Zwischen Kumasi und Kuhstall

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Gladys Miggisch ist eine Ashanti. "Wir waren einst streitbare Krieger und lassen uns bis heute nichts gefallen." Wenn sie sich um ihren Hansi kümmert, ist davon aber nichts zu spüren.

Mühldorf/Oberbergkirchen - Wenn am heutigen Mittwoch in Südafrika Deutschland um den Einzug ins Achtelfinale kämpft, wird Gladys Miggisch die Daumen für ihr Heimatland Ghana drücken.

Hansi ist ihr Liebling. Ein Riesenzuchtbulle, mit treuen Augen und einem gepflegten Appetit auf alte Semmeln. Gladys Miggisch fährt ihm mit der Bürste durch das Fell, macht ihn "noch schnell hübsch" für das Foto. Und mit einem Mal wird klar: Eine Frau aus Ghana in einem bayerischen Kuhstall, so seltsam ist das gar nicht. "Auch wenn die Leute immer staunen, wenn sie hören, dass ich auf einem Bauernhof lebe", erzählt die 49-Jährige. "Aber warum denn eigentlich nicht?", fragt sie dann und hat natürlich Recht: Warum denn eigentlich nicht?

Natürlich war es ein langer Weg aus ihrer Geburtsstadt Kumasi im Süden Ghanas nach Muttersham im Norden des Landkreises. Ein Weg mit vielen Stationen, der in der Millionenstadt seinen Anfang nimmt. "Kumasi ist die Hauptstadt der Region Ashanti und sehr westlich geprägt. So groß sind die Unterschiede also gar nicht. Und als ich nach Deutschland kam, kannte ich alles - außer Schnee."

Knapp zwei Jahre lang hatte sie mit ihrem ersten Ehemann zuvor noch in Liberia gelebt, ehe sein Beruf die beiden nach Düsseldorf verschlug. Doch wie das Leben so spielt, die Ehe ging in die Brüche, und Gladys zog nach München, wo sie über einen gemeinsamen Bekannten Stephan kennenlernte. Benediktbeuern, Penzberg, Lenggries hießen die nächsten Stationen: "Ich lebe jetzt seit 26 Jahren in Bayern. Und kenne mich hier ganz sicher besser aus als in Ghana", lacht die Mutter von sechs Kindern.

Vor fünf Jahren landete die Familie Miggisch dann auf dem Bauernhof bei Oberbergkirchen, den sie im Nebenerwerb bewirtschaftet. "Wir sind Hobbybauern", erklärt Gladys. Ein Familienunternehmen im besten Sinn: Tochter Josefine kümmert sich um die Hunde und die Ziege, die Söhne Florian und Rudi sind für die Schweine und die Feldarbeit zuständig. "Stephan und ich gehen zu den Kühen." Und zu Hansi natürlich.

Wenn die beiden nicht gerade im Stall oder auf den Feldern sind, arbeiten sie in Waldwinkel: Gladys im Hotel Don Bosco, Stephan als Ausbilder im Berufsbildungswerk. Regelmäßig hat die 49-Jährige noch Kontakt zu Freunden und Verwandten in Ghana, doch Heimweh spürt sie längst nicht mehr. "Meine Familie ist hier. Bayern ist mein Zuhause." Und so kocht sie Semmelknödel auf dem Holzofen inzwischen genauso selbstverständlich wie Fufu in der Pfanne. Das Nationalgericht Ghanas ist ein fester Brei aus Maniok oder Yams mit einer gulaschartigen Sauce. Für Stephan ist das nichts: "Mir ist ein Schweinebraten deutlich lieber."

Nur das Wetter macht seiner Frau manchmal noch zu schaffen, vor allem wenn sie im Fernsehen Bilder aus der Heimat sieht. "Mir fehlt die Sonne." Was ihrer Meinung nach auch Auswirkungen auf die Menschen hat: "In Ghana sind die Leute offener, ungezwungener. Die viele Wärme macht die Menschen sonniger."

Entsprechend herzlich würde die Freude ausfallen, falls Ghana heute Deutschland besiegt. "Ich wünsche mir ja, dass beide Länder ins Achtelfinale kommen", sagt Gladys. "Aber richtig gejubelt wird für Ghana." Tochter Josefine wird sich das Spiel nicht anschauen: "Wenn ein Tor fällt, bekommt es sowieso das ganze Haus mit. So laut schreit Mama dann." Damit es auch noch Bulle Hansi hört, draußen im Stall.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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