Zeit ist Gehirn

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Kommt der Patient für die Thrombolysetherapie in Frage oder nicht: Das beraten die behandelnden Ärzte an der Kreisklinik Mühldorf mittels Videokonferenz mit den Experten an den Zentren in München-Harlaching und an der Universität Regensburg.

Mühldorf - Vergeht nach einem Schlaganfall schon zu Hause zu viel Zeit, sinken die Chancen auf eine Genesung rapide. Da kann dann auch oft die Schlaganfallstation der Kreisklinik nicht mehr helfen.

Seit zehn Jahren besitzt die Kreisklinik Mühldorf eine Schlaganfallstation mit Anschluss an das Tempis-Netzwerk. Dabei können die Mediziner die Abläufe im Krankenhaus noch so sehr optimieren: Vergeht nach einem Schlaganfall schon zu Hause zu viel Zeit, sinken für den Patienten die Chancen auf eine Genesung rapide.

"Man muss sich das immer wieder vor Augen halten", sagt Oberarzt Dr. Ulrich Ebermann. "Im Fall eines Schlaganfalls sterben im Gehirn 1,9 Millionen Nervenzellen ab. Minute für Minute."

Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt deshalb nicht erst in der Kreisklinik. "Es ist natürlich toll, wenn wir hier ständig an den Stellschrauben drehen und sich das auch in den Zahlen niederschlägt", sagt Ebermann. "Aber wenn zu Hause erst einmal eine halbe Stunde diskutiert wird, ob man nun den Notarzt ruft oder nicht, dann sind ein paar Minuten Zeitersparnis bei uns fast schon Makulatur."

Anders ausgedrückt: "Nicht zögern, sondern handeln" heißt das Motto, sobald sich Symptome eines Schlaganfalls einstellen. Dazu zählen unter anderem: Sehstörungen auf einem oder beiden Augen, Schwindel, Übelkeit, Gleichgewichts- oder Koordinationsstörungen, Lähmungen im Gesicht, in einem Arm, Bein oder einer ganzen Körperhälfte sowie Verwirrung, Sprach-, Schrift- oder Verständnisstörungen und starke Kopfschmerzen ohne erkennbare Ursache.

Liegt der Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall im Krankenwagen, melden ihn die Sanitäter noch während der Fahrt als Kandidaten für die Schlaganfall-Einheit ("Stroke-Unit") in der Kreisklinik an. "Im Optimalfall vergehen dann nur ein paar Minuten von der Einlieferung bis zur Untersuchung im Compotertomografen", erklärt Ebermann. Denn nur anhand der CT-Aufnahmen können die Experten letztlich feststellen, um welche Form des Schlaganfalls es sich handelt.

Grundsätzlich ist ein Schlaganfall immer eine plötzliche Unterversorgung des Gehirns mit Blut. Dafür kommen zwei Ursachen in Frage: eine Gehirnblutung oder - wesentlich häufiger - ein Hirninfarkt. Dieser so genannte "ischämische Schlaganfall" wird durch verstopfte Blutgefäße ausgelöst. In diesem Fall ist es möglich, das Blutgerinsel mit Hilfe eines Medikaments aufzulösen. "Thrombolysetherapie" heißt das im Fachjaron.

Dafür bedarf es zuvor aber einer genauen Diagnose. Und an diesem Punkt kommen die Experten an den Zentren München-Harlachiung und an der Universität Regensburg ins Spiel. Über eine Videokonferenz stehen sie mit den Ärzten in Mühldorf in Verbindung und haben zugleich Zugriff auf die CT-Bilder des Patienten.

Vor zehn Jahren trat Mühldorf als eine der ersten Kliniken dem neu geschaffenen Schlaganfall-Netzwerk "Tempis" bei. Hinter der Abkürzung verbirgt sich das "telemedizinische Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung in der Region Süd-Ost-Bayern." Das Projekt beinhaltet aber nicht nur das Telekonsil mit den Experten, sondern auch die Schulung der Mitarbeiter - von den Sanitätern im Rettungswagen bis zu den Pflegekräften auf der Station. Auch entsprechende Maßnahmen im Bereich der Nachsorge wie Physio- und Ergotherapie und Logopädie gehören dazu.

Inzwischen besteht das Netzwerk aus 15 Kliniken - mit insgesamt 6663 behandelten Schlaganfallpatienten alleine im Jahr 2010. In Mühldorf waren es im vergangenen Jahr rund 400 Männer und Frauen, bei 16,7 Prozent der Hirninfarkte wurde eine Lysetherapie durchgeführt.

"Mit diesem Wert brauchen wir den Vergleich zu den Universitätskliniken nicht zu scheuen", betont Chefarzt Dr. Wolfgang Richter. Tempis-weit liegt dieser Wert nämlich bei 13,8 Prozent. Und noch eine Zahl macht deutlich, dass an der Kreisklinik die Optimierung der Abläufe Früchte trägt: Die sogenannte "Door-Needle-Time", also die Zeit, die von der Einlieferung bis zur Thormobolysetherapie verstreicht, sank von 55 Minuten im Jahr 2002 auf 44 im Jahr 2011. Wertvolle Minuten.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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