Alles wird greifbarer

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Ein Gedenkort auch als Zeichen gegen Neofaschismus: Bei der Feier am Bunkerbogen sprach sich auch der Direktor der Bayerischen Gedenkstättenstiftung für den Bau einer Gedenkstätte aus. Schüler der Fachakademie ließen Besucher Steine mit den Namen von getöteten Häftlingen schreiben.

Mühldorf - Vor dem Bau einer KZ-Gedenkstätte im Mühldorfer Hart sind nach wie vor viele Fragen zu klären. Das wurde bei der Gedenkfeier am Samstagabend deutlich.

"Die Erinnerung wird nicht sterben -das ist Behauptung und Wille zugleich", sagte Franz Langstein, Vorsitzender des Vereins für das Erinnern, bei der Gedenkfeier anlässlich der Befreiung des KZ-Außenlagers am Samstag am ehemaligen NS-Bunkerbogen im Mühldorfer Hart. Für Langstein ist eine dauerhafte Arbeit vor Ort auch angesichts der neofaschistischen Morde notwendig.

Dass die Erinnerungsarbeit dort sinvoll ist, wo fast 4000 von 8000 Häftlingen innerhalb von zehn Monaten starben, bestätigten zwei Schüler des Gymnasiums Gars. Gloria Schwanhäuser und Daniel Rascher berichteten von ihrer schulischen Geschichtsarbeit, davon, dass einige bis vor einem Jahr nichts von dem KZ-Außenlager vor der eigenen Haustür gewusst hätten, davon, dass am Bunkergelände "alles greifbarer" geworden sei. Die Aufarbeitung der Geschichte sei schließlich "nicht mehr nur für gute Noten, sondern für uns selber" wichtig geworden.

"Die Vergangenheit wirkt auch in die Zukunft hinein", begründete Oberregierungsrat Michael Stadelmann als Vertreter des Landrats die Aufgabe einen Erinnerungsort zu schaffen. Der Verein "Für das Erinnern" kämpfe unermüdlich dafür. "Dies kann der Landkreis nur unterstützen", so werde "ein Stück der Würde der Opfer wiederhergestellt".

"Ein offener Umgang mit der lokalen Geschichte gereicht allen Bürgern in Stadt und Landkreis zur Ehre", sagte Landtagsabgeordneter Karl Freller als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, verbunden mit dem Dank an ehemalige Häftlinge wie Max Mannheimer, die ihre leidvolle Erinnerung an Mühldorf dazu gebracht habe aufzuklären statt sich abzuwenden. Ihnen sei das dauerhafte Bewahren der Geschichte wichtig. "Wir dürfen ihre Hoffnungen nicht enttäuschen."

Doch die Umsetzung eines Gedenkortes dauert noch. Freller sprach von nach wie vor "offenen Baustellen", wie einer "komplexen Eigentumslage, der Frage der Kampfmittel und Altlasten, die Sicherheit unser zukünftigen Besucher, schließlich der dauerhafte Unterhalt".

Freller kündigte die weitere Unterstützung der Stiftung an: "Wir werden in den nächsten Monaten gemeinsam mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim einen Gestalterwettbewerb ausrichten. Wir zählen darauf, dass der Landkreis und die Stadt Mühldorf im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht nur ideelle, sondern auch materielle Unterstützung einbringen." So werde es gelingen, "den Bund und andere Geldgeber von der Ernsthaftigkeit unserer Pläne zu überzeugen. Die Zeit drängt", so Freller, für den die Erinnerung an Gräuel der Nationalsozialisten an festen Gedenktagen "kein Selbstzweck ist: Sie kann das Geschehen zwar nicht ungeschehen machen, aber sie vermag es, die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung zu verringern".

Der Historiker Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, hält eine Gedenkstätte im Mühldorfer Hart für machbar, mit Anschub durch den Bund und dem Freistaat als Träger. Eine Ausstellung vor Ort "ohne zu viel Belehrung" solle idealerweise das ganze Jahr über zugänglich sein und "neugierig machen, den historischen Ort zu erkunden". Benz: "Das Angebot muss stärker sein als die Indolenz der Faulen, die einen Schlussstrich ziehen wollen."

Für Benz sind historische Orte als direkt vermittelnde Lernorte notwendig. Die Auseinandersetzung mit Geschichte vor Ort gehöre zur politischen Kultur, solle aber mehr als bloßer Geschichtsvermittlung dienen. Benz warnte vor einer "falschen Erwartung", dass durch verordnete Besuche an solchen Lernorte Mängel der schulischen Bildung ausgeglichen oder Gewalt verhindert werden könnte. Sie könnten lediglich Anstoß dazu sein. Durch die Zuwendung der Öffentlichkeit an und durch Gedenkorte werde den Opfern ein Stück ihrer Identität wiedergegeben.

Teil dieses Prozesses ist für Langstein eine Aktion der Fachakademie Starkheim. Die Schüler ließen auf dem Stadtplatz Mühldorf Passanten die Namen von KZ-Opfern auf Steine schreiben.

rob/Mühldorfer Anzeiger

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