Eintauchen in eine fremde Welt

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Votivtafeln, Heiligenbilder und Andachtsgegenstände aus alter Zeit sind in der Weihnachtsausstellung zu sehen, die noch bis 10. Januar im Haus der Kultur den Kosmos des katholischen Volksglaubens lebendig werden lässt.

Waldkraiburg - Wer weiß heute noch, was Schluckbildchen sind? Oder Schabefiguren? Wer kann alle 14 Nothelfer aufzählen?

Diese Phänomene einst tief verwurzelter Religiosität sind in Vergessenheit geraten, so wie die volksfrommen Bräuche, die mit ihnen verbunden sind. Eine Ausstellung im Haus der Kultur erweckt diese fremde Welt zum Leben.

"Religiöse Volkskunst aus Altbayern" steht diesmal im Mittelpunkt der Weihnachtsausstellung, die das Stadtmuseum alljährlich im Haus der Kultur präsentiert. Gegenstände, die in der Heiligenverehrung, bei Wallfahrten und im frommen Alltagsleben der Katholiken in Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz, einst ihren Sitz im Leben hatten und zum Teil noch haben. Noch bis zum 10. Januar ist die Ausstellung zu sehen.

Die meisten der Bräuche, die selbst die Aufklärung überdauerten, sind im 20. Jahrhundert verschwunden. Geblieben ist allenfalls die Erinnerung an sie, etwa bei Gewitter eine Wetterkerze aufzustellen oder in den Raunächten keine Wäsche auf die Leine zu hängen. Bei der Eröffnung der Ausstellung, die die "Capella Nova" unter Leitung von Bernhard Hoffmann musikalisch umrahmte, nannte Kulturreferentin Gertraud Kesselgruber diese Beispiele stellvertretend für viele andere volksfromme Handlungen und Vorstellungen. Die Schau biete die Gelegenheit, in diese weitgehend verschwundene Welt des religiösen Volksglaubens einzutauchen, so die Stadträtin.

Ein Kosmos, der auch den Fachmann ab und an zum überraschten Staunen bringt, wie Dietrich Maurer, Volkskundler und Volontär im Stadtmuseum bekannte. So genannte Schabefiguren habe er eher exotischen Naturreligionen zugeordnet. Tatsächlich wurden diese Nachbildungen des Gnadenbildes aus Ton an manchen Wallfahrtsorten angeboten. Bei Krankheiten konnte von diesem Ton abgeschabt und dem Patienten verabreicht werden. Kleine "Schluckbildchen" mit Heiligendarstellungen erfüllten ebenfalls diese Funktion des religiösen Medikaments.

Schutz- und Segensmittel der unterschiedlichsten Art, Gegenstände aus der Heiligen- und Reliquienverehrung wie aus dem einst blühenden Wallfahrtswesen in Altbayern sind in großer Vielfalt in dieser Ausstellung zu sehen. Die meisten stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie gehörten zum Bestand des ehemaligen Klostermuseums der Englischen Fräulein ("Congregatio Jesu") in Burghausen.

Dietrich Maurer gestaltete die Ausstellung, die vom Stadtmuseum Burghausen konzipiert worden war, gemeinsam mit der Waldkraiburger Museumsleiterin Elke Keiper für die Räume im Haus der Kultur um und ergänzte sie um eine Vitrine mit Stücken aus dem Bestand der Adlergebirgsstube.

Die Grenzen zwischen naturmagischen Vorstellungen und Handlungen, die nicht im Einklang mit der offiziellen katholischen Lehre standen, und bis heute gepflegten Formen der Frömmigkeit sind mitunter fließend. Einen breiten Raum nehmen in der Ausstellung auch Andachtsgegenstände ein, die zwar mit dem Rückgang der Wallfahrten und Heiligenverehrung ihre einstige Bedeutung verloren, aber noch immer gebräuchlich sind: Votivtafeln etwa oder Hinterglasbilder und Rosenkränze.

Rosenkränze - Lars Schmidt-Lanzerath, evangelischer Pfarrer in Waldkraiburg, erinnern sie an die "Perlen des Glaubens", ein Band mit 18 Perlen, die als Lebensweg Jesu gedeutet werden können und seit einigen Jahren in der evangelischen Kirche Verbreitung finden. Mit Reliquien und anderen Kulten könne er selbstverständlich nichts anfangen, sagt der Pfarrer. Dass Menschen etwas Anschauliches und Sinnenhaftes haben, um sich zu versenken und ihren Glauben zu leben, hält er für sinnvoll, hat nichts dagegen einzuwenden, "solange das Ganze nicht magisch wird."

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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