Gesellschaft funktioniert nicht ohne Ehrenamt

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Das Goldene Buch vereint Rot und Schwarz: Landrat Georg Huber, Mühldorfs Bürgermeister Günther Knoblauch und Gastgeber Mayer (von links) schauen Minister Friedrich beim Schreiben zu.

Mühldorf - Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich hat im Haberkasten mit Vereinsvorständen über Herausforderungen im Ehrenamt diskutiert.

Die neuralgischen Punkte sind Geld und bürokratische Vorschriften.

Ohne Ehrenamt würde die Gesellschaft nicht funktionieren, betonte Gastgeber, Bundestagsabgeordneter Stephan Mayer (CSU). Um den Herausforderungen zu begegnen, müssten auch unkonventionelle Mittel, wie ein Bonus für Ehrenämter bei Studienplatzbewerbungen oder bei der Rentenanwartschaft diskutiert werden, sagte er an die Adresse des für das Ehrenamt zuständigen Innenministers.

Der sprach von einer hochmodernen Einrichtung, die die Gesellschaft erst leistungsfähig mache. 23 Millionen Menschen seien ehrenamtlich engagiert, sagte Friedrich. Aus Staatssicht sei die größte Aufgabe, Sorge zu tragen, dass das Ehrenamt Anerkennung finde. Größte Herausforderung sei die demografische Entwicklung. Als ein Gegenmittel sei die Engagementstrategie 2010 verabschiedet worden, die zum Ziel habe, die Rahmenbedingungen zu verbessern, die Wirtschaft ins Boot zu holen und Geld bereitzustellen.

In einer regen Diskussion trugen die Vereinsfunktionäre aus Sport, sozialen und karitativen Verbänden und dem Katastrophenschutz ihre Anliegen vor. Immer wieder genannt wurde Bürokratieabbau und steuerliche Erleichterungen. Die Sozialabgabepflicht für Ehrenamtspauschalen sei nicht tragbar, bemängelte etwa Kreisbrandrat Karl Neulinger. Und es werde immer unrentabler, Feste abzuhalten, weil Umsätze besteuert werden müssten, obwohl der Erlös ohnehin meist allgemeinen Zwecken zugute komme. Neulinger schlug vor, ähnlich wie in Österreich ein Vereinsfest pro Jahr steuerlich freizustellen. "Das ist ein interessanter Vorschlag", sagte der Minister und sicherte zu ihn ans Finanzministerium weiterzugeben, wobei allerdings die Gleichbehandlung aller Steuerpflichtigen Vorrang habe. Aber über höhere Freibeträge sei sicher zu reden.

Heldensteins Bürgermeister Helmut Kirmeier wies auf die Haftung hin, die bei den Vorständen verbleibe und viele vom Engagement abhalte. So sei ein Stück Kultur gefährdet, sagte auch der Minister. Allerdings habe der deutsche Perfektionismus dazu geführt, dass die Vorschriften immer strenger würden. Denn wenn etwas passiere, tauche meist zuerst die Forderung auf, die Vorschriften zu verschärfen. Er schlug vor, auf kommunalpolitischer Ebene Einzelfälle kulant zu handhaben. Gleiches gelte für die Abgaben zur Künstlersozialkasse und für die GEMA, hier müssten Vorschriften bei Vereinen so gehandhabt werden, dass sie möglichst wenig beeinträchtigt werden.

AWO-Vorsitzender Klara-Maria Seeberger brachte die auslaufende Finanzierung für das Haus der Begegnung zur Sprache. Die Folgefinanzierung sei angeregt, so der Minister. Prinzipiell sei er dafür, Projekte aus einem großen Fördertopf flexibel vor Ort zu finanzieren, statt Pilotprojekte für eine bestimmte Zeit zu unterstützen und dann im Regen stehen zu lassen.

Kritik erntete die Wirtschaft. Es sei nicht mehr üblich, Mitarbeiter fürs Ehrenamt freizustellen, lautete die Kritik der Vereinsfunktionäre. Das Problem liege weniger beim Handwerk und den Mittelständlern, glaubt Friedrich, aber die Niederlassungen großer Konzerne hätten meist wenig Spielraum, zuungunsten der Betriebswirtschaftlichkeit zu entscheiden. "Wir müssen der Wirtschaft klar machen, dass wir mehr Gemeinsinn erwarten", betonte er. Dass es auch im öffentlichen Dienst zu Problemen komme, überrasche ihn, so Friedrich, "Es muss eine Frage der Ehre sein, Mitarbeiter freizustellen."

Um den Antrag auf einen Zuschuss für die Eisstock-WM 2012 in Waldkraiburg, für den die Zusage laut Schatzmeister Leonhard Mittermeier immer noch nicht ergangen ist, will sich Friedrich sofort kümmern. Auch die Aufnahme von Schiedsrichtern in die Regelung für Freibeträge für Aufwandsentschädigungen leuchte ihm ein.

Dass manche Kinder wegen der gestiegenen schulischen Anforderungen keine Zeit mehr für freiwilliges Engagement hätten, bestätigte der Minister aus eigener Erfahrung als Vater einer Tochter im G8. "Die Entwicklungen im gesellschaftlichen und beruflichen Leben sind ungesund", sagte er, "wir müssen in allen Lebensabschnitten Entschleunigungselemente einbauen." Er könne nicht versprechen, alle Probleme kurzfristig zu lösen, aber er werde sich zugunsten des Ehrenamts einsetzen.

nl/Mühldorfer Anzeiger

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