Der Tod war immer nebenan

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"Sterb'n und werd'n: Bei uns lag das nah beinand": Konrad Brummer.

Mühldorf - Konrad Brummer ist ein Kind des Mühldorfer Stadtfriedhofs. Der 79-Jährige kam im Haus des Friedhofswärters zur Welt und lebte dorf mit fünf Geschwistern.

Der Tod war immer nebenan: eine Tür weiter in der Leichenhalle, drüben im Sezierzimmer, draußen an den Gräbern. Nicht einmal in der Küche hatte Konrad Brummer seine Ruh vor ihm: "Dort mussten sich die Pfarrer ja immer für die Beerdigungen umziehen." Sogar das hauseigene Plumpsklo teilten die Brummers mit den Friedhofsbesuchern.

Mit der Erinnerung kommt auch das Kopfschütteln: "Das kann man sich heute wirklich nicht mehr vorstellen", sagt der Rentner. Heute, weit über ein halbes Jahrhundert später, sitzt der 79-Jährige zusammen mit Ehefrau Maria am Esstisch in Annabrunn und blättert in seinem alten Fotoalbum.

Jede Menge Grabsteine sind auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme zu sehen. "Das war praktisch der Blick aus dem Schlafzimmerfenster." Auf einem anderen Bild steht Vater Georg als Friedhofswärter inmitten seiner Kollegen: todernst und pflichtbewusst schauen die vier Totengräber drein. Ein Foto, das den kleinen Konrad zu Hause auf dem Friedhof zeigt, gibt es nicht.

Das Heim der Brummers: geradeaus ging es in die Leichenhalle, rechts (nicht mehr im Bild) liegt der Eingang zur Wohnküche, von der aus auch die beiden Totenglocken bedient wurden.

Zu Hause auf dem Friedhof: wie das klingt. Doch es war eben so. "Friedhofstraße 39: Da haben wir gewohnt." Und nicht nur das: "Da wurde ich auch geboren." Eine Hausgeburt auf dem Friedhof? Brummer lacht: "Sterb'n und werd'n: Bei uns lag das nah beinand."

Viel Platz war ja auch nicht für Konrad, seine fünf Geschwister und die Eltern: Zwei Schlafzimmer, eine Wohnküche, dazu Leichenhalle und Sezierraum - alles unter einem Dach. Fünf hohe Räume und ein kleines Türmchen mit zwei Totenglocken hatte das Haus, das am Rand des alten Mühldorfer Stadtfriedhofs stand - dort, wo sich heute der Durchgang zum jüngeren Gräberfeld befindet.

Hinter dem Gebäude war ein Acker und der Hof der Brummers. "Hier hatten wir unseren Spielplatz, der Friedhof war tabu. Da war der Vater eisern." Und wenn dann doch einmal der Ball hinüber flog und zwischen all den Grabsteinen landete, dann "schlichen wir uns rüber und sahen zu, dass wir nicht erwischt werden".

Auch in der Leichenhalle hatten Konrad und seine Freunde nichts verloren. "Meine Eltern hatten immer Angst, dass wir uns eine Krankheit einfangen. Es war ja eine andere Zeit." Eine Zeit, in der die Toten noch offen aufgebahrt wurden. Eine Zeit, in der Desinfektionsmittel keine Selbstverständlichkeit waren. Eine Zeit, in der es keine Kühlungen gab. "Kein Wunder, dass sich der Gerichtsmediziner aus Traunstein im Sezierzimmer immer eine dicke Zigarre angesteckt hat", erzählt Konrad Brummer. "Der Geruch konnte schon extrem sein. Den wird man auch nicht los." Ganz egal, wie viele Jahre dazwischen liegen.

Bis 1958 wohnten die Brummers auf dem Friedhof, dann zogen sie weg. Sohn Konrad machte Karriere bei der Post, Bestatter oder gar Friedhofswärter kam für ihn als Beruf nie in Frage: "Das wär' nix für mich gewesen."

Geblieben ist unter anderem die Erinnerung an den schlimmsten Tag des Stadtfriedhofs: den 19. März 1945. Während des ersten Bombenangriffs war Konrad Brummer nicht in Mühldorf, sondern in Rosenheim. Als er am Abend nach Hause kam, lagen schon zig Leichen in den überdachten Gängen des Friedhofs. Und es wurden immer mehr. Sägemehl ersetzte das Desinfektionsmittel, das in den letzten Kriegstagen längst nicht mehr zur Verfügung stand.

Die Bestattungen mussten schnell gehen; abends, weil tagsüber Fliegeralarm war. Mittendrin: Der zwölfjährige Konrad, der die Leichenzettel bastelte - mit Loch und Schnur. "Damit kennzeichneten mein Vater und die Beamten von der Kripo dann die Toten."

Trauer, Schmerz und Verzweiflung gehörten zum Alltag der Brummers. "Die Angehörigen saßen oft in unserer Küche, wenn sie es am Grab nicht mehr ausgehalten haben oder ihnen schlecht geworden ist." Was natürlich Auswirkungen auf die Stimmung im Haus hatte: "Laut gelacht wurde daheim nur an den Tagen, an denen keine Beisetzungen waren." Hört sich nach einer eher traurigen Kindheit an. "Nein, das war es nicht. Wir haben das als ganz normal empfunden."

Und als Kind? Keine Angst vor den Toten? "Hatte ich nie", versichert Konrad Brummer. Vor allem, weil die Mama ihren Buben und Mädchen eine einfache Regel mitgegeben hatte: "Vor den Toten braucht's euch nicht mehr fürchten. Die Lebenden sind es, vor denen man Angst haben kann."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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