Urteil versetzt Opfer in Angst

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Aische B.s Noch-Ehemann, der sie unter anderem vergewaltigt haben soll, bekommt Bewährung.

Mühldorf - Tränen laufen Aische B. die Wangen herunter, als der Richter das Urteil verkündet. Ihr Noch-Ehemann, der sie unter anderem vergewaltigt haben soll, bekommt Bewährung.

Mit einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Nötigung, sexuellen Mißbrauchs von Minderjährigen in zehn Fällen, Bedrohung und einfacher Körperverletzung bestraft das Schöffengericht Mehmet B., der Noch-Ehemann von Aische B. (Namen von der Redaktion geändert). Die Staatsanwaltschaft forderte drei Jahre ohne Bewährung unter anderem wegen Vergewaltigung.

Das Waldkraiburger Ehepaar, das 1990 nach Deutschland kam, aber kaum Deutsch spricht, lebt seit Ende 2009 getrennt. Parallel zum Strafverfahren läuft die Scheidung. Zu Beginn der Verhandlung lässt der Angeklagte von seinem Verteidiger ein Teilgeständnis abgeben: Ja, er hat seine Nichte mehrmals sexuell belästigt und ja, ein Streit mit seiner Ehefrau ist eskaliert, woraufhin er sie würgte, mit einem Messer bedrohte und damit eine Matratze und einen Computer zerstörte.

Er konnte, erklärt sein Verteidiger, einer Scheidung aus tiefer religiöser Überzeugung einfach nicht zustimmen. Den Vorwurf der Vergewaltigung und gefährlichen Körperverletzung bestreitet der Angeklagte. Mehmet B. sitzt während der gesamten Verhandlung ruhig neben seinem Dolmetscher, er schüttelt nur ab und zu bei Zeugenaussagen den Kopf, sagt selbst nichts zu den Vorwürfen.

Die Halbschwester von Mehmet B., erläutert die Hintergründe der Tat. Nachdem der Mißbrauch der Nichte in der Familie bekannt wurde, sollte zuerst eine außergerichtliche Lösung gefunden werden. Da eine Familienratssitzung im Zwist endete, schaltete man die Polizei ein.

Für Aische B. war der Missbrauch der Auslöser, ihre völlig zerrüttete Ehe beenden zu wollen. Ihr Mann flüchtete in die Türkei zum Rest der dort lebenden Verwandten. Als er nach Monaten zurückkehrte, zog er gegen den Willen der Ehefrau wieder bei ihr ein. Beim ersten Aufeinandertreffen der Eheleute störte Mehmet B. Aische B. beim Gebet, es kam sofort zum Streit.

Aische B. konnte sich, sei es aus ihrem Rollenverständnis oder religiöser Überzeugung heraus, nicht gegen ihren Mann wehren und lebte die nächsten Monate in Angst, bis er am zwölften Dezember in Untersuchungshaft kam.

Die beiden gemeinsamen Söhne, zehn und 15 Jahre alt, lebten auch in der Wohnung, sie waren bei jedem Streit dabei.

Trotzdem müssen die Buben bei der Verhandlung nicht als Zeugen aussagen, das Gericht will ihnen die Konfrontation mit ihrem Vater ersparen.

Die letzte Zeugin ist Aische B. Sie sagt, dass die Ehe ab dem Zeitpunkt der Eheschließung, also seit 16 Jahren, kaputt sei, sie aber nie den Mut gehabt habe, sich scheiden zu lassen. Erst als der Angeklagte in Untersuchungshaft war, reichte sie den Antrag ein.

Ängstlich und zögerlich beantwortet sie die Fragen des Richters, der Staatsanwältin und des Rechtsanwalts. Bis ins Detail schildert sie den erzwungenen Zungenkuss und den darauf folgenden Geschlechtsverkehr. Aus Angst und mit den Worten: "Dann nimm dir halt was du möchtest", lässt sie den Geschlechtsakt über sich ergehen. Sichtlich mitgenommen verlässt sie den Zeugenstand.

Der Verteidiger von Mehmet B. erklärt: "Mein Mandant wird die Scheidung akzeptieren. Aber vor seinem religiösen Hintergrund ist es für ihn schwer."

Das Urteil weicht kaum von der Forderung des Verteidigers ab, zum ersten Mal sieht man den Angeklagten lachen. Aische B. bricht auf den Zuschauerplätzen zusammen, sie wird auf zwei Bekannte gestützt aus dem Gerichtssaal geführt. Die Angst wird Aische nicht verlassen.

Die Begründung für die Milde der Bestrafung sieht der Richter in der Geständigkeit des Angeklagten und dass er bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung trat. Über ein Kontaktverbot entscheidet der Familienrichter im Scheidungsverfahren.

sr/Mühldorfer Anzeiger

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