"Ein sensationeller Schritt!"

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Mühldorf - Seit dem 1. Januar gibt es einen Vertrag zwischen dem Mühldorfer Anna Hospizverein und den bayerischen Krankenkassen, der die häusliche Versorgung von Schwerkranken finanziert.

Seit 1. Januar übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) im Landkreis Mühldorf. Ein Meilenstein für das Hospiz- und Palliativteam, das als erstes Team im ländlichen Raum in Bayern einen entsprechenden Versorgungsvertrag unterzeichnet hat.

Eine Seite, drei Durchschläge, rote Schrift auf grünem Grund: Und doch ist das unscheinbare "Muster 63" viel mehr als nur ein weiteres bürokratisches Formular. "Verordnung spezialisierter ambulanter Palliativversorgung" steht oben rechts, gleich daneben findet sich die Leerzeile für die Krankenkasse beziehungsweise den Kostenträger. Was der Geschäftsführer und ärztliche Leiter der Anna Hospiz GmbH, Josef Hell, inzwischen ganz lapidar aus dem Regal zieht, ist für ihn nicht weniger als eine "Vision, die endlich in Erfüllung gegangen ist".

Jahrelang hat er mit den Krankenkassen gerungen, nun ist es amtlich: Seit 1. Januar übernehmen sie die Kosten für die SAPV. Bisher musste die Hospiz GmbH diese Kosten - rund 400.000 Euro im letzten Jahr - aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanzieren.

Endlos wäre das nicht gegangen, spätestens heuer wäre der Verein wohl am Ende seiner Möglichkeiten gewesen. "Die Personalkosten haben uns erdrückt. So hätten wir den Dienst mit Sicherheit nicht aufrecht erhalten können", sagt Hell, der den Kassen im Herbst mit der "drohenden Pleite" die Pistole auf die Brust gesetzt hat.

Im Grunde forderte er ja nur das, was schon seit 1. April 2007 im Sozialgesetzbuch geregelt ist: Dass jeder Mensch Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung hat. Mit anderen Worten: Dass er zu Hause sterben darf, wenn es der medizinische Zustand erlaubt - und eine entsprechende Versorgung vor Ort gewährleistet ist.

15 Jahre lange haben Hell und der Erste Vorsitzende Dr. Hans Dworzak an dieser Versorgung gearbeitet, haben Strukturen aufgebaut, Mitarbeiter und Ehrenamtliche zu Fortbildungen geschickt. Inzwischen gehören 22 hauptamtliche Kräfte und 40 ehrenamtliche Mitglieder dem Hospiz- und Palliativteam an. Sie alle verfolgen ein Ziel: Die Sterbenden ambulant zu Hause zu betreuen - und nur im Notfall auf die Palliativeinheit in der Kreisklinik zurückzugreifen.

Doch das stetige Wachstum und die steigenden Patientenzahlen brachten Verein und GmbH mehr und mehr in Bedrängnis. Um so glücklicher ist Hell, dass er nun Planungssicherheit hat. Ausdrücklich lobt er in diesem Zusammenhang Olaf Miklis von der AOK, der die Verhandlungen im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen geführt hat. "Am Ende war es fast rührend, wie wir uns Wochenende für Wochenende im November die E-Mails hin- und hergeschickt haben."

Von einem "großen Schritt für den Hospizverein" und einem "großen Plus für die Bevölkerung im Landkreis" spricht Miklis, der dem Beispiel Mühldorf "durchaus Vorbildcharakter" attestiert. Besonders im ländlichen Raum. Zum Vergleich: Ähnliche Verträge gibt es in Bayern bisher nur mit Teams in München, Regensburg, Bamberg, Fürth, Augsburg und Erlangen.

Genau darin lag auch eines der Ursachen für die langwierigen Gespräche: Der erste Mustervertrag, der im Sommer 2009 auf dem Tisch lag und die Qualitätskriterien für eine SAPV festlegte, orientierte sich zum Beispiel in Sachen Personalbedarf an den Verhältnissen einer Großstadt. "Diese Vorgaben auf eine ländliche Region herunterzubrechen, war ein hartes Stück Arbeit", sagt Miklis. "Aber es hat sich gelohnt. Für alle Beteiligten."

Entsprechend herrscht Aufbruchstimmung im Team um Josef Hell. Der Verein und die GmbH haben schicke, neue Räume im vierten Stock des Ärztehauses bezogen, nach der Zusage durch die Kassen blickt der Oberarzt optimistisch in die Zukunft: 100.000 Euro muss der Hospizverein weiterhin Jahr für Jahr aufbringen. Denn mit dem SAPV-Vertrag sind zwar die Kosten für die ambulante Versorgung der Schwerstkranken gesichert, nicht aber die Aufwendungen für die Hospizbegleitung oder palliative Beratung. "Das schaffen wir."

Für Patienten und Angehörige ändert sich dagegen nichts. "Früher wurden wir gerufen und sind einfach gekommen. Das Geld kam vom Verein", erklärt Hell. In Zukunft stellt der behandelnde Arzt ein Rezept für die SAPV aus: "Jetzt zahlen die Kassen. So einfach ist das."

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © ha/dpa

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