Das Wirthaus ist mein Wohnzimmer

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Wirtin mit Leib und Seele: Resi Trager ist seit 50 Jahren Wirtin des Tragerwirts, auch bekannt als Gasthaus Schandl, am Neumarkter Stadtplatz

Neumarkt-St. Veit - Selbst gemachtes Rehragout, Erdäpfelbratl, Lüngerl und Auszogne: Dafür steht der "Tragerwirt" in Neumarkt-St. Veit. Wirtin Resi Trager feiert nun Jubiläum. Seit einem halben Jahrhundert bekocht sie ihre Gäste.

Die Gulaschsuppe köchelt vor sich hin, das Sauerkraut dampft bereits, nun müssen die Schnitzel geklopft werden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis die Mitglieder der Werbegemeinschaft eintrudeln, die heute beim "Tragerwirt" ihre Versammlung abhalten. Seit 8 Uhr morgens steht Resi Trager in der Küche und bereitet die Gerichte vor. "An Kirta ist auch schon mal ab 5 Uhr Betrieb", schmunzelt sie. Seit 1960 führt die Wirtin mit Leib und Seele ihre Gaststätte, Tag für Tag, und ist immer noch nicht müde. "So lange es die Gesundheit erlaubt, mache ich weiter", sagt Resi Trager, die am 22. Oktober immerhin ihren 70. Geburtstag feiert.

Zufrieden wirkt sie, obwohl die goldenen Zeiten für bayerische Wirtshäuser mit gut-bürgerlicher Küche eigentlich vorbei sind. "Die jungen Leute wollen heutzutage das Exotische, gehen zum Chinesen oder Italiener. Pizza hat man früher gar nicht gekannt. Jetzt ess' ich sie sogar selbst", gibt sie zu. Dazu kommt: "Die Stammtische, wie es sie früher gab, werden immer weniger", bedauert sie und beginnt in Erinnerungen zu schwelgen, wenn sie zurückdenkt an die gute alte Zeit, die nicht immer gut war. Eher entbehrungsreich, wenn man so ihren Erzählungen lauscht.

Denn das Leben hat es mit dem Reserl nicht immer nur gut gemeint: Kurz nach ihrer Geburt verstarb ihre Mutter Theresia Trager. Vater Sebastian Trager, der das Gasthaus Schandl 1938 übernommen hatte, führte es zunächst alleine weiter, heiratete schließlich 1942 Zenta Trager. Dennoch musste auch die Resi schon früh mit anpacken, brachte mit zehn Jahren das Bier zu den Gästen und schälte Kartoffeln in der Küche. "Immer nach der Schule", erinnert sie sich. Weit hatte sie ja nicht: Das Baumgartl-Haus, in dem die Mädchenschule untergebracht war, steht gleich gegenüber.

Später besuchte sie dann die Hotelfachschule in Alzgern und legte mit 30 Jahren ihre Gesellenprüfung zur Köchin ab. Da war sie allerdings schon zehn Jahre lang die Trager-Wirtin. Vorausgegangen war der Tod ihres Vaters, der 1959 im Alter von 51 Jahren nach einem Schlaganfall verstorben war. Die erst 20-Jährige übernahm ein Jahr später mit ihrem Mann Günther Kaltenberger, einem Metzger, das Gasthaus.

Es waren schöne Zeiten, schildert das Trager Reserl: Mit einer gesunden Wirtshauskultur, mit Stammtischen wie der Montagsrunde, mit Rudi Schrott, der auf seiner Zither fleißig aufspielte. Und fernab jeglichen Rauchverbots, das heute viele vom Wirtshausbesuch abhalte. Und für so manchen Gast war der Tragerwirt ein Zufluchtsort, an dem er der Wirtin nach acht Bier anvertrauten, was sie bedrückte. Dann wurde die Resi zur Seelentrösterin.

Auf der anderen Seite war das Wirtshaus auch ihr persönlicher Eckpfeiler. Unter Leuten zu sein, das lenkte auch sie vom großen Schmerz ab, als ihr zweiter Mann Hans Schütz vor 16 Jahren verstarb. Es musste ja irgendwie weitergehen.

Der Blick geht indes weiter zurück. Andere Zeiten waren es vor einem halben Jahrhundert auch, was den Bierpreis betrifft. Die Tragerwirtin zeigt den alten Vertrag mit der Brauerei Schandl. "Fassbier hell, 74 Mark pro Hektoliter, Flaschenschöps (Erntebier) für 25 Mark pro Hektoliter". Nicht nur das Bier war billiger, auch die Technik war althergebracht: "Bis in die 60er-Jahre hinein haben wir geeist." Vom Schpanaweiher wurden die Eisblöcke einst in den Keller gebracht, von dort dann portionsweise in die Gaststube, um das Bier zu kühlen.

Das Trager Reserl hat sich in Neumarkt nicht nur als Wirtin einen Namen gemacht. Sie ist auch Herbergsmutter der Rottalia, war viele Jahre im Fasching als Dorftratschen unterwegs, mit Hermann Stecher zusammen im Fasching 1958/59 sogar Prinzenpaar. Bilder an der Wand dokumentieren diese Zeit. Zwischendrin finden sich aber auch englischsprachige Zertifikate. Dass die Trager Resi nämlich an einem internationalen gastronomischen Programm teilgenommen hat, wissen die wenigsten. Mal in Shanghai, mal in Peking.

Herauszulesen ist dabei eine weitere Leidenschaft der passionierten Kartenspielern: das Reisen. In alle Herren Länder hat es die 69-Jährige verschlagen. Immer zu Weihnachten sperrt sie Jahr für Jahr ihr Gasthaus zu, geht auf Kreuzfahrt oder setzt sich in einen Flieger. Südamerika heißt nach wie vor ihr begehrtes Reiseziel. Aus Ecuador stammen deshalb zwei von insgesamt 15 Patenkindern. "Eine davon ist schon 29 Jahre. Sie habe ich mit neun bekommen", erzählt Resi Trager und hofft auf ein Wiedersehen. Denn nachdem sie selbst schon des Öfteren ihr Patenkind in Mittelamerika besucht hat, stünde nun ein Gegenbesuch an. Wenn die Behörden keine Steine in den Weg legen, vielleicht schon am kommenden Wochenende, wenn die Wirtin ihr Jubiläum feiert.

Heuer ist Südasien ihr Ziel, verrät sie. Auch Hawaii steht noch auf der Wunschliste, um wieder Kraft zu schöpfen für den von ihr so geliebten Wirtshausalltag. Und der ist spannender als jeder Krimi. Einen Fernseher braucht sie nicht. "Das Wirthaus ist mein Wohnzimmer." Und deswegen steht für sie außer Frage. "Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen sollte, werde ich wieder Wirtin."

je/Neumarkter Anzeiger

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