Im Herz ist Platz für beide

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Auch nach der Trennung ist im Herz des Kindes noch Platz für beide. "Wenn die Eltern das erkennen, dann ist schon viel passiert", sagt Waltraud Lohmair vom Jugendamt.

Mühldorf - Vor 25 Jahren nahm der Arbeitskreis Trennung/Scheidung seine Tätigkeit auf. Hier kooperieren Jugendamt Mühldorf und die Erziehungsberatungsstelle der Caritas.

Die Kooperation zwischen dem Jugendamt Mühldorf und der Erziehungsberatungsstelle der Caritas hat sich bewährt - und auf die gesellschaftlichen und juristischen Veränderungen eingestellt.

"Das war eine andere Zeit damals", erzählt Waltraud Lohmair. Die pädagogische Gruppenleiterin, die heute im Arbeitskreis das Amt für Jugend und Familie im Arbeitskreis vertritt, erinnert sich gut an die Rahmenbedingungen vor 25 Jahren. Vor allem rechtlich zog eine Trennung oder Scheidung damals eindeutige Konsequenzen nach sich: "Das Sorgerecht wurde entweder der Mutter oder dem Vater zugesprochen. Das Jugendamt gab dazu die entsprechenden Stellungnahmen ab. Und in 95 Prozent der Fälle blieb das Sorgerecht bei der Mutter." Heute behalten dagegen im Normalfall beide Elternteile das Sorgerecht. "Die juristische Situation ist eine völlig andere", erzählt Lohmair.

Und nicht nur die: Auch gesellschaftlich hat sich in dem letzten Vierteljahrhundert eine Menge getan. "Die Väter haben heute einen anderen, weitaus höheren Stellenwert als früher", beschreibt die Leiterin der Erziehungsberatungsstelle (EB) der Caritas, Gabriele Blechta. "Eltern bleiben auch nach der Scheidung Eltern. Und zwar beide."

Die steigenden Zahlen - inzwischen wird statistisch gesehen jede zweite Ehe geschieden - hätten zudem dafür gesorgt, dass das Thema deutlich an Akzeptanz gewonnen hat. "Wenn die Eltern sich bei einer Trennung einig sind, dann ist im Grunde alles möglich", sagt Blechta.

Nur ist eben das nicht immer der Fall. Und genau an diesem Punkt kommt der "Arbeitskreis Trennung/Scheidung" ins Spiel. "Wenn sich unüberbrückbare Konflikte auftun, treten wir auf den Plan." Manchmal sitzen dabei die emotionalen Verletzungen so tief, dass sich Vater und Mutter nicht einmal mehr an einen Tisch setzen. "Da kann es dann schon passieren, dass der Vater draußen auf dem Balkon wartet, wenn die Mutter in mein Büro kommt", erzählt Blechta, die in der Vergangenheit vor allem eine Erfahrung gemacht hat: "Ist der Punkt erst einmal überschritten, dass der ehemalige Partner öffentlich beleidigt wird, gibt es in der Regel kein Zurück mehr." Dann gehe es nur noch um den persönlichen Hass und nicht mehr um das Wohl des Kindes.

Genau darauf konzentriert sich aber der Fokus des Arbeitskreises. "Denn die Kinder haben ein Recht auf die Beziehung zu beiden Eltern", erklärt die EB-Leiterin. Was sich so selbstverständlich anhört, ist es nicht: Knapp 500 Fälle bearbeitet die EB jährlich, bei 250 spielt Trennung oder Scheidung eine Rolle.

Häufig nimmt die Beratungsstelle deshalb eine Mediatorfunktion zwischen den ehemaligen Partnern ein, sucht nach Kompromissen, wenn es zum Beispiel um Besuchsregelungen für die Kinder geht. "Das klappt nicht immer", sagt Blechta. "Manchmal muss einfach das Gericht entscheiden. Als eine akzeptierte übergeordnete Instanz."

Dass vieles in diesem Bereich inzwischen Hand in Hand geht, ist ein Verdienst des Arbeitskreises. "Die gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Richtern und Anwälten mit Jugendamt und Erziehungsberatung ist unser zentraler Erfolg", bestätigt Waltraud Lohmair. Hinzu kommen Impulse, die der Arbeitskreis gegeben hat: die Gruppe für Scheidungskinder bei der Caritas ist so ein Beispiel. Oder das Projekt "Begleiteter Umgang".

Innerhalb einer Woche kann die Erziehungsberatungsstelle den betroffenen Eltern einen ersten Gesprächstermin anbieten. "Die Wege sind kurz", sagt Blechta, betont aber auch, dass eine halbe Personalstelle mehr in diesem Bereich noch einiges verbessern würde: "Je strittiger die Situation, umso aufwendiger die Arbeit für uns." Zudem handele es sich um eine persönlich sehr belastende Tätigkeit: "Da kann man nicht einfach Termin an Termin reihen."

Ein Wunsch für die nächsten 25 Jahre? Blechta und Lohmair lächeln. "Dass bei allem Streit immer die Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt steht. Und Mütter und Väter erkennen, dass auch nach der Trennung im Herz des Kindes Platz für beide Eltern ist."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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