Der Himmel brannte

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Perfekte Stimmung auf der Rennbahn.

Mühldorf - Fast zehn Stunden Rockmusik: Am Samstag feierte die Stadt das erste große Mühldorfer Open-Air-Konzert.

Ganz am Ende stehen sie da, die alten Männer des Hard- Rock und werfen unermüdlich Schlagzeugstöcke und Gitarrenplektra ins Publikum. Eine ganze Schale von ihnen hat Deep-Purple-Bassist Roger Glover bereit gestellt, alle brav signiert, ein ganz besonderes Andenken. Keine zerschlagenen Gitarren, brennenden Verstärker und Prügeleien auf der Bühne, stattdessen brutal laute, aber völlig friedliche Rockmusik.

Es ist das Ende eines überaus entspannten Tages in der Rennbahn, das Ende des ersten, "Great Wide Open" genannten Konzerts mit sieben Bands. Eröffnen dürfen es ein Dutzend Bassisten rund um den Mühldorfer Musiklehrer Claus Freudenstein. Aus dem 19. Jahrhundert sei sein Bass, erzählt er, aus einer Zeit, in der Beethoven und Schubert noch lebten. "Heute darf er zum ersten Mal vor Publikum Rock spielen". So bieten er und ein Dutzend Bassisten ein halbstündiges, skurriles und vom Publikum freundlich aufgenommenes Programm mit Hard-Rock- und Heavy-Metal-Stücken.

Die meisten Gäste sitzen noch, einige haben sich ihren Stehplatz vor der Bühne bereits erobert, Hunderte strömen in das Oval der Rennbahn. Denn auch Mühldorf hat lange warten müssen auf das große Rock-Open-Air, stadtgeschichtlich betrachtet noch länger als der Bass Freudensteins.

Vielleicht ist die Renaissance der alten Rocker, die Wiederentdeckung der Musik der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, nötig gewesen, damit es so weit kommen konnte. Ein Familienfest, Zielgruppe 35 plus, gerne mit Kindern, für die es einen besonderen Spielbereich gibt. Im Publikum aber auch viele, die keine verwaschenen Band-T-Shirts irgendeiner Welttournee 1978 tragen. Für sie hat der Veranstalter, die Münchner Agentur KBK, den Israeli Aviv Geffen und die Italienerin Dolcenera ins Programm genommen - und einen echten Glücksgriff getan. Geffen, in Israel ein Star und hierzu- lande weitgehend unbekannt, bietet mit seiner Band hochwertige Popmusik, Docenera, das singende, springende, vermutlich kaum 1,55 Meter große und höchstens 40 Kilo schwere Kraftpaket, stöckelt in lila High Heels über die Bühne, angenehm weitab der super langweiligen Britney-Spears-Pseudoerotik.

Und dann die Hooters. So was von festivaltauglich. Witzig, charmant, musikalisch höchst abwechslungsreich mischen die US-Amerikaner Pop und Folk, spielten natürlich alle Hits von "All you Zombies" bis "Johnny B." Vor allem Multimusiker Eric Bazilian kommuniziert mit dem Publikum, versucht sich auf Deutsch und weiß im Gegensatz zum Antenne-Bayern-Moderator sogar, dass er in Mühldorf spielt und keineswegs in Mühlhausen.

Die Rennbahn, daran hält der Veranstalter nach den ersten Stunden fest, sei optimal. Deshalb gebe es auch wenig Anlaufschwierigkeiten, wie sie ein großes, neues Festival normalerweise mit sich bringe. Die eine oder andere Schlange vor dem Bierverkauf und der Toilette nehmen die Gäste gelassen. Die mögen am Samstagabend über 10000 zählen, genau kann das noch niemand sagen. Feuerwehr und Rotes Kreuz sind mit dutzenden Helfern im Einsatz, Bereitschaftspolizisten patroullieren zwischen Rockfans. Ein Fazit über den Einsatz gibt es gestern noch nicht, nur eine erste, vorsichtige Einschätzung: "Keine großen Vorkommnisse, es ist gut abgelaufen." Näheres heute.

Mit großen Problemen muss Roger Hodgson kämpfen, dessen Elektroklavier, genauer die Software, kurz vor dem Auftritt den Geist aufgibt. Um den Supertrampsound schaffen zu können, ist aber genau diese Instrument der Firma Kork notwendig, eine hektische Suche unter Aufbietung aller Kräfte beginnt. Weder Mühldorfs Pianist Fritz Killermann noch die Musikalienhandlungen und Bands der näheren Umgebung können helfen, erst im Münchener Kunstpark Ost ist das passende Stück aufzutreiben. Mit reichlicher Verspätung geht Hodgson auf die Bühne, entschuldigt sich überaus höflich für das Missgeschick und bietet mit einem verkürzten Programm das, was seine Fans erhofft hatten: Lieder von Supertramp, nur begleitet vom kongenialen Saxofonisten Aaron MacDonald: Ruhige, technisch brillant dargebotene Musik.

Die Arena ist voll, alle stehen. Francis Rossi und Rick Parfitt betreten unter Jubel die Bühne, und sofort ist er da, der typische Sound von Status Quo, jenes Damdadida, damdadia, damdadia, da, da, jene drei Griffe auf der Klampfe, mit der die Band um die beiden Gründungsmitglieder seit 47 Jahren die Welt in Partystimmung versetzt. Es wird richtig laut, "The wanderer", "You're in the army now" und, ganz am Schluss: "Rockin' all over the World", das Mottolied der fünf Altrocker.

Und es geht noch härter und vor allem: noch lauter. Deep Purple sind da, "Highway Star" das Eröffnungslied - und Ian Gillan, die Stimme des Hard-Rock, ist kaum zu hören. Bis ganz zum Ende geht sein Gesang in der Klangfülle unter und es wird schmerzlich bewusst, wie prägend Gillans Stimme für die Musik von Deep

Purple ist. Aber sonst: Alles wie früher. Roger Glover spielt noch immer den härtesten Bass der Welt, Ian Paice beschleunigt auch kurz vor seinem 61. Geburtstag schwindelerregend das Schlagzeug zum aggressiven "Speed King", Orgelspieler Don Airey bedient sich respektlos bei allem, was Klassik und Rock zu bieten haben. Dazwischen wandert Ian Gillan wie der Großvater des Rock'n'Roll über die Bühne und lobt seine Mitspieler für gelungene Soli.

Der ohrenbetäubende Matsch-Klang ist fast vergessen, als Gitarrist Steve Morse die vier Töne anspielt, die das vielleicht bekannteste, aber sicher beste Gitarrenriff der Welt sind: "Smoke on the Water", kreischt Gillan ins Mikrophon und Tausende mit ihm, "a fire in the sky": Der Himmel über Mühldorf brennt.

hon

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