Glocken feiern ihr 300-Jähriges

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Hamburg 1944: Dort lagerten die vier St. Veiter Glocken mit vielen tausenden weiterer Glocken und warteten auf das Einschmelzen.

Neumarkt-St.Veit – Wenn am Dienstag, 23. Juni, die Glocken vom St. Veiter Turm ihr Geläute über die Stadt erklingen lassen, tun sie es auf den Tag genau seit 300 Jahren. Ein Teil ihres Metalls ist noch älter.

Der 29. April 1708 war ein schlimmer Tag für das Benediktinerkloster hoch oben auf dem Vitusberg. Ein Brand war im Küchenbereich ausgebrochen, breitete sich rasch aus und zerstörte fast das ganze Kloster. Lediglich das Kircheninnere konnte gerettet werden, weil das Gewölbe dem Druck des Feuers und der herabstürzenden Teile stand gehalten hatte. Der Turm sah aus wie ein offener Kamin, in dessen Inneren das Höllenfeuer selbst die Glocken und das Uhrwerk zum Schmelzen gebracht hatte.

Die Zerstörungen waren so groß, dass der Abt Marian Wieser (1695 bis 1720) das Kloster auf dem daneben liegenden Taubenberg neu aufbauen lassen wollte. Seine Mitbrüder überzeugten ihn aber, aus den Brandruinen den Wiederaufbau zu wagen.

Bis zum Herbst 1708 wurden bereits alle Gebäude neu eingedeckt, und nach weiteren fünf Jahren stand das Kloster schöner da, als es je war, so ein Chronist.

Der Abt wollte natürlich seiner Klosterkirche auch ein neues Geläut verschaffen, das sich sehen und vor allem hören lassen konnte. Bittbriefe und Gesuche sendete er zum Kurfürsten nach München und auch an das Mutterkloster St. Peter nach Salzburg. Seine Aufrufe blieben nicht ungehört, und so spendete der Salzburger Erzbischof 1000 Taler und aus München kam die Zusage, dass aus dem Nachlass des bayerischen Herzogs Max Philipp 3300 Gulden für neue Glocken zur Verfügung gestellt würden.

Mit diesem Geld und den im Turm geschmolzenen Metall, das geläutert immer noch 40 Zentner ergab, wurde die Glockengießerei Langenegger in München beauftragt, das neue Geläut für St. Veit zu produzieren. Sechs Glocken goss der Meister und verewigte sein Handwerk mit einem Spruch auf jeder Glocke: „Gosz mich J. M. Langenegger in Mynchen AO 1709“.

Das Prachtstück war die große Vitusglocke mit 32 Zentnern Gewicht, deren lateinische Inschrift jedem ihre Geschichte erzählte: „Ich bin der Wiederklang der frommen Freigebigkeit des durchlauchdigsten Herzogs Max Philipp, aus dessen Erz mir zusammen mit fünf Genossinnen die Stimme gegeben wurde, die ich erschallen lasse zu Gottes Lob.“ Dazu kamen noch heitere Putten und das kurfürstlich-bayerische Wappen. Die zweite Glocke, genannt die Salzburgerin, wurde vom Erzbischof aus Salzburg bezahlt und trägt das bischöfliche Wappen.

Viel Volk lief in München zusammen, als man mit 24 Rössern die Glocken zur Waage fuhr. Wochen später in St. Veit angekommen, herrschte große Freude über die neuen Glocken, die im Anschluss an eine große Weihefeier am 23. Juni 1709 in die vorbereitete Turmstube aufgezogen wurden. Seit dieser Zeit schicken sie ihr Lied über Stadt und Land und könnten viel erzählen.

Zum Beispiel von den schlimmen Monaten der Pandurenbesetzung 1742 oder über die letzten Jahre des Klosters bis hin zu seiner Auflösung 1802. Bei der Schlacht von 1809 wurden sie geläutet, genauso wie bei den beiden Weltkriegen, bei denen sie auch eine gewisse Rolle spielen sollten. Ihr Metall war begehrt in diesen Jahren, und so wurde während des Ersten Weltkrieges (1917) eine Glocke abgehängt und zum Einschmelzen bereitgestellt, im Zweiten Weltkrieg folgten weitere vier, nur die „Salzburgerin“ durfte bleiben. Während die Glocke von 1917, sie war die zweitkleinste, für immer verloren ging, blieben die im Mai 1942 abgelieferten vom Schmelzofen verschont.

Zwei Jahre nach Kriegsende kamen sie wohlbehalten zurück, nachdem sie an den Eingüssen als Glocken der ehemaligen Klosterkirche Sankt Veit identifiziert werden konnten. Bis 1938 mussten die fünf Glocken mittels langer Seile per Hand geläutet werden. Seit dieser Zeit setzen Elektromotoren die Glocken in Bewegung.

Die größte der fünf Glocken ist die Vitusglocke, die auch beim Stundenschlag zu hören ist. Die zweitgrößte ist die „Salzburgerin“, die alle 15 Minuten die Viertelstunde vermeldet. Gewichtsmäßig folgen ihr die sogenannte „Elferin“ und die „Zwölferin“, die früher jeweils zu ihrer Namensstunde geläutet wurden.

Die kleinste Glocke im Verband ist die sogenannte „Kindsleichglocke“, deren Name schon den traurigen Anlass erklärt, wann sie hauptsächlich gebraucht wurde. Es sind erst gut 100 Jahre her, als man der hohen Sterblichkeitsrate bei Säuglingen und Kleinkindern mit medizinischen Mitteln entscheidend entgegentreten konnte. Bis weit hinein in das 19. Jahrhundert starb fast jedes zweite Kind während des ersten Lebensjahres.

Seit 300 Jahren rufen diese Glocken die Gläubigen zu Messe und Andacht und verkünden die schönen und traurigen Ereignisse, die über die Stadt und ihre Bewohner in all den Jahren hinweg gezogen sind.

jaw

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