Prozess am Amtsgericht Mühldorf

Gerichtsurteil sorgt für Paukenschlag

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Mühldorf/Neumarkt-St. Veit - Wegen einer Schlägerei beim Faschingszug stand am Dienstag ein Mann vor Gericht. Das Urteil überraschte Verteidigung und Staatsanwaltschaft gleichermaßen.

UPDATE 12.15 Uhr: Das Urteil

In seinem Urteil hat das Gericht der Einschätzung von Anklage wie Verteidigung widersprochen. Es verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 30 Euro - wegen gefährlicher Körperverletzung. Sowohl die Staatsanwältin als auch der Verteidiger waren davon ausgegangen, dass nur eine einfache Körperverletzung vorliegt. Nach Einschätzung des Gerichts habe der Angeklagte für seinen Tritt ausgenutzt, dass mehrere auf den am Boden liegenden Geschädigten eingeschlagen haben. Es liege also gefährliche Körperverletzung vor, weil die Handlung gemeinsam mit anderen Beteiligten ausgeführt worden sei, so der Richter in seiner Erläuterung.

Für einen zweiten Paukenschlag sorgte das Gericht, indem es den Angeklagten nach Erwachsenenstrafrecht verurteilte. Er stehe in Lohn und Brot, verdiene sehr gut und es gebe schulisch und beruflich keine Probleme, führte Richter Stallinger aus. Das Gericht sieht deshalb keine Reifeverzögerung bei dem Angeklagten.

Bei gefährlicher Körperverletzung sieht das Strafrecht für Erwachsene als Mindeststrafe eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten vor. Aufgrund des Täter-Opfer-Ausgleichs liegt in den Augen des Gerichts allerdings eine Strafrahmenverschiebung vor. Damit ist auch eine Geldstrafe möglich. Der Angeklagte hat seine Strafe in monatlichen Raten in Höhe von 300 Euro zu bezahlen. Bei der Tagessatzhöhe berücksichtigte das Gericht, dass der Angeklagte gegenwärtig in Raten den Täter-Opfer-Ausgleich leistet.

Anklage und Verteidigung gaben keine Erklärung zu den Rechtsmitteln ab. Damit ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

UPDATE 11.50 Uhr: Die Plädoyers

In ihrem Plädoyer zählte die Staatsanwältin gleich eine Reihe von Argumenten zugunsten des Angeklagten auf. Er sei geständig gewesen und habe sich glaubhaft einsichtig gezeigt. Außerdem sei er strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten und habe sich um einen Täter-Opfer-Aausgleich bemüht.

Infobox: Freizeitarrest:

Der Freizeitarrest (umgangssprachlich. auch „Wochenendarrest“) erstreckt sich auf die wöchentliche Freizeit des Jugendlichen und wird auf eine oder zwei Freizeiten bemessen.

Allerdings wies die Staatsanwältin auch darauf hin, dass sich das Opfer eine erhebliche Verletzung zuzog und die Tat sich nahe an der "Gefährlichen Körperverletzung" bewege. Sie beantragte deshalb als erzieherische Maßnahme einen Freizeitarrest von zwei Freizeiten sowie ein Antiaggressionstraining für den Angeklaten.

In weiten Teilen schloss sich der Verteidiger der Staatsanwältin an. Allerdings wies er daraufhin, dass das Opfer die Schlägerei ausgelost habe. "Wäre er unten geblieben, wäre es zu überhaupt nichts gekommen", so der Rechtsanwalt.

Einen Freizeitarrest als erzieherische Maßnahme hält der Verteidiger allerdings nicht fur sinnvoll. "Das Verfahren als solches hat schon eine entsprechende Wirkung auf ihn." Auch ein Anti-Aggressionstraining ist nach Einschätzung des Rechtsanwalts nicht erforderlich.

Der Verteidiger beantragte fur seinen Mandanten deshalb eine Geldauflage, dessen Höhe er ins Ermessen des Gerichts stellte.

Anklage und Verteidigung folgten mit ihren Anträgen der Einschätzung der Jugendgerichtshilfe, wonach bei dem Angeklagten eine Reifeverzögerung nicht auszuschließen und eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht deshalb sinnvoll sei.

UPDATE 11.21 Uhr: Richter weist Zeugen zurecht

Soeben hat eine junge Frau ausgesagt, die am Rosenmontag gemeinsam mit dem mutmaßlichen Opfer unterwegs war. Ihre Schilderungen verdeutlichten, wie heftig die Auseinandersetzung war. So scheiterte die Zeugin bei dem Versuch, ihren Freund vom Faschingswagen runterzuziehen. Erst gemeinsam mit zwei Freunden sei ihr das gelungen. Allerdings erklärte die Zeugin, dass das mutmaßliche Opfer erst zuschlug, als es selbst geschlagen wurde. Mehrere Männer hatten auf den jungen Mann eingeschlagen. Unter ihnen will die Zeugin auch den Angeklagten ausgemacht haben. Auch die offenbar unbeteiligte junge Frau selbst kam nicht unbeschadet davon. Sie holte sich eine blutige Nase, als sie einen Ellbogen ins Gesicht bekam.

Zwei weitere Zeugen zogen mit ihren Aussagen den Unmut des Gerichts auf sich. Der erste Zeuge will entgegen anderer Aussagen gar nicht auf, sondern nur neben dem Faschingswagen gewesen sein. Ein weiterer Zeuge will zwar die Schläge, aber nicht die Tritte gesehen haben. Richter Dr. Georg Stallinger glaubte diesem Zeugen nicht. "Sagen Sie jetzt, was los war, Herrschaftszeiten", schimpfte der Richter. Zunächst blieb der Zeuge aber bei seiner Version. Zu viele Leute seien im Weg gestanden. "Da waren wirklich viele Leute da." Stallinger forderte den Zeugen daraufhin ultimativ zu einer ausführlicheren Aussage auf und drohte dem Zeugen ein Ordnungsgeld an, sollte dieser noch einmal frech grinsen. "Weil wir hier kein Spaßverein sind! Reißen sie sich zusammen!", so Stallinger. "Das Wischi-Waschi, das geht gar nicht." Der Zeuge benannte daraufhin mehrere Männer, die beteiligt gewesen seien, sagte aber auch: "Wer genau hingehauen hat, habe ich wirklich nicht gesehen."

Der Zeuge schilderte die Geschehnisse insgesamt recht lapidar. Den Anlass für die Schlägerei, das hinausbugsieren des mutmaßlichen Opfers beschrieb er mit den Worten: "Weggeschmissen haben wir ihn halt. Das wird ihm nicht gepasst haben." Bei der anschließenden Schlägerei habe sich das mutmaßliche Opfer "gewaltig" gewehrt. "Dann ist der zammgefallen. Er hat gespannt, dass es nichts bringt."

Auf Nachfrage des Gerichts wollte der Angeklagte nicht spekulieren, wer zugetreten haben konnte, weil er sich schlicht nicht sicher sei. Sein Verteidiger, der Rechtsanwalt Axel Reiter, lobte seinen Mandanten dafür. Dies spreche für die Aufrichtigkeit seines Mandanten, so Reiter. Insgesamt zeigte sich der Angeklagte reumütig. Die Eltern hatten geschimpft und seine Freundin habe sich geschämt, dass ihr Freund so etwas gemacht hat, so der 20-Jährige. "Es hat gekriselt in dieser Zeit."

UPDATE 10.40 Uhr: Angeklagter entschuldigte sich bei seinem Opfer

Der Angeklagte hat sich vor dem Schöffengericht zu den Vorwürfen geäußert. Mit einem Faustschlag soll er einen anderen Mann zu Boden gebracht haben. Anschließend soll der 20-Jährige das mutmaßliche Opfer ins Gesicht getreten und ihm einen dreifachen Jochbeinbruch beigebracht haben. Vor Gericht räumte der Angeklagte ein, dass es eine Auseinandersetzung gab und er einen Fehler gemacht habe. Er war gerade an der Bar des Faschingswagens, als er auf dessen Balkon eine Auseinandersetzung beobachtet haben will. "Ich wollte schlichten, bevor eine Eskalation entsteht", so der 20-Jährige. Dabei forderte er einen jungen Mann auf, den Wagen zu verlassen. Es kam zum Streit, die beiden wurden handgreiflich. Schließlich bugsierte der Angeklagte den anderen vom Wagen. Dieser sei aber wieder auf ihn zugekommen. "Aus Angst, dass er mich ausknockt, habe ich hingehauen", so der Angeklagte. Anschließend habe es einen Schlagwechsel gegeben. Auch der andere habe mehrfach getroffen. Dann habe er mitgekriegt, dass sein Widersacher am Boden liegt. Wie es dazu kam, konnte der Angeklagte aber nicht sagen. Im Vorbeigehen habe er dann einmal getreten. "Ich dachte, ich habe ihn am Arm getroffen." Die Verletzungen des mutmaßlichen Opfers könne er sich nicht erklären. Immerhin hätten fünf oder sechs Personen auf den Mann eingeschlagen.

Das mutmaßliche Opfer untermauerte die Vermutung des Angeklagten, wonach mehrere Personen beteiligt waren. Der Angeklagte habe ihn geschlagen, so der Zeuge, der allerdings auch sagte: "Dann wurde ich getreten von zwei Seiten, links und rechts." Als er anschließend wieder aufstand, sei er wieder geschlagen worden. Der Zeuge gab vor Gericht an, dass wiederum wohl der Angeklagte geschlagen habe. Dass er selbst vor der Schlägerei auf den Angeklagten losgegangen ist, bestritt der junge Mann. "Ich bin ziemlich sauer hochgestiegen (zurück auf den Faschingswagen, Anm. d. Red.)." Er habe aber nicht auf jemanden gezielt, sagte der Zeuge. Schließlich habe er nicht gewusst, wer ihn vom Faschingswagen geschubst hatte. Der Zeuge räumte ein, im Zuge der Auseinandersetzung zurückgeschlagen zu haben. "Am Anfang, ja", so der junge Mann.

Der Zeuge trug von der Auseinandersetzung keine unerheblichen Verletzungen davon. Wegen seines Jochbeinbuchs musste der junge Mann sogar operiert werden. Der Angeklagte hat sich inzwischen schriftlich entschuldigt und einigte sich mit seinem mutmaßlichen Opfer auf eine Zahlung von 4000 Euro. Nach der Aussage des Zeugen reichte ihm der Angeklagte die Hand und sagte: "Entschuldigung. Es tut mir wirklich leid."

Vorbericht:

Der Nachtfaschingszug in Neumarkt-St. Veit war ein voller Erfolg: 40 Wagen und Fußgruppen aus fünf Landkreisen zogen am Rosenmontag vor rund 2000 Zuschauern durch die Stadt. Eine mutmaßliche Gewalttat trübt nun aber das sonst rundum positive Bild. Ein Mann soll während des Umzugs einen anderen geschlagen und getreten haben - und das ausgerechnet auf einem Faschingswagen. Am Dienstag muss sich der Mann deshalb am Amtsgericht Mühldorf verantworten. Ihm wird Körperverletzung zur Last gelegt.

Innsalzach24 ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

Rubriklistenbild: © pa

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