Schnell handeln bei Kindesmissbrauch

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Groß war der Andrang bei der Informationsveranstaltung zum Thema Kindesmisshandlung moderiert von Sylvia Wimmer, Sozialpädagogin bei der Schwangerenberatungsstelle des Gesundheitsamtes Mühldorf.

Mühldorf - Wie gegenwärtig das Thema Kindesmisshandlung auch im Landkreis Mühldorf ist, zeigte der große Andrang bei der Informationsveranstaltung der Kooperationsgruppe "Frühe Hilfe für Eltern" des Landratsamtes.

Rund 220 Vertreter von Kindertageseinrichtungen, Kindergärten, Schulen, Polizei, Justiz, Gesundheitswesen, sozialen Einrichtungen, Jugend-, Gesundheitsamt und Gemeinden verfolgten den Vortrag der Rechsmedizinerin Claudia Oehme der Gewaltopferambulanz der LMU München. Die Vorgehensweise bei Verdachtsfällen im Landkreis Mühldorf diskutierten Familienrichter Wolfgang Zölch, die Fachdienstleiterin der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Gabriele Blechta, die Diplom-Sozialpädagogin am Jugendamt Waltraud Lohmair, Kinderärztin Dr. Bärbel Liebezeit und Kriminalhauptkommissar Johannes Schätz bei einer Podiumsdiskussion, moderiert von Karin Mußner vom Netzwerk frühe Kindheit "KoKi" und Sylvia Wimmer von der Schwangerenberatung des Gesundheitsamtes.

Typische Merkmale von Kindesmisshandlung stellte Claudia Oehme, Rechtsmedizinerin an der Gewaltopferambulanz der LMU München, den Teilnehmern vor.

"Was muss ich tun, was soll ich tun, was darf ich tun", diese Fragen seien zentral beim Thema Kindeswohlgefährdung, sagt Claudia Oehme. "Im Mittelpunkt muss der Schutz des Kindes stehen, bei gewichtigen Anhaltspunkten ist in jedem Fall das Jugendamt zu informieren", betonte die Rechtsmedizinerin, sowohl bei physischer, psychischer oder auch bei drohender Misshandlung oder Vernachlässigung. Leitsymptome seien Verletzungen an sturzuntypischen Stellen, plötzliche Verhaltensänderungen, Schlafstörungen und altersuntypische Ängste. Besonders gefährdet seien Kinder unter vier Jahren.

Im Verdachtsfall sollten Fachkräfte, den Verdacht im Team thematisieren, Kind und Eltern beobachten, die Beobachtungen dokumentieren und entweder das Gespräch mit einer Fachberatung, der Rechtsmedizin oder mit den Eltern suchen, riet die Rechtsmedizinerin. Entdeckt ein Kinderarzt mögliche Hinweise auf eine Kindesmisshandlung sei oft die Einweisung in eine Kinderklinik die beste Möglichkeit, das Kind zu schützen, so Oehme. "Unsere Aufgabe ist es Grenzfälle abzuklären", sagte Dr. Bärbel Liebezeit, Kinderärztin im Ärztehaus Mühldorf, "in klaren Fällen ist das Jugendamt oder die Polizei der richtige Ansprechpartner.

"Alle Hinweise, auch anonyme, haben oberste Priorität", Waltraud Lohmair vom Amt für Kinder, Jugend und Familie. Noch am selben Tag nehme das Jugendamt Kontakt zu den Familien auf, trage so viele Informationen wie möglich zusammen. Auch an die Polizei könne sich jeder, der einen Verdacht hat, wenden, sagt Kriminalhauptkommissar Johannes Schätz.

"Wir klären die Umstände, allerdings unterliegen wir dem Strafverfolgungszwang", betonte er, "bei zweifelhaften Fällen sei es daher besser, sich an eine neutrale Stelle wie das Jugendamt zu wenden. "Eine Einrichtung hat den gesetzlichen Auftrag, Verdachtsfälle zu melden", betonte Lohmair.

Das Kind aus der Familie herauszunehmen, sei die letzte zu ergreifende Möglichkeit. "Zuerst versuchen wir, den Familien Unterstützung anzubieten und gemeinsam mit den Eltern Lösungen zu erarbeiten", sagte Lohmair. Auch das Familiengericht am Amtsgericht Mühldorf sei nur selten mit Fällen konfrontiert, Eltern ihre Kinder wegzunehmen, sagte Richter Wolfgang Zölch. "Und wenn wir Kinder herausnehmen, wird regelmäßig überprüft, ob sich die Erziehungsfähigkeit der Eltern verbessert hat, und die Kinder nicht doch in ihrer Familie aufwachsen können."

Dabei unterstützen auch Erziehungsberatungsstellen. "Oft stecken hinter einer Misshandlung selbst traumatisierte Eltern, Hilflosigkeit, Panik, Unreife oder eine psychische Erkrankung", sagt Erziehungsberaterin Gabriele Blechta, da sei Prävention und frühes Eingreifen wichtig.

Vor allem bei der Prävention und der aufsuchenden Familienarbeit aber seien die personellen Kapazitäten sehr begrenzt, mahnte sie. "Wir müssen die Zusammenarbeit noch weiter intensivieren", betonte auch Lohmair. Allerdings habe sich diese Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren im Landkreis schon sehr gebessert, lobte Kriminalhauptkommissar Schätz. "Wenn Sie glauben, dass ein Kind misshandelt wird, warten Sie nicht zu lange", rief er auf. Egal bei welcher Stelle, wichtig sei, einem Verdacht frühzeitig nachzugehen, um Schlimmeres zu verhindern.

Seit März 2010 hat die Rechtsmedizin der LMU München eine Gewaltopferambulanz eingerichtet, sie kann bei Verdachtsfällen auch anonym für eine erste Einschätzung kontaktiert werden: Telefon 089/ 218073011, gewaltopferambulanz@med.uni-muenchen.de.

nl/Mühldorfer Anzeiger

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