"Ich dachte, jetzt ists aus"

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"Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich in den Nachrichten einen Flugzeugabsturz sehe", sagt Heinrich Schuster und präsentiert die Orden der BRD und der Niederlande, die er für seine Lebensretterdienste bekommen hat.

Mühldorf - Bei einem Flugzeugabsturz im Juni 1961 bei Kairo, den Heinrich Schuster selbst schwer verletzt nur knapp überlebte, rettete er drei Menschenleben. "Das war doch selbstverständlich", sagt der heute 83-Jährige.

Damals arbeitete Schuster als Stahlbauer auf Montage im Irak, war zum Urlaub in Mößling bei seiner Familie und wollte wieder zur Arbeit zurück.

Im Juni 1961 flog er zusammen mit der Frau und dem damals zweijährigen Sohn eines Arbeitskollegen mit der niederländischen Airlines KLM. "Frau Prokopez aus Ampfing wollte ihren Mann im Irak besuchen und ihm seinen kleinen Sohn vorstellen, den der noch nie gesehen hatte", erinnert er sich. "Eine Reise in den Irak war damals gefährlich und teuer."

Kurz vor Kairo kam die Durchsage "Bitte anschnallen, wir landen". Schuster schnallte sich also im Gurt fest. "Ich wollte mir gerade meinen zweiten Schuh wieder anziehen, da krachte und knallte es ganz fürchterlich und ich spürte, dass die Maschine nach einem Aufprall, wohl an einem Berg bei Kairo, abstürzte."

Ein einziger Gedanke schoss ihm durch den Kopf: "Jetzt ist`s aus mit uns!" Doch Schuster überlebte, er wurde mitsamt seinem Sitz aus dem Flugzeug geschleudert, rundherum brannte alles. "Die zwei Nonnen, die an dem Platz weiter vorne saßen, wo ich erst eigentlich hätte sitzen sollen, waren sofort tot." Sein Schutzengel habe ihn wohl ein paar Reihen weiter hinten Platz nehmen lassen, meint er nachdenklich.

Zum Nachdenken hatte Schuster damals keine Zeit, jeden Moment konnte das brennende Wrack explodieren. Mit zitternden Händen schnallte er sich schnell los und wollte mit nur einem Schuh an den Füßen bloß weg. "Aber da fielen mir Frau Prokopez und ihr Sohn ein, die schräg vor mir gesessen hatten."

Ein Wunder: So berichtete der Mühldorfer Anzeiger vor 50 Jahren.

Also retour, zurück in den nun lichterloh brennenden Trümmerhaufen. "Ich reagierte mechanisch, ohne an die Gefahr für mich und mein Leben zu denken." Er wollte nur helfen. "Die beiden lebten wie durch ein Wunder." Schuster und noch ein bayerischer Helfer beförderen die junge Frau mit ihrem Kind aus dem Inferno und retteten dann auch noch eine schwer verletzte Stewardess der KLM. "Wie ich später erfuhr, hatten von den 36 Flugzeuginsassen nur 17 überlebt."

Dass er selbst verletzt war, einen Lendenwirbel und das Fersenbein gebrochen hatte und mit Prellungen übersät war, "das spürte ich nicht gleich". Erst im Krankenhaus in Kairo wurde das Ausmaß seiner Verletzungen sichtbar. "Fast fünf Monate war ich in verschiedenen Krankenhäusern und auf Genesungsurlaub daheim."

Bei einer kleinen Feierstunde wurde Schuster ein Jahr später mit zwei Orden ausgezeichnet, von der Bundesrepublik Deutschland und von der niederländischen Königin - für seine Lebensretterdienste an zwei Deutschen und einer Niederländerin. Er habe sich zwar sehr gefreut, aber: "Für mich war es doch selbstverständlich zu helfen!"

Der Mühldorfer Anzeiger berichtete im Juni 1961 von der Rettung aus den brennenden Flugzeugtrümmern als einem "einzigartigen Wunder" und von dem "todesmutigen Einsatz eines Mößlingers in Kairo".

Frau Prokopez und ihr Mann sind schon lange gestorben; was aus dem Sohn geworden ist, der heute 52 Jahre alt sein müsste, weiß Heinrich Schuster nicht.

Nur manchmal denkt er noch an die schlimmen Momente damals vor 50 Jahren im fernen Kairo zurück. "Immer wenn ich in den Nachrichten einen Flugzeugabsturz sehe, dann kriege ich richtig Gänsehaut und denke bei mir, sowas habe ich überlebt!"

eig/Mühldorfer Anzeiger

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