Im Osten viel Neues

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Den Stadtplan von Gera hat Peter Lebek noch immer griffbereit. Einmal im Jahr besucht er dort einen befreundeten Kollegen.

Mühldorf - Den 20. Jahrestag zur Deutschen Einheit verbindet Peter Lebek vor allem mit der Erinnerung an seine Zeit in Gera: Drei Monate lang war der Mühldorfer Polizeibeamte dort als Berater tätig.

Der erste Arbeitstag in Gera ist Peter Lebek gut im Gedächtnis geblieben: "Obwohl wir angekündigt waren, ließ uns der Dienststellenleiter erst einmal warten. Er zog es vor, mit dem russischen Stadtkommandanten zu tagen." Dabei waren die Soldaten damals längst im Begriff, die Kaserne zu räumen. Doch viele Strukturen, viele eigentlich längst überholte Hierarchien hatten offensichtlich noch Bestand - auch 17 Monate nach Unterzeichnung des Einigungsvertrages. "Dieser Eindruck bestätigte sich in den drei Monaten immer wieder", erzählt Lebek, der als Hauptkommissar und stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Mühldorf im März 1992 die Chance ergriff, im Osten Aufbauarbeit zu leisten.

Dort fiel die Begrüßung der neuen Kollegen sehr unterschiedlich aus: "Manche waren uns Wessis gegenüber sehr aufgeschlossen. Andere wiederum eher zurückhaltend. Und dann gab es welche, die haben uns immer wieder bewusst auflaufen lassen."

Die Umstrukturierung der ehmaligen Volkspolizei zu einem funktionierenden Polizeiapparat nach westlichem Vorbild sei eine Mammutaufgabe gewesen. "Denn in Gera hatten die Volkspolizisten nur einen sehr begrenzten Einflussbereich." Daneben kümmerte sich der Werkschutz von Wismut um alle Dinge, die die Angestellten des Betriebs betrafen. "Und war ein höheres Parteimitglied zum Beispiel in einen Unfall verwickelt, wurde das ohnehin intern geregelt", erzählt Lebek. Darüber hinaus war das Militär vor Ort, mit dem die Vopo unter anderem einen gemeinsamen Fuhrpark betrieb. "Diese Strukturen galt es zunächst einmal aufzubrechen, im Großen wie im Kleinen."

So dauerte es beispielsweise einige Zeit, bis Lebek und seine Kollegen hinter das Geheimnis der hohen Telefonkosten der Dienststelle kamen: "Auch Landratsamt und Feuerwehr telefonierten auf unseren Leitungen." Und dann gab es in dem riesigen Gebäude in Gera noch ein Zimmer, das ständig versperrt war. "Angeblich wusste niemand, was sich darin befand. Und angeblich hatte auch niemand einen Schlüssel", erinnert sich Lebek. Das Geheimnis war dann schnell gelüftet: "In dem Raum war die Stasi untergebracht. Mehr als ein leeres Blatt Papier hatten die Herren aber nicht zurückgelassen."

Dafür war die Ausstattung der Direktion vom Feinsten: Neue Fahrzeuge, neue Computer, neue Ausrüstung. "Da konnte man schon neidisch werden", sagt Lebek, schließlich hauste seine Mühldorfer Inspektion damals noch im alten Gebäude an der Münchner Straße.

Viel Basisunterricht stand für die Kollegen in Gera auf dem Stundenplan, von der einfachen Unfallaufnahme bis zu den Regeln des Schusswaffengebrauchs. "Gerade in dieser Hinsicht gab es anfangs durchaus Probleme, was die Verhältnismäßigkeit der Mittel betraf", erinnert sich der 61-Jährige. Auch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit habe gerade bei den älteren Beamten große Unsicherheit geherrscht: "Die wussten nicht einzuschätzen, was Pressefreiheit bedeutet. Nicht wenige waren der Meinung, dass erst die Pressefotografen an den Tatort durften und dann erst die Spurensicherung."

Parallel zur Neuorganisation der Polizeidirektion wurde intern die DDR-Vergangenheit aufgearbeitet. Im Innenministerium in Erfurt mussten sich alle Polizisten mehrfach einer Personenüberprüfung stellen. So mancher Kollege kam aus Erfurt zurück und packte wortlos seine Sachen. "Ein befreundeter Kollege, zu dem ich heute noch Kontakt habe, wurde siebenmal überprüft."

Nach drei Monaten musste sich Peter Lebek dann entscheiden: Karriere im Osten oder Rückkehr in den Westen an den alten Arbeitsplatz. "Ich habe mich für die Lebensqualität in Bayern entschieden. Denn wo die Leute nicht 'Grüß Gott' sagen, hätte ich mich niemals heimisch gefühlt."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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