Damit der Hausarzt auf dem Land bleibt

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Mühldorf - Die Diagnose ist nicht neu, die Therapie schon:Mit einem besonderen Angebot wollen die Kreiskliniken und Hausärzte die Versorgung auf dem Land sicherstellen.

Dies gelingt nur, wenn Bürgermeister und Sponsoren mitziehen. Noch ist die Versorgung mit Landärzten im Landkreis in Ordnung, doch schon in den nächsten Jahren werden mehr als 30 Prozent der Hausärzte aufhören, weil sie deutlich über 60 Jahre alt sind. Für den Ärztlichen Direktor der Kreiskliniken, Dr. Wolfgang Richter, steht fest: „Wenn die Stellen nicht adäquat nachbesetzt werden, haben wir in fünf Jahren Versorgungslöcher.“ Junge Ärzte aber sind schwer zu bekommen: Sie ziehen größere Städte wie München oder Rosenheim vor, scheuen das finanzielle Risiko einer Praxisübernahme auf dem Land oder setzen auf höhere Einnahmen durch mehr Privatpatienten in den Ballungsräumen.

Die Therapie gegen den Hausärzteschwund nennt sich „Weiterbildungsverbund“ und soll jungen Ärzten und vor allem Ärztinnen, die heute schon knapp 70 Prozent der Studierenden ausmachen, ein umfassendes Ausbildungsangebot zum Facharzt anbieten. In Kooperation wollen Krankenhaus und niedergelassene Ärzte den jungen Leuten zunächst eine dreijährige Assistenzzeit im Krankenhaus und anschließend eine zweijährige Ausbildung zum Facharzt in einer Praxis ermöglichen.

„Inndoc“ nennen Klinik und Niedergelassene das Programm, das im nächsten halben Jahr anlaufen soll. „Der Weiterbildungsverbund hat die Aufgabe, dass Assistenten strukturiert in fünf Jahren durch die Facharztausbildung geschleust werden.“ Zu dem Konzept gehört auch die Ausbildungsförderung, bei der Medizinstudenten frühzeitig für Praktia in der Region gewonnen werden sollen.

So weit so bekannt und auch an anderen Orten praktiziert. Das neue am Mühldorfer Modell ist die geplante Zusammenarbeit mit Landkreis, Kommunen und Wirtschaft. Gegenseitige Absprachen über mögliche verkehrsgünstig gelegene Standorte seien notwendig, an denen sich Gemeinschaftspraxen ansiedeln können. Neben geringen Kosten bieten Gemeinschaftspraxen vor allem die Chance, sich gegenseitig zu vertreten. Weg vom eher abschreckenden Allzeitbereit- Profil des Landarztes heißt die Devise.

„Es ist die Aufgabe der Kommunalpolitik, sich auf attraktive Standorte zu verständigen“, spricht Klinik- Geschäftsführer Heiner Kelbel von Knotenpunkten, an denen solche Praxen künftig liegen sollen. Die verkehrstechnisch zu erschließen sei die Aufgabe des Landkreises. „Deshalb brauchen wir ein übergeordnetes Konzept.“ Das hat die Firma Medilog bereits erarbeitet, es soll am heutigen Mittwoch, den Kommulapolitikern im Landratsamt vorgestellt werden.

Klar ist schon jetzt, dass dieses Konzept die Bereitschaft zur Zusammenarbeit der Gemeinden voraussetzt. Und, dass es Geld kostet. Auf bis zu 120 000 Euro jährlich schätzt Richter die Summe. Dafür könnten im Fünfjahreszyklus statistisch 2,5 Ärzte in der Region ausgebildet werden und später eine Praxis übernehmen. An den Kosten beteiligen sollen sich nach Ansicht des Initiativkreises Sponsoren aus Wirtschaft und Handel, die ein Interesse an attraktiven Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiter haben. Und dazu, davon sind Richter und Kelbel überzeugt, gehört eine vernünftige Struktur. „Eine gute medizinische Versorgung durch Landärzte ist für die Mitarbeitergewinnung genauso wichtig wie ein funktionierendes Schulsystem“, sagt Richter.

Das derzeitige Verschwinden des Landarztes gefährdet nach Einschätzung des Initiativkreises die regionale Versorgung doppelt. Denn es wird in Zukunft nicht nur leerstehende Praxen; Klinikchef Heiner Kelbel fürchtet die Übernahme von Praxen durch private Krankenhausträger. Die könnten dann sogenannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) einrichten, die Patienten zu Krankenhausaufenthalten in die Kliniken der privaten Träger überweisen. Damit würden einerseits Patienten nicht mehr regional behandelt. Zum anderen würden die Kreiskliniken einträgliche Operationen verlieren und ihnen bliebe nur die weniger einträgliche Grundversorgung. Als Folge fürchtet Kelbel um die Existenz des Kreiskrankenhauses. "Die Schraube der medizinischen Versorgung geht nach unten".

hon/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © pa

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