Keine Entschuldigungen für Hetzjagd

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Mühldorf - Drei Männer zwischen 21 und 34 Jahren haben im Juli 2009 einen Brasilianer durch den Bahnhof gejagd, ihm die Haare ausgerissen und ihn verprügelt. Vor dem Amtsgericht kamen sie mit Geld- und Bewährungsstrafen davon.

Die Schwere der Schuld habe nichts mit der Schwere der Verletzungen zu tun, betonte Richter Heinrich Ott bei der Urteilsverkündung. Zuvor hatte ein Verteidiger in seinem Plädoyer tatsächlich als strafmildernd dargelegt, dass es immerhin "keine offenen Wunden" gegeben habe.

Wie schwer die Schuld der drei Angeklagten tatsächlich wiegt, zeigte die Zeugenaussage des Opfers. Der 36-jährige Brasilianer betrat völlig verschreckt den Gerichtssaal und kämpfte minutenlang mit den Tränen, als er schilderte, was sich am 30. Juli am Bahnhof abgespielt hat: Eine Hetzjagd mit brutalem Ausgang. Die Täter: ein 21-jähriger Arbeitsloser, ein 30-jähriger Montagearbeiter und ein 34-jähriger Krankenpfleger. Alle drei wohnten damals im Landkreis.

Ausgangspunkt war die Toilette des Bahnhofs. Dort begegnete der Brasilianer dem 21-jährigen Angeklagten zum ersten Mal. Es folgte ein Wortwechsel, der sich wohl darum drehte, ob der Mann mit den Rastarlocken Marihuana verkaufe. Der Brasilianer verneinte, verließ das Klo und wartete auf seinen Zug.

Dann eskalierte die Situation - vor allem, weil der 21-Jährige völlig die Kontrolle verlor. Zusammen mit seinen beiden Freunden stellte er den dunkelhäutigen Südamerikaner außerhalb des Bahnhofsgebäudes, beschimpfte ihn als "Affen" und "Neger" und schlug mehrfach auf ihn ein.

Der Mann floh zurück in die Bahnhofshalle und von dort in den Kiosk. DajJährige Krankenpfleger blieb an der Tür stehen, die beiden anderen schnappten sich den Brasilianer im Laden. Es kam zu einem heftigen Gerangel, Glas ging zu Bruch. Am Ende hielt der 31-jährige den Mann fest, während der 21-Jährige auf das Opfer einschlug. Zuvor hatten sie ihn an den Haaren gezogen und ihm fünf Rastalocken ausgerissen. Die beiden Täter ließen erst von ihm ab, als eine Zeugin die Polizei rief.

Die Beweislast war erdrückend. Da mutete es unverschämt an, wie die Angeklagten versuchten, dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung zu bestreiten. Bei einem Sturz sei er im Kiosk mit der Hand im Gesicht des Opfers gelandet, behauptete der 21-Jährige. Sein 30-jähriger Mittäter sprach davon, dass er die "Männer nur auseinanderbringen wollte". Und der 34-Jährige an der Tür habe eben "nicht genüsslich zugesehen" wie Richter Ott es nannte, sondern angeblich "aufhören" gebrüllt.

Glauben wollte das im Gerichtssaal niemand. Der Richter erhöhte den Druck, drohte damit, die Verhandlung zu vertagen und die Hauptzeugin aus Amerika einfliegen zu lassen - auf Kosten der Angeklagten. Und so folgte dann doch noch ein kleinlautes Geständnis des Trios und die Strafe.

Der 34-Jährige kam mit einer Geldstrafe in Höhe von 4000 Euro davon - wegen unterlassener Hilfeleistung. Die beiden Mitangeklagten wurden wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt: Der 30-jährige Montagearbeiter zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung.

Dass der 21-Jährige, der heute in Ostdeutschland lebt, ebenfalls noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davon kommt, ist allein dem Wohlwollen des Jugendschöffengerichts zu verdanken. Mit seinem Angriff verstieß er gegen eine bestehende Bewährungsauflage, die Staatsanwaltschaft hatte wegen der Vorstrafen und des brutalen Vorgehens eine Gefängnisstrafe gefordert, wird aber nicht in Berufung gehen.

Auch wenn Staatsanwältin und Richter das Thema nicht in den Mittelpunkt rückten, stand der gesamte Prozess unter dem Eindruck, dass es sich um eine rasistisch motivierte Tat gehandelt hat: Schließlich wurde der 21-Jährige neben der Körperverletzung auch dafür verurteilt, dass er im August zwei Polizisten den Hitlergruß gezeigt hat. Und der 34-jährige Krankenpfleger ist in der rechtsextremen Szene ebenfalls kein Unbekannter: Er ist Gründungsmitglied des NPD-Kreisverbandes Altötting-Mühldorf und kandidierte bei der Bundestagswahl 2009 für die NPD.

Der Brasilianer war spürbar erleichtert, als er den Gerichtssaal wieder verlassen konnte. Die Prellungen sind längst verheilt, die Haare nachgewachsen. Was bleibt ist seine Angst, dass sich so etwas wiederholt. Vier Tage lang hat er sich nach dem Vorfall nicht aus seiner Münchener Wohnung getraut, erst dann ging er zum Arzt.

Entschuldigt hat sich bei ihm keiner der drei Verurteilten.

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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