Ein Deutschland-Fan aus Spanien...

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Zeugnisse der spanischen Kegel-Dominanz in Töging: Tomas Moreno vor seinem Trophäenschrank.

Töging - Wenn am Mittwoch Spanien und Deutschland um den Einzug ins WM-Finale kämpfen, ist der Töginger Tomas Moreno in einer komfortablen Position: „Einer meiner Favoriten kommt mit Sicherheit ins Endspiel.“

Deshalb will sich der 67-Jährige auch gar nicht festlegen, wem er die Daumen drückt: "Ich würde es den Spaniern gönnen, weil sie noch nie Weltmeister waren. Aber auch den Deutschen, weil sie im Moment einfach fantastisch spielen."

Die Entscheidung fällt schon deshalb schwer, weil in seiner Brust zwei Herzen schlagen: Das des Spaniers, der vor 67 Jahren in Valverde de Merida Badajoz zur Welt gekommen ist. Und das des Tögingers, der seit 47 Jahren in Deutschland lebt. So ist dieses Halbfinale auch ein Spiegelbild seines Lebens, ein Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart.

Die Vergangenheit liegt in einer kleinen Gemeinde in Extremadura. Dort wuchs Tomas Moreno auf, zusammen mit seinen vier jüngeren Schwestern. Geld war knapp in dem kleinen Haus aus Lehm und so landete der kleine Tomas schon mit elf Jahren zum ersten Mal auf dem Feld. Er pflückte Baumwolle, buddelte Wasserkanäle, zupfte Unkraut. "Den Monatslohn habe ich bei meiner Mutter abgegeben. Aber ein bisschen was ist auch in meiner Tasche gelandet."

Die Schule blieb dabei völlig auf der Strecke. "Insgesamt drei Monate war ich dort, dann nie wieder." Schreiben, lesen, rechnen habe er sich im Lauf der Jahre selbst beigebracht. Und während Tomas Moreno so redet, muss er selbst immer wieder den Kopf schütteln: "Heute glaubt einem das keiner mehr. Aber damals in Spanien war das einfach so."

Doch Tomas wollte mehr sehen als Baumwollfelder und Bauernhöfe. Mit 20 meldete er sich, zusammen mit 15 Männern aus dem Dorf, als Arbeiter für den Bergbau in Deutschland gesucht wurden. Am Tag der Abfahrt wartete er schließlich alleine auf den Bus: "Die anderen blieben lieber zu Hause. Und meine Eltern, Schwestern, Onkeln und Tanten haben alle geweint als es losging."

Bei Aachen baute er 1962 unter Tage Kohle ab, ein Knochenjob. Die Hitze, der Staub und die Akkordarbeit setzten Tomas Moreno zu. "Dabei war ich einiges gewöhnt." Nach einem halben Jahr bekam der 21-Jährige Probleme mit dem Knie, kurz vor der Operation floh er aus dem Krankenhaus. Daraufhin schickte ihn das Bergbauunternehmen prompt nach Spanien zurück.

Doch zu Hause wollte er sich nach so kurzer Zeit noch nicht blicken lassen, also besuchte er Oma und Opa in Almeria. Dort verdiente er sich ein paar Peseten als Hafenarbeiter dazu, ehe 1963 Deutschland zum zweiten Mal lockte. Die Firma Kunz warb um Arbeiter für den Straßenbau.

Von der Baustelle führte sein Weg ein Jahr später in das Töginger Ofenhaus, dann in die Gießerei. 38 Jahre blieb er der VAW treu, bis zum Ruhestand. Spuren hat dieses Leben voller Arbeit kaum hinterlassen. Braun gebrannt sitzt Tomas Moreno in seinem Wohnzimmer, die einzigen Falten im Gesicht wirft die Stirn, wenn er mal wieder - auch nach so vielen Jahren noch - in Gedanken nach einem deutschen Ausdruck sucht.

Zweimal war er verheiratet, seine Söhne Roberto und Franzesco sind exzellente Fußballer. "Von mir haben sie das nicht. Ich war ein lausiger Straßenkicker", grinst er. Das Abenteuer Deutschland habe er nie bereut: "Ich war immer fasziniert, wie gut hier alles klappt: Die Organisation, die Pünktlichkeit. Und dass man sich auf die Menschen verlassen kann. Außerdem mag ich Schnitzel heute lieber als Paella." Immer wenn er in den vergangenen Jahren in Spanien seine Verwandten besucht hat, plagte ihn spätestens nach 14 Tagen das Heimweh: "Ich wollte zu meinen Freunden, zu den Stockschützen und zu den Keglern." Gerade hat er den Stadtmeistertitel in Töging verteidigt. Zum zehnten Mal.

Immerhin im Kegeln sind die Spanier also Spitze. Ein kleiner Trost, falls es wieder nicht zum WM-Titel reicht.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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