Mit 85 auf die Hantelbank

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Bewegung bis ins hohe Alter - Senioren fühlen sich im Fitness-Studio wohl

Waldkraiburg - "Rumsitzen ist nicht das Meine", sagt Erna Gänsler. Zweimal die Woche zwei Stunden geht die Waldkraiburgerin deshalb ins Fitnessstudio, um etwas für Wohlbefinden und Gesundheit zu tun.

Mit 84 Jahren steht sie stellvertretend für eine neue Bewegung: Immer mehr Seniorinnen und Senioren treibt es zu Sport- und Fitnessangeboten in Vereinen, bei der Volkshochschule und vor allem in den Studios.

Besucher über 70 oder gar älter als 80 Jahre sind keine Ausnahme mehr. Die demographische Entwicklung macht vor dem Sport nicht halt. An einigen Vormittagen sind im Waldkraiburger Fitnessstudio "Injoy" die Senioren in der Mehrheit und treiben den Altersdurchschnitt der Nutzer nach oben. Bei 48 Jahren liegt er laut Inhaber Helmut Huber im "Injoy" mittlerweile. Über 40 Prozent der Kunden sei älter als 60 Jahre, sagt Margret Huber. Auch der Anteil älterer Frauen sei gestiegen. Die Zeiten, als das Image der "Muckibude" Seniorinnen und Senioren vom Studio fernhielt, seien vorbei.

Auch Erna Gänsler hatte sich zunächst "nicht getraut". "Da sind doch nur junge Leute", war ihre Befürchtung. Vor drei Jahren gab sie sich einen Ruck, um etwas gegen ihre Rückenprobleme zu tun. Seitdem kommt sie regelmäßig und macht gute Erfahrungen mit dem auf ihr Alter und ihre Bedürfnisse abgestimmten Programm. "Das brauche ich." So lange wie möglich möchte sie schließlich ihren Haushalt selbst erledigen und "das Altersheim hinausschieben".

Auch Gudrun Vietze, Geschäftsführerin im Studio Neubauer, macht die Beobachtung: Die Zahl der Seniorinnen und Senioren im Studio steigt. "Seit etwa fünf Jahren hat sich dieser Trend deutlich verstärkt. Die Teilnehmer werden immer älter." Ein wachsendes Körper- und Gesundheitsbewusstsein macht sie dafür verantwortlich. Senioren kommen zu Rückenschule, Tai Chi- und Entspannungskursen, zum Gerätetraining mit Betreuung oder in die Spinning-Gruppe. Die Motive sind recht unterschiedlich. Während die einen etwas gegen die Rückenschmerzen unternehmen wollen, stehe bei anderen die Prävention im Vordergrund. 75-Jährige wollen mobiler bleiben und ihre Lebensqualität verbessern, 70-Jährige etwas "gegen den Bauchspeck tun" oder im Ruhestand "einfach die Zeit für sich selbst genießen". Aus Sicht Vietzes nicht zu unterschätzen ist die soziale Bedeutung des Sports. "Man trifft sich. Das Studio ist ja so etwas wie ein gesellschaftlicher Mittelpunkt."

Sport hat im Leben von Hermann Hagn immer eine wichtige Rolle gespielt. Jahrzehnte lang spielte der 85-Jährige Tennis im Verein, fuhr Ski, spielte später Golf. Nach einem Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte, war das nicht mehr möglich. Er zwang sich wieder etwas zu tun, sagt der Waldkraiburger, der heute mit dem Dreirad fährt und jede Woche dreimal seine Übungen im Studio macht. "Eine Stunde, nicht länger. Manche machen den Fehler, sich zu überfordern."

Ausstattung und Ausbildungsstandards des Personals in den Fitnesscentern sei mit den Ansprüchen und Bedürfnissen der Nutzer gewachsen, sagt Margret Huber. Fachpersonal sorge für ein individuell abgestimmtes Programm. Ein großer Teil der Senioren kommt nach ihren Erfahrungen "gezwungenermaßen, wenn es schon weh tut, nach Verletzungen, weil der Arzt Bewegung empfiehlt. In der Reha lernen sie das Training kennen und kommen dann zu uns."

Die demographische Entwicklung spürt ebenso die Volkshochschule in ihrem Gesundheitskurs-Programm. Spezielle Angebote wie die Seniorengymnastik laufen seit vielen Jahren, so Geschäftsführin Sabine Meyle. Aber nicht in diesen altersspezifischen Angeboten wächst die Teilnehmerzahl, "insgesamt nimmt der Seniorenanteil in den Kursen zu", bei Angeboten wie "NOWO Balance", die keiner Altersgruppe zugeordnet werden. "Die Leute wollen das selbst definieren."

Die ältesten Seniorensportler bietet in Waldkraiburg vermutlich immer noch der VfL an. Fast 90 ist ein Teilnehmer der Gruppe der "Unter-hundert-Jährigen", kurz "Uhus", zwei weitere sind deutlich über 80. Übungsleiter Uwe Krabbe ist mit 65 der "Youngster" in der Gruppe, die sich unter dem Dach der Turnabteilung regelmäßig zu altersgemäßer Gymnastik und "einem Faustballspiel nach eigenen Regeln" trifft. Krabbe: "Uns wird ziemlich warm dabei." Etwas anspruchsvoller geht es in einer weiteren, jüngeren Gruppe um Ludwig Roßmeier zu.

Auch für Seniorinnen gibt es Angebote des Vereins, zum Beispiel die Gymnastik unter Leitung von Sieglinde Schinke, die ihren Kurs für Damen der VfL-Turnabteilung wie im Sozialzentrum Unterm Regenbogen. "Viele sind schon seit 30 Jahren dabei", beobachtet Schinke. Einige sind über 80. Wer einmal mit dem Sport verbunden ist, bleibt bis ins hohe Alter dabei. Neue Interessentinnen und Interessenten sind den Übungsleitern und VfL-Geschäftsführerin Renate Otterbach zufolge sehr willkommen

Wo und wie auch immer die Seniorinnen und Senioren sportlich aktiv sind, ist nicht entscheidend. Dass sie sich bewegen, so lange es der Körper zulässt, das ist wichtig. "Man muss den inneren Schweinehund überwinden", sagt der 85-jährige Hermann Hagn. Er macht allen Altersgenossem Mut dazu. Vom Erfolg seines regelmäßigen Trainings ist er überzeugt. "Wenn ich nicht so intensiv an mir gearbeitet hätte, könnte ich heute noch nicht gscheit gehen und wahrscheinlich nicht mehr schreiben."

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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