Demenz - der lautlose Killer

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Hat über die Krankheit ihres Mannes einen Roman geschrieben: Mara Köhler über "Demenz, der stille Killer."

Waldkraiburg - Ernst Eisenschmidt durchlebt ein Höllenleben auf dem langsamen Weg des Vergessens. Er ist dement. Er ist eine Romanfigur, deren reales Vorbild der Mann von Mara Köhler ist.

Sie pflegt den seit 2003 an Demenz Erkrankten und verarbeitet das in ihrem Roman "Demenz, der stille Killer." Wenn ihn seine Kinder besuchen, kommt auch seine Tochter, die seiner Mutter sehr ähnlich sieht. Er nennt sie "Mutter". Erst hat sie versucht, seinen Irrtum zu korrigieren, später schmunzelt sie darüber.

Ernst Eisenschmidt durchlebt seit vier Jahren ein Höllenleben auf dem langsamen Weg des Vergessens. Er ist dement. In Mara Köhlers Roman "Demenz, der stille Killer" basiert die Titelfigur Eisenschmidt auf ihrem Mann Wolfgang. Er ist seit 2003 an Demenz erkrankt, bis dahin war sie in seinem Betrieb als Bürokauffrau tätig. Doch dieses Schicksal lenkte sie in andere Bahnen, sie kam zur Altenpflege, spezialisierte sich auf die Geronto-Psychiatrie und ist heute Stationsleiterin im Pflegeheim Marie Schnee in Heldenstein.

Sie ist pflegende Angehörige und gleichzeitig Profi auf dem Gebiet. "Im Job ist es ganz anders, da kann ich es professionell angehen. Daheim ist das sehr schwer", berichtet die 59-Jährige. Da müsse sie mit ihren Emotionen fertig werden. Demenz sei bei vielen Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt, eine typische Gemeinsamkiet sei zu Anfang die Vergesslichkeit und das Dinge verlegen. "Anfangs überspielen die Patienten das, weil sie selber merken, dass sie langsam den Verstand verlieren und das wollen sie keinen merken lassen", so Mara Köhler. Die Betroffenen wüssten noch bevor die Diagnose stehe, dass etwas nicht stimme.

Erst habe sie es selber nicht glauben wollen, schließlich war ihr heute 75-jähriger Mann ein Leben lang Geschäftsmann, habe sich immer geistig betätigt. Aber diese Krankheit fragt nicht nach dem Beruf, der Ausbildung, dem Alter oder dem Geschlecht. Die "präsenile Demenz" könne schon mit 40 beginnen, ab 65 spreche man von einer "senilen Demenz".

Ihren Mann traf es mit Ende 60. Seine körperliche und geistige Entwicklung verlaufe nun rückwärts, zum Schluss werde er wie ein Embryo sein, absolut hilflos. Er wird Lesen und Schreiben verlernen. Er sei auch nicht mehr mobil, könne sich nicht mehr bewegen, alleine essen oder geschweige denn zur Toilette gehen. Er braucht Pflege rund um die Uhr.

"Gefühle und Fühlen sind bis zum Schluss vorhanden", sagt Köhler. Als Pflegerin weiß sie genau, wie dringend jeder Liebe, Wärme und Umarmungen brauche. Das sieht sie tagtäglich bei ihrer Klientel im Heim, wenn sie die Patienten mal drückt, mit ihnen scherzt. Und wenn sie mal wütend sind, lässt sie sie in Ruhe.

Ihre Schwester Vera Bittner, die ihr bei der Vermarktung des Buches behilflich ist, erzählt, wie ihr Schwager sie immer anstrahle, wenn sie zu Besuch komme. "Ich bin überzeugt, dass er meine Stimme erkennt."

Um ihren Mann mit größerer Kompetenz begleiten zu können, ließ sich Mara Köhler zur geronto-psychiatrischen Fachkraft ausbilden. Und dann hat sie angefangen, das Buch zu schreiben. Nach vier Jahren ist ein Roman aus der Sicht des Demenzkranken entstanden, der verzweifelt versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Man erfährt, wie er sich in eine subjektive Realität zurückzieht, um der Gegenwart zu entkommen, denn die kennt er nicht. Er vermischt alles mit Erinnerungen aus seiner Vergangenheit. Und man erfährt auch, was er fühlt in Anbetracht seiner Hilflosigkeit und der seines Umfeldes.

"Ich will, dass man über demente Menschen in ihrem Wirr-Warr nachdenkt", so Köhler. Man müsse überlegen, wo sie sich gerade befinden, etwa in welcher Erinnerung und dann überlegen, was sie einem sagen wollen.

So soll das Buch eine kleine Hilfe sein, demente Menschen zu verstehen. "Man muss dem Dementen in seiner Welt begegnen und ihn dann so nehmen wie er ist und wo er gerade ist."

Als Pflegefachkraft rät sie, sich mit der Biografie des Erkrankten auseinanderzusetzen, um ihn in seinen Erinnerungen zu begleiten und wieder zu finden.

Der Name ihrer Titelfigur - Ernst Eisenschmidt - ist nicht zufällig gewählt. "Durch die Krankheit werden die Menschen sehr ernst und ziehen sich zurück", so die Autorin. "Eisen" und "Schmied" bedeuten, dass die Person durch das Leben hart geworden ist und auch gleichzeitig, dass man den letzten Lebensabschnitt noch schmieden kann. Gesunde meistern das Leben. Demenzkranke müssen das auf ihre eigene Weise tun und schmieden so ihren letzten Lebensabschnitt.

kla/Mühldorfer Anzeiger

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