Dubiose Haustürgeschäfte

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Waldkraiburg - Dubiose Haustürgeschäfte sorgen für Aufregung. Mehrere Waldkraiburger Senioren, die Verträge für ein Produkt des Telekommunikationsunternehmens Vodafone unterschrieben haben, fühlen sich regelrecht überrumpelt von Mitarbeitern einer bislang nicht bekannten Vertriebsagentur.

Das Unternehmen wie der örtliche Vodafone-Shop distanzieren sich von der Aktion.

"Er hat an der Wohnungstür geklingelt. Ich war so perplex." Bei der 83-jährigen Josefine K. (Name von der Redaktion geändert), die in einem Hochhaus in der Siemensstraße wohnt, hatte der junge Mann leichtes Spiel. Am Ende des Verkaufsgesprächs hatte die Dame einen Vertrag mit zweijähriger Laufzeit für eine "Vodafone-Zuhause Festnetz Flat" unterzeichnet und die Einzugsermächtigung erteilt. Und damit einen Auftrag für einen Anschluss vergeben, den die 83-Jährige nicht will. "Dabei habe ich ihm noch gesagt, er solle mich ja nicht hintergehen." "Ein Gentleman zwischen 25 und 30 Jahren, sehr elegant gekleidet. Ständig wurde er von einem Kollegen angerufen." Mehr weiß Josefine K. nicht über den Mann, der ihr weder einen Ausweis gezeigt noch den Namen einer Firma genannt habe.

Überfordert und Hilfe suchend meldete sich die Seniorin in ihrer Not bei einer ihr bekannten Verwaltungsangestellten m Rathaus. Andere Betroffene und erboste Angehörige wandten sich an die Zeitung oder meldeten sich bei Franz Empl im örtlichen Vodafone-Shop. Bereits über zehn Beschwerden von Kunden, die die Verträge stornieren wollen, gingen dort laut Angaben von Empl ein. Bei der angebotenen Flat handle es sich um ein "realistisches, sehr gutes Produkt", so der Vodafone-Händler, der sich aber ausdrücklich von den Geschäften an der Haustür distanziert. "Das ist keine Aktion von mir." Für die Mutter von Christina Keilwerth bringt der neue Vertrag keinen Vorteil. "Sie hat schon einen günstigen Tarif", sagt die Waldkraiburgerin, die nicht zum ersten Mal wegen eines derartigen Vertragsabschlusses ärger hat. Schon einmal gab es Probleme mit einem Anbieter. Während Keilwerth in Urlaub war, unterschrieb ihre Mutter auf Drängen einer Werberin den Vodafone-Vertrag. "Meine Mutter ist 84. Wie kann man so etwas machen. Ich habe mich fürchterlich geärgert", so Keilwerth, die allein in der Wohnanlage ihrer Mutter in der Troppauer Straße von zwei weiteren Fällen weiß.

Die beiden Fälle bestätigen den Eindruck Franz Empls, dass "die bevorzugte Zielgruppe bei diesen Haustürgeschäften ältere Damen sind". Er hat die Niederlassungsleitung von Vodafone informiert und die Verträge nach München weiter geleitet. Schon deshalb weil Empl einen Imageschaden für sein Geschäft befürchten muss, will er die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Nach seinen Informationen gab es vor einigen Wochen ähnliche Fälle in Mühldorf, allerdings nicht in dem Ausmaß wie in Waldkraiburg. Stutzig macht den Vodafone-Händler, dass angeblich ein Techniker, der zwei bis drei Tage nach Vertragsabschluss den Anschluss einrichtet, "19,90 Euro in bar" verlange. Nach einem handschriftlichen Vermerk auf den Verträgen wird diese Summe "einmalig" fällig. "In den Standardangeboten von Vodafone ist eine solche Gebühr für den ersten Besuch des Technikers definitiv nicht vorgesehen", sagt dazu Thorsten Höpken, Pressesprecher des Unternehmens in Düsseldorf. "Unsere Mitarbeiter halten nicht die Hand auf." In einer ersten Stellungnahme schloss Höpken aus, dass es sich bei den Verkäufern um Mitarbeiter des Unternehmens handelt. "Vodafone macht grundsätzlich keine Haustürgeschäfte. Wir haben ein gut ausgebautes Filialnetz."

Nicht ausschließen konnte Höpken allerdings, dass in Waldkraiburg ein "unabhängiger Vertriebspartner" auf diesem Wege Kunden für Vodafone akquiriert. Der Unternehmenssprecher sagte eine Prüfung zu, "um dieses Vorgehen für die Region zu unterbinden". Höpken bezeichnet es als "dubios", auch deshalb weil zum Bespiel auf der Josefine K. ausgehändigten Vertragsausfertigung eine Kennnummer fehlt, die Aufschlüsse über den "Vertriebsbeauftragten" gibt. Um Spuren zu verwischen? Stattdessen steht an dieser Stelle in Großbuchstaben "ERDEM". Der Name des jungen Mannes? Sie habe ihn dazu aufgefordert, seinen Namen aufzuschreiben, sagt K. Wie es heißt, geht die Verunsicherung bei einzelnen betroffenen Senioren so weit, dass sie nicht mehr ans Telefon gehen und die Wohnungstüren nicht mehr öffnen. Das sei aber der falsche Weg, so Höpken. Sein Rat: "Nicht einigeln, sondern aktiv werden!"

Verträge so schnell wie möglich kündigen

Bei Haustürgeschäften hat der Kunde die Möglichkeit, innerhalb von zwei Wochen zu widersprechen und damit den Vertrag zu kündigen. Höpken empfiehlt deshalb Betroffenen, die Kündigung dem Unternehmen per Einschreiben schnellstmöglich mitzuteilen, damit der ärger aus der Welt geschafft werden könne. Im Fall von Josefine K. ist dies fristgerecht geschehen. Die Mutter von Christina Keilwerth hatte den Vertrag bereits am 10. August unterschrieben, den Widerspruch konnte Christina Keilwerth erst am 27. August auf den Weg bringen. Sollte Vodafone die Sache nicht zufriedenstellend behandeln, kündigt die Waldkraiburgerin bereits jetzt an, den Rechtsanwalt einzuschalten.

hg/Mühldorfer Anzeiger 

Rubriklistenbild: © dpa

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