Licht und Schatten

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Beschäftigungsmaßnahme Schattentheater: Wie Nadine (stehend) nehmen noch zwölf andere Jugendliche am Theaterprojekt des Beruflichen Fortbildungszentrums der Bayerischen Wirtschaft (bfz) teil, das neben Schauspieler Mike Sobotka (sitzend) auch die Theaterpädagogin Ulrike Schilling und die Psychologin Ines Ertel unterstützen.

Mühldorf - Das Theaterprojekt des Beruflichen Fortbildungszentrums der Bayerischen Wirtschaft (bfz) läuft aus. Ein Nachfolgekonzept für arbeitslose Jugendliche steht bereits in den Startlöchern.

Doch jetzt geht es erst einmal zur letzten Premiere: am morgigen Freitag in Ecksberg.

Über 200 Bewerbungen hat Nadine in den letzten beiden Jahren geschrieben - ohne Erfolg. Gut, da waren ein paar Praktika und Einladungen zur Probearbeit, aber spätestens beim entscheidenden Vorstellungstermin war Schluss: "Immer dann, wenn meine kleine Tochter zum Thema wird, zucken die Arbeitgeber zusammen."

Mit 17 wurde Nadine Mama, zwei Wochen vor den Prüfungen zur mittleren Reife kam damals ihre Tochter zur Welt. Die Wirtschaftsschule hat sie trotzdem noch erfolgreich abgeschlossen, auch eine Weiterbildung zur Sekretärin liegt inzwischen hinter ihr. Heute ist Nadine 23 und sucht händeringend einen Arbeitsplatz.

Das Jobcenter hat sie deshalb an das Theaterprojekt des gemeinnützigen "bfz" vermittelt. Nach mehreren Aufführungen in den vergangenen zwei Jahren - zuletzt im Herbst im Haus der Begegnung - steht am morgigen Freitag für die Jugendlichen in der Mehrzweckhalle der Stiftung Ecksberg die letzte Premiere an: Sie zeigen das Stück "Tintenherz" von Cornelia Funke - als Schattentheater.

"Eigentlich wollten wir im Dezember eine große Aufführung im Stadtsaal stemmen. Aber dann haben unsere zentralen Figuren überraschend alle einen Job gefunden", erzählt bfz-Seminarleiterin Franziska Rauscheder. "Also fällt die Nummer etwas kleiner aus."

Geprobt wird seit Wochen täglich zwischen acht und 15.30 Uhr. "Das ist Teil des Projekts", sagt Rauscheder. "Die Jugendlichen sollen Struktur in ihren Alltag bekommen." Darüber hinaus spielt das Thema soziale Kompetenz eine zentrale Rolle: "Auf der Bühne können die Jugendlichen an ihrem Auftreten arbeiten und Selbstvertrauen tanken."

Das sieht auch Nadine so: "Ich gehe heute anders in ein Vorstellungsgespräch als früher." Außerdem hätten sich in der Gruppe neue Freundschaften aufgetan - und die Erkenntnis, dass man über alle sozialen Unterschiede hinweg etwas auf die Beine stellen kann.

Denn die Voraussetzungen, mit denen die arbeitslosen Jugendlichen im Seminar von Franziska Rauscheder landen, sind völlig unterschiedlich: "Manche haben einen Schulabschluss, manche nicht. Zuletzt war sogar eine Abiturientin da."

Die Fluktuation ist hoch: Über 70 Teilnehmer zwischen 17 und 24 Jahren durchliefen das Theaterprojekt in den vergangenen zwölf Monaten: 25 haben eine Festanstellung gefunden, sechs eine Ausbildung begonnen, 13 sind noch übrig - und 20 haben die Maßnahme vorzeitig und eigenmächtig wieder abgebrochen. "Man muss das auch einmal so hart sagen: Einige haben schlicht kein Interesse daran, eine Arbeit zu finden", sagt Franziska Rauscheder.

Das Elternhaus spiele dabei fast immer eine entscheidende Rolle. "Wenn die ganze Familie von Hartz IV lebt und die Eltern nicht wollen, dass die Kinder aus der Bedarfsgemeinschaft herausfallen, dann nützen die besten Maßnahmen nichts." Dieser Fehler im System sei häufig mitverantwortlich für die fehlende Motivation bei vielen Jugendlichen.

"Für Nadine gilt das aber nicht", betont Franziska Rauscheder und bricht eine Lanze für ihren Schützling: "Auf sie kann ich mich jederzeit verlassen. Auf der Bühne und auch sonst."

Beginn der Vorführung ist um 16 Uhr. Die kostenlosen Eintrittskarten können noch heute und morgen in der bfz-Geschäftsstelle in der Herzog-Friedrich-Straße 3 zwischen 7.30 und 15 Uhr abgeholt werden.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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