.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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