Mit Wulff nach Auschwitz

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Ein Buch erzählt die Geschichte von Hermann Höllenreiner und seinen Erlebnissen in der NS-Zeit. Die Bilder zeigen seine Mutter mit ihm und seiner Schwester und seinen Vater in Uniform.

Mettenheim - Z-3526 - verblasst, aber noch deutlich zu lesen ist die Nummer auf dem linken Unterarm von Hermann Höllenreiner. Sie ist ein Relikt aus einer Zeit, die er vergessen möchte, aber nie vergessen wird.

Als Kind war er zwei Jahre in Konzentrationslagern. Zum heutigen Holocaustgedenktag fliegt er mit Bundespräsident Christian Wulff nach Auschwitz.

Hermann Höllenreiner hat viel zu erzählen beim Gedenktag mit Bundespräsident Christian Wulff. Noch immer sind die Erlebnisse tief in ihm verankert, nichts hat er vergessen. Als Neunjähriger kommt er mit seinen Eltern und seiner Schwester als Angehöriger der Volksgruppe Sinti ins Lager nach Auschwitz im März 1943. Sein Name wird von diesem Tag an bedeutungslos, aus ihm wird Z-3526. "Jeder im Lager hat gewusst, was hier passiert. Den ganzen Tag haben die Kamine geraucht, und es hat gestunken", erzählt Hermann Höllenreiner.

Er entgeht der Vergasung nur, weil drei Brüder in der Baracke nach einer Warnung vor dem drohenden Tod einen Aufstand angezettelt haben. Kurz darauf kommt er nach Ravensbrück, dort versteckt er sich, als er zwangssterilisiert werden soll. Kurz vor Ende des Kriegs wird er nach Sachsenhausen umgesiedelt. "Das Schlimmste für mich war, meinen Vater in der SS-Uniform zu sehen", sagt er. In den letzten Wochen soll dieser für die Deutschen kämpfen.

Als die Niederlage des Deutschen Reichs unausweichlich ist, machen sich die Soldaten mit den KZ-Insassen 1945 auf den Todesmarsch. Im Belower-Wald gelingt Hermann Höllenreiner die Flucht, mit französischen Häftlingen gelangt er nach Paris.

Ohne zu wissen, wo seine Familie ist, verbringt er zwei Jahre in Frankreich. Keiner soll wissen, dass er Deutscher ist, darum verschweigt er seinen Namen. Drei Familien kümmern sich um ihn, nehmen ihn auf wie ein eigenes Kind. Als seine Eltern ihn ausfindig machen, wollen ihn die Pflegeeltern kaum ziehen lassen.

Bis heute versteht er die Willkür der Nazis nicht. Obwohl sein Vater als Soldat in Lenggries war, kommt er aufgrund seiner Abstammung ins Konzentrationslager. Einer seiner Brüder entgeht der Deportierung und bildet weiterhin die Münchner Polizei aus.

Nicht immer hat Hermann Höllenreiner so offen über seine Vergangenheit gesprochen. Seine Familie wusste lange Zeit nur, dass er im KZ war, aber nicht, was dort passiert ist. Vor sieben Jahren bricht er sein Schweigen, als er zum ersten Mal eine Einladung zum Holocaustgedenktag nach Sachsenhausen erhält. Als er nach knapp 60 Jahren an diesen Ort zurückkehrt, zittert er am ganzen Körper, kann kaum reden. "Die Erinnerungen - es war alles wieder da", erzählt er. So schmerzvoll diese Erfahrung ist, für ihn ist es gut, dass er endlich spricht, das Erlebte aufarbeitet.

Seine Frau Else sieht seitdem ihren Mann mit anderen Augen, versteht seine unerklärlichen Angstzustände. Sie setzt sich vermehrt mit dem Thema auseinander, stellt sich immer wieder die Frage: "Wie konnte so was passieren?" Auch für seine Tochter Carolin ist es nicht einfach. "Wenn ich daran denke, muss ich weinen. Es ist unvorstellbar, wie schlimm das für ein Kind gewesen sein muss."

Die Einladung vor sieben Jahren war ein Wendepunkt im Leben von Hermann Höllenreiner. Seitdem reist er jedes Jahr am 2. August nach Auschwitz, bei Gedenktagen erzählt er von seinen Erlebnissen. "Die Leute sollen nicht vergessen", sagt er. Dass er jetzt von Bundespräsident Christian Wulff zum Holocaustgedenktag eingeladen wurde, stellt für ihn eine große Ehre dar. Schon Tage vor diesem Treffen ist er nervös, freut sich darauf. Auch wenn er weiß, dass der Ort immer noch schreckliche Erinnerungen in ihm weckt.

hi/Mühldorfer Anzeiger

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