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Eine Ausnahmefamilie: Bei Wohlfarts bleibt Vater Pierre für zwei Jahre zu Hause, während Mutter Simone arbeiten geht. Töchterchen Mathilda ist damit eines der wenigen Kinder in Deutschland, um die sich in den ersten Lebensmonaten vor allem die Väter kümmern. Zwar nutzen viele Männer die Elternzeit, allerdings meist nur für wenige Wochen. Danach ist wieder die Mutter dran.

Mühldorf - Pierre Wohlfart ist ein stolzer Papa, keine Frage. Und einer, der einen eher ungewöhnlichen Schritt tut: Der Mühldorfer geht zwei Jahre lang in Elternzeit.

Liebevoll wiegt Pierre Wohlfart die kleine Mathilda in seinen Armen. Das Baby sieht ihn mit fröhlichen blauen Augen an und lächelt. Ein stolzer Papa, keine Frage, und einer, der einen eher ungewöhnlichen Schritt tut: Der Mühldorfer geht zwei Jahre lang in Elternzeit.

In Deutschland hat die Väterbeteiligung einen neuen Höchststand erreicht: Bei mehr als jedem vierten Kind hat der Vater eine "Babyzeit" beantragt. Das sind über 25 Prozent der 678000 im Jahr 2010 geborenen Kinder. Spitzenreiter ist Bayern, wo etwa jeder dritte Mann eine Babyzeit mit Elterngeld beansprucht hat.

Auf den ersten Blick erfreuliche Zahlen in puncto Gleichberechtigung, tatsächlich gibt es aber einen Haken: 83 Prozent der bayerischen Väter bleiben lediglich zwei Monate lang zu Hause - das erforderliche Minimum, um das Elterngeld 14 Monate lang ausbezahlt zu bekommen. Die restlichen zwölf Monate beantragen dann die Mütter die staatliche Unterstützung.

Anders bei Familie Wohlfart aus Mühldorf. Vor einem guten halben Jahr kam Töchterchen Mathilda zur Welt. Für die Eltern Simone und Pierre war schnell klar: der Vater bleibt zu Hause, die Mutter geht arbeiten. "Ich verdiene mehr als Pierre und arbeite in Mühldorf, während er jeden Tag nach München fahren musste", sagt Simone.

Seit Juli arbeitet die Steuerberaterin 30 Stunden in der Woche, jetzt will sie wieder voll in ihren Beruf einsteigen. "Auch wenn ich von zu Hause aus arbeite, muss ich mich strikt an meine Arbeitszeiten halten und darf zum Beispiel nicht einfach runterkommen und mich um Mathilda kümmern, wenn sie schreit." Leicht fällt das der Mutter nicht. "Ich habe schon ein wenig Angst, etwas zu verpassen", räumt sie ein.

Ihr Mann Pierre muss diese Befürchtung nicht haben. "Mathilda entwickelt sich schnell und jeden Tag passiert so viel. Ich bin froh, dass ich das alles miterleben kann und genieße die Zeit." 41 Prozent der Väter, die 2010 zusätzlich zu ihrer Frau einen Antrag auf Elterngeld gestellt haben, wählten ihren ersten Bezugsmonat in den ersten drei Lebensmonaten des Kindes. "Dabei passiert in den ersten Monaten gar nicht so viel, erst später geht die Entwicklung richtig los", meint Pierre.

Neben seiner Tochter kümmert sich der 37-Jährige auch um Hund Henry, den Garten und übernimmt außer Wäsche waschen sämtliche Arbeiten im Haushalt. "Er macht seine Sache sehr gut", lobt Simone. Als Hausmann will sich Pierre aber nicht bezeichnen und auch die finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau war eine Umstellung für den Mühldorfer. "Es ist schon komisch, wenn man plötzlich Taschengeld von seiner Frau bekommt, daran muss man sich erst gewöhnen", lacht er.

Über die kommende Zeit zu Hause, wenn Simone wieder voll berufstätig ist, macht sich Pierre keine Sorgen. "Wenn die Zähnchen kommen oder Mathilda mal krank ist, wird es vielleicht nicht so einfach, bisher hatte ich aber Glück und eine chillige Zeit", meint er.

In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis sind die Wohlfarts mit ihrem Familienmodell eine Ausnahme. "Wir sind auf skeptische Reaktionen gestoßen, viele Leute zweifeln daran, dass es klappen kann, wenn der Vater zu Hause bleibt", berichtet Simone.

Dass die meisten Väter nur zwei Monate Elternzeit nutzen, findet die Mühldorferin schade. "Der Einfluss der Väter auf die Kinder ist wichtig, denn während viele Frauen ihre Kinder eher behüten möchten, toben die Väter mit ihnen und sorgen für Spaß."

Ganz einfach ist der Weg für Väter in die Elternzeit aber nicht. Erst acht Wochen vor der Geburt des Kindes hat ein Mann einen Kündigungsschutz, spätestens sieben Wochen vorher muss er seinem Arbeitgeber mitteilen, dass er in Elternzeit geht. "Man hat also nur eine Woche Zeit, um die Frist nicht zu verpassen. Außerdem finde ich, so kurzfristig ist es dem Arbeitgeber gegenüber nicht fair", meint Pierre. Er selbst will nach der Elternzeit wieder in seinen Job als Systemadministrator zurückkehren.

Bis es so weit ist, genießt der Mühldorfer aber sein Vater-Dasein. "Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen", schwärmt er und wiegt Mathilda wieder in seinen Armen. Er reicht ihr ein Spielzeug und lächelt sie an.

amu/Mühldorfer Anzeiger

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