Wenn die Nacht zum Tag wird

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Stadtführerin Beate Fedtke-Gollwitzer liest aus der handschriftlichen Chronik der Boch-Hauskapelle vor.

Mühldorf - Ganz Mühldorf ist ein Museum. Durchreisende glauben es dann, wenn sie sich die Autos auf dem Stadtplatz wegdenken. Sie sollten einmal eine richtige Museumsnacht mitmachen, die heuer zum sechsten Mal stattfand.

Der Andrang zu den Highlights war enorm. Noch bei Tageslicht sammelten sich Gruppen Interessierter - keineswegs nur aus der Stadt und der näheren Umgebung. Den Auftakt feierte man mit einer Kunstvereins-Ausstellung (noch bis 20. September geöffnet) im Haberkasten: "Nachtfarben". Kein Wunder, dass bei der guten Stimmung, die bei der Vernissage aufkam, für viele Mühldorf-Besucher die (Museums-)Nacht zum Tag wurde.

Geschichtsvereinsvorstand Dr. Reinhard Wanka lud nach der Ausstellungseröffnung in acht weitere Nacht-Stationen ein: Lodronhaus, Rathaus, Boch-Hauskapelle, Frauenkirche, Nagelschmiedturm, Raum02, Stellwerk Mfw und Brauereimuseum. Dass Hans Kotters "Jagd-Musseum" fehlte, wird mit Bedauern vermerkt. Die Fülle des Angebots, das jeweils zur halben und vollen Stunde durch sachkundige Führungen wahrnehmbar war, brachte manche Besucher in Verlegenheit. Sie mussten sich entscheiden und wohl auf das eine oder andere museale Highlight der Kreisstadt verzichten.

Groß war der Zulauf zur Frauenkirche. Mitbegründet wohl durch die bevorstehende Veränderung des Gebäudekomplexes durch den im Februar 2011 beginnenden Bau des schwedischen Bekleidungshauses H&M.

Reichhaltig war das Kreismuseums-Programm, von Elvira Maurer und Viola Zimmerer ausgehängt.

Stadtführerin Elfriede Zehentmaier ging kenntnisreich und anregend auf die Entstehung der Stadtkirche, die 1643 vom Bischof von Chiemsee ihre Weihe erhielt und als Kapuzinerkirche fungierte. Sie hielt sich 360 Jahre. Als die Säkularisation 1803 die Patres nach Salzburg ziehen ließ, wurde aus dem Gotteshaus eine Lagerstätte für Feuerwehrgerät und eine Schrannenhalle. Nach Abbruch der Marienkirche von 1393 trat 1815 die "Frauenkirche" an deren Stelle. Von 1891 bis 1977 war sie Klosterkirche, von Franziskanern betreut. Das leider immer schon recht "finstere" und ferne Maria-Hilf-Bild des Hochaltars hatte ein Stiftsdekan 1644 persönlich nach dem Typus des Innsbrucker Lukas-Bildes kopiert. Bemerkenswert und noch immer unerforscht: die Werke des Malers Gebhard Fugel, dem Schöpfer des Altöttinger Panoramas. Die Rokoko-Kanzel soll aus der Katharinenkirche stammen.

Den Stadtplatz auf der Höhe der Frauenkirche überquert - und man fand den Aufgang zur Boch-Hauskapelle, die unter der lebendig gestalteten Führung von Beate Fedtke-Gollwitzer besichtigt werden konnte. Das Kleinod eines privaten Sakralraums, der in Mühldorf seinesgleichen sucht, liegt verborgen in einem der für den Inn-Salzach-Gau typischen Stadthäuser mit einer über den zweiten Stock hinaus gezogenen Grabendachfassade. Das Haus wurde vom Ahn des Bäckers Josef Boch, der 1983 im hohen Alter von 92 Jahren starb, Gebhard Boch, einem Allgäuer, zu seiner Liegenschaft in der Daxenberger Gasse hinzu erworben, sein Sohn übernahm die hier installierte Bäckerei, riss das Grabendach ab und gewann so ein drittes Stockwerk dazu. Für diesen Schwarzbau hatte er 25 Goldtaler Bußgeld an die Stadt zu zahlen, was ihm nur ein Lächeln gekostet haben soll.

Da das Boch-Haus am Stadtplatz zu den 13 "Priesterhäusern" gehörte, durfte hier eine Kapelle eingebaut werden. Ihre Einrichtung lässt staunen: ein kleiner Hochaltar (vor 1750), den ein Gnadenstuhl krönt und zwei fette Engerl bewachen; ein geradezu monumentales Bruderschaftsbild (18. Jh.) an der rechten Wand, dazu seltene Ölbilder der heiligen Barbara, Pascalis Baylon, Franz v. Assisi und Ulrich. Eine handgeschriebene Chronik über den Gebrauch der Hauskapelle ist erhalten. Problematisch: die fehlende Belüftung des kaum 15 Quadratmeter großen Raumes, in dem das Boch-"Veverl", Josef Bochs Ehefrau, täglich betete und der als Station der "Herbergsuche" im Advent diente.

Daran erinnert sich Ex-Stadträtin und Malerin Luise Ruhland noch ebenso gut wie Kulturreferent Schratt, der im Boch-Haus zur Welt kam und den "alten Boch Bäck" als kinderlieben, gütigen Mann in Erinnerung hat. Solche persönlichen Reminiszenzen werden durch Veranstaltungen wie Museums-nächte oder Denkmaltage wachgerufen. Und das ist gewiss nur eine von mehreren Früchten, die konkrete Einblicke in die Vergangenheit der Heimat tragen.

gr/Mühldorfer Anzeiger

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