Ein stabiler Höhenweg

  • schließen
  • Weitere
    schließen
"So eine Geschäftsstelle ist nichts anderes als eine Seilschaft": Herbert Späth, Kreisgeschäftsführer der Caritas. Foto ha

Mühldorf - Seit 25 Jahren ist Herbert Späth Kreisgeschäftsführer der Caritas Mühldorf. Im Interview spricht er über die Höhen und Tiefen eines Vierteljahrhunderts an der Spitze der Caritas.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag in Mühldorf?

Nein, eigentlich nicht. In Erinnerung geblieben ist mir nur der Tag, an dem ich mich hier vorgestellt habe. Es war zeitlich alles ziemlich knapp. Ich hatte meine Sachen schon gepackt und war geistig schon auf dem Weg in den Himalaya.

Himalaya?

Ja, die dreimonatige Auszeit war fest geplant. Kurz vor meiner Abreise hatte ich das Vorstellungsgespräch in Mühldorf, dann ging es zum Bergsteigen. Ich wollte unbedingt noch auf den Island Peak, einen 6000er, den ich bei meinem ersten Aufenthalt in Nepal nicht gepackt hatte. Als ich danach wieder daheim war, kam die Zusage aus Mühldorf.

Kommt man als Bergsteiger in der Sozialarbeit besser zurecht?

Unbedingt. Zum einen benutze ich die Metapher oft in der Arbeit mit den Klienten. Zum anderen ist so eine Geschäftsstelle nichts anderes als eine Seilschaft im positiven Sinn. Es braucht jemand, der die Gruppe führen kann, der dem einzelnen aber zu seiner Zeit auch die nötige Freiheit lässt. Außerdem ist klar, dass ich niemand den Berg hinaufziehen kann. Bei aller Unterstützung muss jeder den Weg alleine schaffen.

Wo steht das Caritas-Zentrum im Moment: Auf einem Gipfel oder in einem tiefen Tal?

Ich würde sagen auf einem stabilen Höhenweg. Das heißt, dass wir schon Täler durchschritten, aber auch ein paar Gipfel hinter uns haben. Gleichzeitig gibt es aber noch einiges zu erklimmen.

Zu den Tälern: Was waren die Tiefen in den vergangenen 25 Jahren?

Zum einen sicher die Schließung der Kurzzeitpflege in Waldkraiburg. Auch wenn es nach wie vor ein richtiger und wichtiger Schritt war, war es eine bittere Erfahrung, eine Einrichtung zuzumachen. Zum anderen fällt mir die Kürzung der Zuschüsse im Bereich der Jugendhilfe ein. Weil es für die Mitarbeiter dabei auch ganz konkret um die Frage ging, ob und wie es überhaupt weitergeht.

Auf welche Gipfel sind Sie besonders stolz?

Mit Sicherheit den Ausbau der Suchtberatung in den Landkreisen Mühldorf und Altötting Mitte der 90er-Jahre. Vor allem für mich persönlich, weil das der Bereich ist, aus dem ich ursprünglich komme. Weitere Höhepunkte waren der Aufbau der Insolvenzberatung aus der Schuldnerberatung und der Zusammenschluss der Caritas-Sozialstationen Mühldorf und Waldkraiburg. Wir haben grundsätzlich sehr früh erkannt, dass es nicht reicht, den Menschen aufzuhelfen, wenn sie mal hingefallen sind. Sondern dass wir auch dafür sorgen müssen, dass sie sicher stehen. Selbst wenn es ein wenig abgedroschen klingt, hat die Hilfe zur Selbsthilfe oberste Priorität. Auch wenn das in den Augen vieler so gar nicht dem Klischee der Caritas entspricht.

Das wäre?

Dass wir nur für die Ärmsten der Armen da sind, Suppenküchen betreiben beziehungsweise Almosen weitergeben. Dabei sind wir längst ein moderner Dienstleistungsbetrieb, der sich am Markt behaupten muss. Gleichzeitig dürfen wir aber unseren Gründungsauftrag aus dem christlichen Selbstverständnis heraus nicht aus den Augen verlieren. Dabei gehe ich immer davon aus, dass es ein urmenschliches Bedürfnis ist, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Sie würden also keine Suppenküche betreiben?

Nur, wenn ich wirklich den Bedarf sehen würde. Aber auch dann müsste so eine Einrichtung gut vernetzt mit dem übrigen Hilfsangebot vor Ort sein.

Sehen Sie denn im Landkreis den Bedarf?

Nach internen Diskussionen sahen wir vor einigen Jahren noch keinen Bedarf.

Wenn Sie nach vorne schauen, welche Gipfel bereiten Ihnen Sorgen?

Insbesondere die finanzielle Situation des gesamten Caritas-Zentrums bereitet mir großes Kopfzerbrechen. Deshalb müssen wir die Angebote der Dienste und deren Finanzierung sowie unsere internen Abläufe weiterentwickeln, um für die Aufstiege, die vor uns liegen, gewappnet zu sein.

ha/Mühldorfer Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser