Der Traum der Archäologin

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Mit Blei- und Buntstiften werden die Mauern und Schichten im Maßstab 1:20 dokumentiert. Altenheimleiter Hubert Radan schaut im Hintergrund interessiert zu.

Mühldorf - Wochenlang haben Archäologen auf dem Gelände der ehemaligen Freibank ausgegraben, auf dem das neue Caritas-Altenheim entstehen soll.

Und noch eine Scherbe: Ramona Baumgartner hält das kleine Stück Glas gegen das Licht. "Zeichnen sich Bläschen ab, kann man getrost davon ausgehen, dass es sich um ein älteres Exemplar handelt. Denn heute wird Glas blasenfrei produziert." Wie viele solcher Glas- oder Keramikstücke die Archäologen in den letzten Wochen auf der Baustelle des Caritas-Altenheims in Plastiktüten verpackt haben, kann Ramona Baumgartner nicht sagen. "Das geht mit Sicherheit in die Tausende."

Vor allem die massenhaften Funde an Scherben, Ziegeln und Tierknochen zaubern ihr ein Lächeln ins Gesicht. "Für einen Archäologen ist das hier ein absoluter Traum. Einfach überwältigend. Anders kann man es gar nicht sagen."

Doch während Ramona Baumgartner und ihre Kollegen bei den Grabungsarbeiten zwischen Spitalgasse und Kirchenplatz jeden einzelnen Fund als Glücksfall empfinden, schlagen in der Brust von Altenheim-Leiter Hubert Radan zwei Herzen: Zum einen das des Bauherrn, der aufgrund der aufwändigen Grabungsarbeiten um Zeitplan und Kosten des Neubaus fürchtet (siehe Infokasten). Zum anderen das des geschichtsinteressierten Bürgers: Radan ist durchaus stolz, dass "wir entscheidend dazu beitragen, neue Erkenntnisse in Sachen Stadtgeschichte zu erlangen".

Dort, wo einst die Freibank ihren Platz hatte, haben die Archäologen in den vergangenen Wochen mehrere Fundamente freigelegt. Dazu tauchte ein weiterer Teil der Stadtmauer auf.

Bereits im Juni war Ramona Baumgartner mit einem Team vor Ort gewesen, um an anderer Stelle ein Stück Stadtmauer auszumessen und zu dokumentieren. "Wir hatten schon vermutet, dass wir vielleicht noch etwas finden", sagt Baumgartner. "Aber dass wir einen solchen Haupttreffer landen, konnte damals noch niemand ahnen."

Der "Haupttreffer" beschäftigt eine ganze Mannschaft an Technikern und Hilfsarbeitern - zehn Frauen und Männer. "Der Großteil der Arbeit besteht aus Schaufel- und Putzarbeit. Dazu dokumentieren zwei Zeichner alles im Maßstab 1:20", erklärt die Archäologin, die die Ausgrabungsarbeiten im Auftrag des Landesdenkmalamts leitet. Die Behörde spart nicht mit Lob für alle Beteiligten: "Ein Beispiel, das absolut vorbildlich gelaufen ist", heißt es aus der Pressestelle.

Warum ausgerechnet an dieser Stelle so viel archäologisch verwertbares Material auftaucht, kann auch Ramona Baumgartner nur vermuten. "Eine tiefe Torfschicht weist zunächst einmal darauf hin, dass sich hier einmal ein Gewässer befunden haben muss", sagt sie. Damit beginnt das Rätselraten, denn der Stadtgraben befand sich auf Höhe des Turmbräugartens. Irgendwann wurde das Gelände jedenfalls mit Bauschutt verfüllt. "Unter anderem landete hier einiges, was man bei den Wiederaufbauarbeiten nach dem Stadtbrand 1490 nicht brauchen konnte."

Genau festlegen will und kann sich die Archäologin noch nicht. Denn nach den Ausgrabungen, die seit gestern abgeschlossen sind, geht die eigentliche Arbeit erst richtig los: Die Auswertung der Funde. Was angesichts der Masse Jahre dauern kann.

Die Ebersbergerin hat Geschmack am Thema gefunden. "Ich könnte mir schon vorstellen, diese Geschichte auch weiterhin wissenschaftlich zu betreuen." Von einer Ausstellung im Kreismuseum bis zu einer Veröffentlichung im "Mühlrad" des Heimatbunds oder sogar einer wesentlich umfassenderen Arbeit sei vieles denkbar.

"Für Mühldorf ist es jedenfalls ein Glücksfall", betont sie. "Und die Caritas darf immerhin die Fundstücke behalten."

Die schönsten, so Radan, werden einen Platz in der Vitrine im neuen Altenheim bekommen.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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